Lastwagen reißt historisches Tor im Kreis Neumarkt um: Anwohner erheben schwere Vorwürfe

Das Klosterdorf Gnadenberg im Landkreis Neumarkt steht unter Schock, die Stimmung ist aufgeheizt: Das Altdorfer Tor liegt zu zwei Drittel in Trümmern. Ein Sattelzug hat das historische Gemäuer am Mittwoch früh mit sich gerissen. Nun wird konkrete Kritik laut.
Die gute Nachricht: Das Tor soll wieder aufgebaut werden, lassen Thomas Gruber von der unteren Denkmalschutzbehörde und der Zweite Bürgermeister der Gemeinde Berg, Christian Lehmeyer, wissen. Bis dahin kann es allerdings noch eine Weile dauern. Auch die Ortsdurchfahrt bleibt mindestens am Mittwoch noch gesperrt.
Ortsdurchfahrt Gnadenberg für Schwerlastverkehr gesperrt
„Das hat ja einmal passieren müssen“, sagt Stefan Gruber, der direkt am Torbogen wohnt. Seit Jahren beklagten die Gnadenberger Bürger, Polizei, Landratsamt und Gemeinde nähmen es billigend in Kauf, dass bei Unfällen auf der A3 der Ausweichverkehr durch den 200-Seelen-Ort umgeleitet werde. Und das, obwohl die Ortsdurchfahrt für Fahrzeuge über 7,5 Tonnen gesperrt sei.
Auch in den frühen Morgenstunden des Mittwochs hatten Verkehrsteilnehmer nicht die „blaue Umleitung“ über die A6, sondern die Ausweichroute über Gnadenberg genommen. Der Grund: Auf der A3 hatte sich in der Nacht gegen 2 Uhr zwischen den Anschlussstellen Altdorf und Oberölsbach ein Unfall in einer Nachtbaustelle ereignet.
Zentnerschwere Gesteinsbrocken im Garten
„Um 5.20 Uhr hat es einen lauten Schlag getan – wir sind sofort aus dem Bett gesprungen und aus dem Haus gelaufen.“ Stefan Gruber und seine Frau waren erschüttert von dem Anblick, der sich ihnen vor ihrem Haus bot. Ein großer Sattelzug hatte das Altdorfer Tor bei der Durchfahrt zu zwei Dritteln zerstört. Zentnerschwere Gesteinsbrocken sind in die angrenzenden Grundstücke gefallen. Einige Steine lagen sogar noch auf dem Lkw-Anhänger.
Gruber selbst eilte dem Fahrzeug hinterher, das seinen Erzählungen zufolge erst nach 50 Metern zum Stehen kam, als der Fahrer den Unfall bemerkte. Gruber verständigte die Polizei.
Ein großer Sattelzug war bei der Durchfahrt gegen das Altdorfer Tor gestoßen, der Bogen zusammengestützt und zu zwei Dritteln zerstört.
Zentnerschwere Gesteinsbrocken waren durch die Wucht des Aufpralls in einen Vorgarten geschleudert worden, hatten einen Lichtmast unter sich begraben und ein geparktes Fahrzeug beschädigt.
Gruber selbst eilte dem Fahrzeug hinterher, das seinen Erzählungen zufolge erst nach 50 Metern zum Stehen kam, als der Fahrer den Unfall bemerkte. Gruber verständigte die Polizei. Weswegen der 50-jährige osteuropäische Sattelzugfahrer die für Fahrzeuge dieser Größe gesperrte Ausweichroute durch Gnadenberg nahm und nicht der beschilderten Umleitung U41 über die A6/Alfeld gefolgt sei, „entzieht sich unserer Kenntnis“, betont Gerhard Zenker, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Altdorf.
Ortsdurchfahrt bis auf Weiteres gesperrt
Die Folgen waren fatal: Nach ersten Erkenntnissen sei der Sattelzuglenker nahezu ungebremst ins Gemäuer gefahren, so die Polizei Neumarkt. Außer ihr sicherten die Freiwilligen Feuerwehren aus Berg und Oberölsbach die Unglücksstelle ab und sorgten für eine Umleitung des Verkehrs. Auch Vertreter der Denkmalschutzbehörde waren vor Ort. Denn schnell zeigte sich das ganze Ausmaß des Unglücks, wie der Zweite Bürgermeister Lehmeyer erläuterte, der ebenfalls sofort zur Stelle war. Die gesamte Ortsdurchfahrt musste bis auf Weiteres gesperrt werden.
