SEK-Großeinsatz: So erlebten Kelheimer den Ausnahmezustand

Zwei Hubschrauber, die wenige Meter über Kelheims Altstadtrand kreisten. Schwer bewaffnete Polizei, Straßensperren und ein Video, das in der Kreisstadt viral ging. Das alles gehörte zu dem Großeinsatz, den ein 33-Jähriger mit Schusswaffe Dienstagnachmittag ausgelöst hatte. So erlebten Kelheimer in und um die Altstadt den Ausnahmezustand.
„Was ist bei dir los?“ Im Sekundentakt purzelten Stadtrat Josef Pletl, der seinen Hof bekanntlich wenige Meter neben dem Tatort hat, Nachrichten aufs Handydisplay. Dienstagnachmittag ab 17 Uhr saß er im Bauausschuss im Deutschen Hof, als ihm besorgte Freunde und Bekannte derlei Nachrichten schickten.
Als er sich knapp 30 Minuten zuvor – wie gewohnt – zu Fuß auf den Weg machte, wusste er zwar, dass hinter seinem Hof „etwas im Gange ist, aber nicht genau was.“
Anruf: „Familie ins Haus holen“
Es habe noch einen Anruf gegeben, dass alle ins Haus gehen sollten. Familienmitglieder, die noch im Garten waren, wurden dann hereingeholt. Einen Schuss oder dergleichen habe er zuhause nicht gehört, sagt Pletl. So habe er sich auch nichts gedacht, als er sich zur Ausschusssitzung aufmachte. Schließlich ging er in die entgegengesetzte Richtung.
Im Deutschen Hof erreichte ihn wie viele Kelheimer dann auch ein Video, das binnen kürzester Zeit viral ging, es zeigt Polizeibeamte mit Waffe im Einsatz am Bräugraben.
Vorfall mit Apothekenräuber in Kelheim
Liegt es an der Ecke, in der er lebt, dass der Vorfall vom Dienstag dort passierte? Zweifelsohne gibt es dort viel Grün, Büsche, Sträucher. Den Umstand, dass man sich dort „gut verstecken“ kann, nutzte vor vielen, vielen Jahren auch ein Apothekenräuber, erinnert sich Pletl. Am Mittwoch war er vor allem froh, dass alles glimpflich ausgegangen ist. „Ich will mir nicht ausmalen, was da passieren kann.“
So lief‘s im Weissen Brauhaus und bei Schneider Weisse
Keine 500 Meter vom Tatort entfernt liegen der Biergarten vom Weissen Brauhaus und die Brauerei Schneider Weisse. Hat die Polizei seinen Biergarten vorübergehend dicht gemacht? Nein, sagt Wirt Thomas Wieser. Der Betrieb sei – obwohl die beiden Hubschrauber sehr tief über dem Gelände kreisten – „relativ normal“ weitergegangen. Nur zwei Parteien, die reserviert hatten, sagten ihr Kommen ab. Im Lokal und im Biergarten, das von einer Mauer umgeben ist, habe er den Vorfall nicht so dramatisch wahrgenommen. Die meisten Gäste trudeln abends erst gegen 18, 19 Uhr ein, so Wieser. Da sei der Einsatz quasi beendet gewesen. Auch ihm spielte ein Gast das Handyvideo vor.
Nebenan in der Brauerei lief zur Zeit des Einsatzes eine Besprechung mit dem Braumeister, sagt Marketing-Mann Christian Schürmann. Der anhaltende Lärm der Hubschrauber habe die Teilnehmer irgendwann auf die Straße getrieben. In der Emil-Ott-Straße traf man auf Wirt Wieser, der wusste schon, „dass man vorsichtig sein“ sollte. Abgesperrt war nichts. Einzig ein Mannschaftsbus der Polizei parkte vor dem Brauereiladen.
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Zudem meldeten sich Kollegen, die früher den Feierabend angetreten hatten und noch vor den Straßensperren durchgekommen waren, dass der Rest der Mannschaft sicherheitshalber erst einmal in der Brauerei bleiben solle. Die Entwarnung kam bei Schürmann und den Kollegen „nicht so richtig an“. Gegen 18.45 Uhr machten sie sich auf den Nachhauseweg.
Besorgte Eltern kontaktierten Budo-Akademie
Verkehrschaos und Sorgen machten sich auch am anderen Ende der Altstadt bemerkbar. Am späten Nachmittag laufen in der Budo-Akademie zahlreiche Kinderkurse. An die 40 Buben und Mädchen trainierten Karate oder Kickboxen, als erste Eltern anriefen und baten den Nachwuchs erst einmal im Haus zu behalten, um sie dort abzuholen. „Da haben wir sofort reagiert“, sagt Heidi Measara. Sie ist froh, „dass es so ausgegangen ist“.
Dem kann sich Luise Regensburger vom Café am Donautor nur anschließen. Zum Glück seien Dienstag keine neuen Hausgäste angekommen. Viele parken üblicherweise am Volksfestplatz. Während des Einsatzes hätten sie schwerlich den Weg gefunden. Der Betrieb im Café sei zunächst relativ normal gelaufen. Dann verbreitete sich die Kunde via Social Media. Viele Gäste hätten dann geschaut, „dass sie sich verdünnisieren“. Nur ein paar neugierige Jugendliche mit Handy habe sie noch gesichtet, so Regensburger. Zudem machte sie aus, dass auch Mitarbeiter von Geschäften in der Nähe früher aufräumten. Teils seien die Zufahrten Innenstadt abgeriegelt gewesen, wohl auch weil sich viele eine Abkürzung im Verkehrschaos versprachen.
Manch Fußgänger, der unbedarft vom Volksfestplatz kommend auf die Bahnhofstraße einbog, begriff den Ernst der Lage erst, als er von Einsatzkräften angebrüllt wurde, dass Gefahr drohe und er umkehren sollte.


