Grün, Sachpolitiker, Wirt: Stefan Zeller aus Furth im Wald kandidiert für den Landtag

Von Johannes Schiedermeier · 8. September 2023 um 11:00

Im Auto sollte ich eigentlich gar nicht mitfahren. „Da ist Wahlkampf drin“, sagt Stefan Zeller. Dabei ist gerade sein Auto ein Beweis für die Existenz von Nachhaltigkeit im Leben eines Grünenpolitikers, der in den Landtag will: Mehr als 300 000 Kilometer auf dem Tacho, vor Urzeiten schon auf Gas umgerüstet und immer noch in Schuss, der alte Passat.

Um der ganzen Wahrheit die Euro zu geben, muss man aber erwähnen, dass der Passat schon lang vor der Politik in das Leben von Stefan Zeller getreten ist. Seine politische Karriere ist noch jung und begann 2020 mit dem Einzug in den Further Stadtrat.

Dort hat sich Zeller als gefürchteter Sachpolitiker mit langem Atem profiliert. Ein Grüner, der einfach nicht begreifen will, dass sachliche Argumente oft weniger zählen als politische Mehrheiten. Das gilt auch für den Landkreis. Was spricht zum Beispiel gegen ein Windrad auf dem Hohenbogen? – Mal abgesehen vom politischen Argument des Landschaftsbildes.

Zeller ist ein Ausdauersportler, ein leidenschaftlicher Rennradfahrer, der in guten Jahren schon einmal 10000 bis 15000 Kilometer zurücklegt. Diesen langen Atem hat er auch, wenn es um politische Debatten geht.

Im richtigen Leben ist der 52-Jährige seit 25 Jahren der Wirt der Further Musikkneipe „Big Mouth“. Dort ist es politisch recht ruhig, sagt er, mal abgesehen über ein paar Witze, wenn er grüne Getränke über die Theke reicht. Er scheut aber auch eine Debatte nicht, wenn mal einer sagt: „Erklär mir mal, was die in Berlin da gerade machen...“ Und er hält nicht hinter dem Berg damit, dass sein Leben bewegt war. Er ist vorher Lkw gefahren, hat Mathematik studiert und hingeschmissen. Aber für unterstützende Hilfe für Ganztagsschule reicht es leicht noch.

„Ich bin da unerschrocken!“

Doch die politische Beschleunigungsspur in seinem Leben ist kurz. Jetzt also gleich in den Landtag? Wie das? Zeller hat mich auf den Voithenberg gefahren und dort zum Interview auf eine Bank gesetzt. Er lacht ins Grüne: „Ich bin da recht unerschrocken. Man trifft sich ja immer wieder und irgendwann hat jemand gesagt: Das wär doch was für dich. Da hab ich es gemacht und kandidiert.“

Wie er zu den Grünen gekommen ist, das ist ohnehin eine besondere Geschichte. Ein bisserl grün war er schon immer, bevor es offiziell wurde. Und da hat es ihn gestört, dass auf einer Plakatwand nahe seines Hauses in Furth, die schöne Grünen-Parole gefehlt hat: „Europa war die beste Idee, die Europa je hatte“. Da hat er angerufen beim Grünen-Kreisverband und angeboten, auch mal fünf Plakate zu tackern. Ein halbes Jahr hat es gedauert, dann hat er den Sprung in die Partei gemacht.

Den Einfluss der Bundespolitik auf seine Kandidatur kann er nicht beurteilen. Auch wenn er die Entscheidungen nachvollziehen kann, sagt er doch: „Die A-Note ist jetzt nicht der Hit!“

Er hat die Ereignisse in der Welt auf die Ebene seiner kleinen Further Politbühne heruntergezogen: Corona, Ukraine-Krieg, Inflation, Energiekrise. „Die Menschen sind müde von all den Krisen und jetzt kommen wir noch mit dem Klima rüber“, sagt er. Aber die Lehren daraus sind seiner Ansicht nach bis nach Furth gut erklärbar und umsetzbar: „Es muss doch nachvollziehbar sein, dass wir uns nie wieder energetisch abhängig machen dürfen – von niemandem. Und was ist die Konsequenz: Eine Energiewende.“ Und genau hier sieht Zeller die Chance aus den krassen Krise: „Wir müssen weiter voll auf Flächenphotovoltaik und Windkraft setzen!“ Und das Wichtigste daran: Es muss laut Zeller unter möglichst breiter Einbeziehung der Menschen in der Region stattfinden. „Dann verdienen die Menschen in der Region, ihre Stadtwerke und die Kommunen. Das Geld kann das wieder in wichtige Einrichtungen wie Kitas fließen!“ Jetzt ist Zeller richtig in seinem Element und sprudelt.

Es ist ihm wichtig, die Leute mitzunehmen und sie zu überzeugen, weil doch alles eine Logik hat. Deswegen stört ihn nicht nur die A-Note seiner eigenen Bundesregierung, sondern auch, dass Söder und Aiwanger immer weniger Sachdebatten führen und statt Argumenten den Grünen nur mit Ideologie und der Verbotskeule kommen. „Wenn wir tatsächlich Gesetze machen, die etwas einschränken, dann passiert das nur, weil wir die Leute vor einem Fehler bewahren wollen.“ Als Beispiel dafür nennt Zeller die Vorschriften für die Energiewahl bei Neubauten und Sanierungen. „Jeder, der jetzt auf Gas und Öl setzt, wird in spätestens zehn Jahren sehen, dass es ein Fehler war und er draufzahlt“, sagt er.

Zeller setzt in seinem Wahlkampf auf Diskussionsformate. Er will den Leuten zuhören: „Nur so erfährt ma die Sorgen und kann wirklich Dinge nach oben weitergeben.“ Der Grünen-Stadtrat staunt immer wieder darüber, wie groß die Gestaltungsmacht an der Basis ist: „Wir können als Kommune wirklich entscheiden, wo die Flächenphotovoltaik hinkommt und dass wir die Bürger beteiligen wollen.“

Kann man tatsächlich heutzutage gegen all die Populisten noch mit Sachpolitik einen Wahlkampf gewinnen. Zeller zuckt die Schultern und lacht: „Ich weiß es nicht, aber der Versuch läuft. Aber auf welcher Basis würden wir dann am Ende eine Entscheidung treffen, wenn Sachpolitik nicht mehr das Mittel der Wahl ist?“

Zeller setzt darauf, dass sich die guten Beispiele durchsetzen. 90 Prozent der E-Autobesitzer sind zufrieden, sagt e. Und Photovoltaik auf dem Dach bringt was. Das spricht sich rum – da ist sich Zeller sicher. Er weiß aber auch, dass es schwierig geworden ist, weil viele Menschen in ihrer Internetblase leben: „Wenn da einer reinschreibt, dass die Erde eine Scheibe ist, dann finde sich 10000 die zustimmen. Und die sind der Ansicht, dass so viele sich unmöglich irren können. Da kommt man dann mit Fakten nicht ran.“

... und ein langer Atem

„Aber ich kann halt nicht jeden Stammtisch abholen“, sagt der Wirt. – Und den eigenen? „Ich hab keinen. Ich hab einen Tresen“, sagt Zeller. Und was der grüne Rennradfahrer Stefan Zeller unbestritten noch hat: einen langen Atem, der ihn durch den Wahlkampf bringen soll.