Den ganzen Mittwoch über liefen Erstsicherungsmaßnahmen, lässt Thomas Gruber von der unteren Denkmalschutzbehörde wissen. In Absprache mit der Gemeinde Berg prüfte ein erfahrener Statiker die Standfestigkeit der Reste des Altdorfer Tores.
Es müsse in Teilen zurückgebaut, die Steine nummeriert, in Folien verpackt und zwischengelagert werden. Den Abtransport werde eine Fachfirma übernehmen, die über einen speziellen Greifer mit Gummilippen verfügt, sodass die noch heilen Steine auf- und wieder abgeladen werden können, ohne dass sie weiteren Schaden nehmen. Laut Staatlichem Baumt Regensburg liege das Hauptaugenmerk auf einer detaillierten Bestandsaufnahme, sodass ein möglichst originalgetreuer Wiederaufbau erfolgen kann.
Bescheid zum Wiederaufbau des historischen Tors
Es sei ganz wichtig, das historische Tor, das zum Klosterensemble gehört, wieder herzustellen, betont Gruber. Deswegen sei auch schon ein entsprechender Bescheid zum Wiederaufbau erlassen worden. In welchem Zeitrahmen dieser erfolgen kann, lasse sich nach derzeitigem Stand noch nicht abschätzen. Zunächst müssten rechtliche und versicherungstechnische Details geklärt werden und auch, wie die Tragfähigkeit des restlichen Tores aussieht. Gegen den Fahrer und die Firma sei ein Ordnungswidrigkeitsverfahren nach dem Denkmalschutzgesetz eingeleitet worden. Auch die Polizei hat ein Bußgeldverfahren eingeleitet.
Der Schaden sei in jeglicher Hinsicht immens, sagt Gruber. Zur materiellen Höhe konnte er jedoch noch keine Angaben machen, da auch nicht klar sei, wie viele Steine wiederzuverwenden seien. Die Spedition teilte auf Anfrage unseres Medienhauses mit, dass der Fahrer eines Subunternehmers den Unfall verursacht habe und das Unternehmen entsprechend versichert sei.
„Kulturhistorischer Verlust unschätzbaren Ausmaßes“
Von einem „kulturhistorischen Verlust unschätzbaren Ausmaßes“ und einem „immensen emotionalen Schaden“ spricht die Vorsitzende des Kulturhistorischen Vereins, Sandra Frauenknecht. Zahlreiche Anwohner hätten geweint, als sie das zerstörte Tor gesehen hätten. Sie identifizierten sich in ganz besonderer Weise mit „ihrem“ Kloster. Und das Tor sei die „Pforte“ ins Klosterdorf gewesen – die Häuser dahinter geschützt, geborgen. Dieser Schutz sei nun verloren. Deswegen sei es auch so wichtig, dass das Tor wieder aufgebaut wird, sagte Frauenknecht.
Ganz Gnadenberg sei am Mittwochfrüh auf den Beinen gewesen, um sich die Unglücksstelle anzusehen. Laut geworden sei dabei auch der Vorwurf, dass dieses Unglück hätte verhindert werden können, wenn die Beschränkung für den Schwerlastverkehr besser kontrolliert worden wäre, kritisiert Frauenknecht.
„Wir haben nur gewartet, dass so etwas passiert“
Der Anwohner Stefan Gruber erinnert sich daran, dass es bereits vor rund 15 Jahren schon einmal einen ähnlichen Unfall gegeben habe. Damals war ein Lastwagen am oberen Torbogen hängen geblieben. Jedoch war der Schaden bei weitem nicht so groß gewesen.
In der Folge hätten sich die Anwohner wiederholt bei den Behörden beschwert und gefordert, dass die Durchfahrtsbeschränkung kontrolliert und Abhilfe geschaffen werden müsse: „Wir haben nur gewartet, dass so etwas passiert.“


