Nach 45 Jahren eine DNA-Spur: Wird jetzt der Mörder von Christa Mirthes gefasst?

Von Isolde Stöcker-Gietl, André Baumgarten · 14. September 2023 um 10:04

Es ist wohl die letzte Chance, die die Ermittler der Amberger Kripo noch haben: Der seit 1978 ungeklärte Mord an der damals 15-jährigen Christa Mirthes aus Schwandorf – eine gebürtige Deggendorferin − wird noch einmal neu aufgerollt. Und dafür gibt es einen wichtigen Ansatz: eine DNA-Spur.

Als im Jahr 1999 ein Nachtclub-Boss aus dem Rodinger Raum in Regensburg vor dem Landgericht steht, da fällt der Name Christa Mirthes. 22 Jahre ist das 15-Jährige Mädchen aus Schwandorf zu diesem Zeitpunkt tot. Es wurde Opfer eines mit großer Grausamkeit durchgeführten Sexualmordes. Ein Cold Case, auch wenn man das hierzulande noch nicht so nannte. Und nun legte der damals mitangeklagte Diskjockey die Spur ins Rotlichtmilieu und zu dem Nachtclub-Betreiber. Es blieb, wie auch die weiteren Ermittlungen im Jahr 2003 zeigten, eine Mutmaßung, eine Spekulation, die sich mit dem tatsächlichen Geschehen nicht in Einklang bringen ließ.

Das Verbrechen – davon sind die Ermittler, die jetzt die Akte Mirthes erneut geöffnet und alle vorhandenen Spuren neu bewertet haben überzeugt – hat ein Täter mit sehr guten Ortskenntnissen begangen. Ein Täter, dessen Name womöglich längst in den Ermittlungsakten aufgetaucht ist. Und nach dieser Person wird jetzt auch mit einer DNA-Spur gesucht, bestätigt Kriminalhauptkommissar Thomas Emerich, der die neuen Ermittlungen federführend leitet.

Leichenablageort bewusst gewählt?

Die Leiche von Christa Mirthes wurde am 16. Juni 1978 im Schacht eines trockengelegten, zugemüllten Brunnens entdeckt. Zwei Buben, zehn und elf Jahre alt, hatten im Innenhof des heruntergekommenen Gebäudes in der Klosterstraße 30 in der Nähe des Schwandorfer Bahnhofs gespielt und dachten zunächst, dass der Arm, der aus dem Unrat hing, zu einer Schaufensterpuppe gehörte. Vielleicht wusste der Täter von diesem Durcheinander und hat deshalb ganz bewusst diesen Ort für die Leichenablage gewählt?

Für die Buben war es dagegen ein Ort voller Abenteuer. Nur der Gestank wurde in den warmen Junitagen immer schlimmer. Deshalb warfen sie Unrat, den sie im Hof fanden, in den Brunnen. Zuhause erzählte einer der beiden von dem Arm, dem Gestank und den vielen Fliegen. Einige Tage später gingen die Kinder erneut zu der Stelle, diesmal in Begleitung eines älteren Bruders. Ein Nachbar kam hinzu und erkannte sofort, was in dem Schacht lag. Er alarmierte die Polizei.

Mädchen galt als Streunerin

Christa Mirthes wurde 1962 in Deggendorf geboren und kam als Kind nach Schwandorf. Gemeldet war sie bei ihrer Mutter in der Sommerstraße. Doch dort ließ sie sich in den Monaten vor dem Verbrechen kaum noch blicken. Schon mit 13 Jahren arbeitete die Schülerin in einem Etablissement, dem Seehaus Neubäu, als Animierdame. Ein Bordell vor den Toren Rodings, das jenem Mann gehörte, der später kurzzeitig ins Visier der Ermittler geriet.

Ermittler Emerich sagt, dass sich Christa Mirthes nicht prostituiert habe, Sie habe kein Geld für Sex genommen. Sie habe sich aber gerne von Männern einladen lassen. Ihr Freundeskreis sei sehr groß gewesen. Viele flüchtige Bekanntschaften, aber auch engere Freunde. Mit einigen Männern hatte sie sexuelle Kontakte, zum Teil waren diese verheiratet. „Vielleicht konnten sie damals nicht mit der Polizei reden, aber heute“, ist deshalb eine Hoffnung der Ermittler.

Lesen Sie hier mehr über den Fall.

Ab Januar 1978 brach das Mädchen den Kontakt zu ihrer Mutter ab, trieb sich in der Stadt herum. Übernachtete mal hier, mal da. Es sind diese Stationen bis Ende April 1978, denen die Polizei große Bedeutung zumisst. Auch, weil das eingebundene Team der Operativen Fallanalyse des Bayerischen Landeskriminalamtes diese These stützt. Was waren das für Personen, bei denen Christa Mirthes Unterschlupf gesucht haben könnte?

