Regensburg: Der hechelnde Zuhörer – Wenn Kinder Hunden vorlesen

Regelmäßig lesen Kinder in der Candis-Bücherei in Regensburg Hunden vor. Wie läuft so etwas ab? Die Mittelbayerische durfte (fast) hautnah dabei sein.
Romeo erblickt durch die Glastür Beatrice Schrieck. Er wedelt er mit dem Schwanz, als er sie sieht. Oder besser gesagt: Er wedelt mit dem ganzen Körper. Als die Bibliothekarin die Tür zur Stadtteilbücherei im Candis-Viertel öffnet, springt der Hund vor Freude im Kreis. Kurz reißt es ihn sogar von den Pfoten. Schrieck führt Romeo gemeinsam mit Frauchen Lena Rieger in einen separaten Raum, wo sich der dreijährige Mischling sofort auf einen großen Plüsch-Dino stürzt. „Der kennt sich hier schon aus“, sagt Schrieck lachend.
Romeo ist an diesem Tag die Haupt-Attraktion in der Candis-Bücherei. Er ist gewissermaßen das Herzstück der Aktion „Kinder lesen Hunden vor“. Im Rahmen des Programms soll Kindern die Angst vorm Lesen genommen werden. „Ein Hund verbessert die Kinder nicht. Er hört ihnen einfach zu“, sagt Schrieck.
„Der war sooo flauschig“
An diesem Freitag ist die neunjährige Klara als erstes an der Reihe. Für zehn Minuten gehört Romeo ganz ihr. Nur Frauchen Lena ist mit im Raum. Eltern und Geschwister müssen draußen bleiben – das gilt auch für neugierige Reporter. Nach einigen Minuten kommt Klara wieder aus dem Zimmer, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. „Der war sooo flauschig“, sagt die Drittklässlerin freudestrahlend. Ganz ruhig sei er gewesen, sagt die Neunjährige. „Manchmal hat er sich Leckerlis geholt“, berichtet Klara. Sie habe aber weniger auf den flauschigen Zuhörer geachtet. „Ich habe mich ganz auf mein Buch konzentriert.“ Ein Werk aus der Reihe „Ponyherz“ hat sie dem Hund vorgelesen. Ihre Mutter schaut Klara an: „Was ist eigentlich der Unterschied, wenn du mir vorliest und wenn du dem Hund vorliest?“ Die Neunjährige muss kurz überlegen. Ihre Schuhe baumeln knapp über dem Boden. „Der Hund hechelt immer und du nicht, Mama.“ Manchmal sind selbst Mütter sprachlos.
Auch Klaras Schwester Lina durfte Romeo vorlesen. Sie hat sich für das Buch „Sternenschweif: Die goldene Feder ausgesucht.“ Das besondere an dem Werk? „Der Zauberspruch“, sagt die Siebenjährige mit einem Lächeln auf den Lippen. Sehr gut habe es ihr gefallen, sagt sie. „Der Hund ist viel rumgegangen und hat sich gestreckt.“
Herumfläzen, ein paar Leckelis naschen und Geschichten von Pferden und Einhörnern zu lauschen: ein echter Hunde-Traum. Doch in Romeos Leben lief nicht immer alles so glatt. „Dem ging es richtig schlecht“, sagt Bibliothekarin Schrieck.
Die Rettung von Romeo
Seit rund zwei Jahren ist Romeo an der Seite von seinem Frauchen Lena Rieger. „Ursprünglich kommt er aus Bulgarien.“ Im Alter von fünf Monaten sei der Mischling von einer Tierschutzorganisation gerettet worden. Die 21-Jährige studiert in Regensburg. In einem Uni-Seminar bei der Professorin Silke Schworm ließ sie Romeo zum Lesehund ausbilden.
Das Programm in der städtischen Bibliothek findet in Zusammenarbeit mit der Uni Regensburg statt. Mit der Aktion soll die Lesekompetenz von Kindern gestärkt werden. Zudem sollen sie lernen, Lernstrategien zu entwickeln und emotionale Selbstregulierung lernen.
„Wichtig ist die Aufgeschlossenheit gegenüber Kindern. Die Hunde sollten natürlich nicht beißen und aggressiv sein.“ Romeo liegt zu ihren Füßen und blickt Rieger immer wieder aufmerksam an, wenn sie spricht. Die Pfoten hat er dabei übereinander gelegt. „Das macht er gern“, sagt die 21-Jährige
Ein Lieblingsbuch hat Romeo nicht, sagt Rieger. „Aber er hat Lieblingswörter. So etwas wie Essen oder Guten Morgen.“ Romeo merkt kurz auf. Sein Frauchen muss lachen.
Als nächstes darf der Mischling Madelene lauschen. Die 11-Jährige hat sich das Buch „Conni, Phillip und das Supermädchen“ ausgesucht. „Es ist schon cool“, sagt sie. „Er hat sich hingelegt und ich hab ihn gestreichelt. Ich glaub, er hat mir auch ein bisschen zugehört.“
Gemeinsam mit ihrer Schwester Elisa sitzt Madelene an einem Rätsel-Bildschirm im hinteren Bereich der Bibliothek. Die Mädchen sind von Tieren begeistert. „Wir haben im Moment acht Katzen“, erzählt die neunjährige Elisa. „Aber fünf sind Babykatzen, die müssen wir bald wieder weggeben. Aber wenn unsere Katzen gestorben sind, kaufen wir einen Hund.“ Ihre Mutter sitzt ums Eck und blättert in einer Zeitschrift, als sie von den Plänen ihrer Tochter hört, muss sie laut lachen.
Nach rund einer Stunde ist Feierabend für Romeo. „Er schläft danach eigentlich immer“, sagt Frauchen Lena. „Dann ist er platt.“