Es werden Zeugen gesucht, die in den Wochen vor der Tat, die spätestens Anfang Mai 1978 erfolgte, Beobachtungen gemacht haben. Bei welchen Personen schlief Christa Mirthes in dieser Zeit? Bei wem hatte sie ihre Reisetasche, Kosmetikutensilien und Kleidung verwahrt? Was ist nach der Tat mit den wenigen Habseligkeiten des Opfers passiert? Bewahrt sie womöglich noch heute jemand auf?

Kriminalhauptkommissar Emerich betont im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern, dass laut der Staatsanwaltschaft Amberg Zeugen, die damals bewusst schwiegen, nichts zu befürchten hätten. Alle Straftatbestände wären inzwischen verjährt. Nur Mord verjährt eben nicht.

Im Labor haben die Ermittler noch einmal alles untersuchen lassen, was sie an und neben der Leiche gefunden haben: Überreste von Mullbinden, die grünen Plateauschuhe des Opfers, die rot-schwarzen Frotteesocken, Mirthes Halskettchen mit einem Wanderstiefel-Anhänger und dem Namen „Peter“ und die schwarze Veloursjacke mit dem gelben Teddyfutter. Die Unterwäsche seine Opfers hat der Täter womöglich mitgenommen. Wo die DNA-Spur generiert werden konnte, will Emerich nicht sagen. Bisher habe sie aber nicht zu einem Tatverdächtigen geführt. Wie überhaupt noch nie eine Person in dem Mordfall als Beschuldigter geführt worden sei.

Fundort ist nicht Tatort

Und auch der Tatort bleibt ein Rätsel. Eine Untersuchung des verfallenen Hauses mit Hilfe des sogenannten Luminol-Verfahrens brachte seinerzeit nur drei kleine Blutflecken ans Licht. Viel zu wenig, befanden die Ermittler. Denn die schweren Verletzungen an der Leiche weisen darauf hin, dass hier jemand mit äußerster Brutalität vorgegangen war. Kopf und Kiefer waren mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert worden, an der Brust, am rechten Oberarm und Unterleib sowie am rechten Schlüsselbein hatte die junge Frau Einschnitte und Einstiche.

Alles spricht dafür, dass Christa Mirthes nicht an diesem Ort starb, ergaben auch die jetzt durchgeführten Neubewertungen. Ihre Leiche wurde wohl in der Klosterstraße abgelegt. Ob der Täter dabei Helfer hatte? Eine kräftige Person hätte es alleine schaffen können, sagt der Ermittlungsleiter. Aber vielleicht wurden damals Fahrzeugbewegungen beobachtet oder etwas anderes, das sich die Zeugen womöglich nicht erklären konnten. „Wir wissen aus Aktenzeichen xy, dass auch Jahrzehnte nach einer Tat solche Beobachtungen noch den entscheidenden Hinweis erbringen können“, sagt Emerich.

Hier berichtet die MZ-Kollegin, die damals als erste am Tatort war.

Es ist der dritte und wohl auch letzte Versuch, die Ermittlungen noch einmal intensiv in alle Richtungen zu führen und den Täter zu finden. Denn 45 Jahre nach der Tat gibt es immer weniger Zeugen. Die Zeit drängt, sagt der leitende Ermittler. Vielleicht ist auch der Mörder von Christa Mirthes längst tot. Ausschließen können das die Ermittler nicht. „Selbst wenn der Beschuldigte schon verstorben wäre, wollen wir das trotzdem noch klären. Auch für die Angehörigen des Mädchens.“

Die Ermittler bitten die Bevölkerung um Mithilfe. Wer Antworten auf folgende Fragen geben kann, wird gebeten, sich unter 09621/890-2040 mit der Kriminalpolizei Amberg in Verbindung zu setzen.

• Wer kann Hinweise zum Täter beziehungsweise zu möglichen Mittätern machen?

•Wer hat zwischen 30.04.1978 und 15.05.1978 auffällige Beobachtungen in der Klosterstraße 30 in Schwandorf (Fahrzeuge/Personen) gemacht?

•Wo hat sich Christa Mirthes zwischen 18.01.1978 und 30.04.1978 aufgehalten?

•Wer gewährte der 15-jährigen Christa Mirthes, die seit 17.01.1978 von zu Hause abgängig war, Zuflucht?

Für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung oder Überführung des Täters führen, hat das Bayerische Landeskriminalamt eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro ausgelobt. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Täter bereits verstorben ist.

Die Kleidungsstücke des Opfers wurden auf DNA untersucht.
Im Brunnen eines Innenhofes in der Klosterstraße 30 lag die Leiche der Schülerin. Fotos: MZ-Archiv
Ihre Leiche wurde wohl in der Klosterstraße abgelegt. Eine Untersuchung des verfallenen Hauses mit Hilfe des sogenannten Luminol-Verfahrens brachte seinerzeit nur drei kleine Blutflecken ans Licht. Viel zu wenig, befanden die Ermittler. Alles spricht dafür, dass Christa Mirthes nicht an diesem Ort starb, ergaben auch die jetzt durchgeführten Neubewertungen. Foto: PP Oberpfalz