Schauspieler und Regisseur Marcus Mittermeier: „Ein Drehbuch ist wie ein Pizzateig“

Von Christian Eckl · 5. September 2023 um 10:00

Marcus Mittermeier wohnt in Regensburg, ist Schauspieler und Regisseur. Für eine Ausgabe von „München Mord“, wo er selbst oft zu sehen ist, hat er jetzt erstmals das Drehbuch geschrieben. Im Interview mit der MZ hat er verraten, warum das hartes Handwerk ist und was er von künstlicher Intelligenz in der Filmbranche hält.

Das Interview im Wortlaut:

Sie haben erstmals ein Drehbuch für „München Mord“ beigesteuert, in dem sie selbst spielen. Wie kam es dazu?

Marcus Mittermeier: Meine Frau hat mir vor fünf Jahren eine schwierige Aufgabe gegeben. Sie forderte von mir harte Gartenarbeit. Es macht ja Spaß, mit Erde zu arbeiten, also habe ich mich gequält und mir gleichzeitig eine geistige Aufgabe gestellt. Weil ich München Mord und die darin spielenden Figuren wirklich gerne mag, wollte ich darüber nachdenken. Da kam mir die Idee zu dem Drehbuch. Es war am Anfang nur ein Satz, nur eine Idee, die ich hier aber nicht verrate.

Hört sich leicht an.

Mittermeier: Das war es nicht. Ich habe meinen Kollegen bei der Produktionsfirma davon erzählt. Die fanden die Idee gut, haben aber wohl nicht damit gerechnet, dass ich mich hinsetze und wirklich eine Geschichte aufschreibe. Habe ich aber.

Wie entsteht ein Drehbuch für einen ZDF-Krimi? Mit Zettelkasten und einer Pinnwand, auf der man Fäden zwischen den Protagonisten spannt?

Mittermeier: Das war langwierig. Ich habe Schicht um Schicht gearbeitet, die Idee aufgezeichnet, dann die paar Seiten liegengelassen. Dann wieder angefangen, bis es zehn Seiten waren. Und so weiter. Bei München Mord hat man drei Linien: Einmal den Krimiplot, also die Aufklärung des Falles. Zum Zweiten die Kommissare und zum Drittem aber den Plot Verwicklung der Hauptfiguren untereinander und mit dem Kriminalfall. Ich habe das Drehbuch wie einen Pizzateig immer wieder gerollt, geknetet, bis es ganz fein war. Der Film soll 2025 gezeigt werden und heißt „Die indische Methode“.

Die schlimmste Frage an einen Autor lautet: Wie viel Biographie steckt in dem Stück?

Mittermeier: Nicht viel. Der Film hat nichts mit Gärten zu tun, obwohl dort die Idee entstanden ist. Er spielt an einem Münchner Elite-Gymnasium. Dort schicken die Politiker ihre Kinder hin. Der perfekte Ort für unseren Chef Zangel zum Rumgschafteln.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gilt als sehr bürokratisch. Wie oft muss man über so ein Drehbuch drübergehen?

Mittermeier: Ich glaube, am Ende hat man das Drehbuch 50 Mal geschrieben. Das liegt aber nicht daran, dass der Plot in eine bestimmte Richtung gebogen werden soll, sondern weil viele Menschen an einem solchen Film mitarbeiten, deren Vorschläge berücksichtigt werden müssen. Am Ende muss das Drehbuch auch mit den Schauplätzen in Einklang gebracht werden, auch das verlangt Änderungen. Einen Krimi zu schreiben, ist wirklich eine Kunst. Ich habe zwar schon viele gelesen, selbst in Krimis mitgespielt, aber das Schreiben einer solchen Geschichte ist nicht einfach. Man muss die Spannung hochhalten und das ist hartes Handwerk.

In der Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen wird oft behauptet, dass auch bei Fernsehfilmen politisch mitgemischt wird: So nach dem Motto, uns fehlt noch eine Transperson. Stimmt das?

Mittermeier: Ich hatte völlige Freiheit und ich habe noch nie gehört, dass jemand gesagt hätte, man brauche nun noch eine Figur mit zum Beispiel Migrationshintergrund oder so etwas. Was tatsächlich intensiv besprochen wird ist, ob bestimmte Themen überhaupt behandelt werden, weil ein Krimi manchmal einfach zu wenig Raum bietet für eine komplexere Auseinandersetzung.

Das Format „München Mord“ ist Unterhaltung. Braucht es die überhaupt angesichts des Bildungsauftrags des Öffentlich-Rechtlichen?

Mittermeier: Natürlich ist „München Mord“ ein eindeutiges Unterhaltungsformat. Ich glaube, dass die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vielfach missverstanden wird. Es gibt Nachrichtenformate, es gibt Investigatives und es gibt eben die Unterhaltungsformate, die auch dazu beitragen, dass die Menschen einschalten. Man erinnere sich an die besten Zeiten von „Wetten, dass...?“, als 20 Millionen Menschen eingeschaltet haben. Ein Großteil sah danach auch die Nachrichtenformate. Als Unterhaltungsmensch finde ich es übrigens durchaus wichtig, dass wir zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung nehmen. Wir wollen die Lebenswirklichkeit der Leute abbilden und Fragen dazu stellen. Ich weiß auch nicht, was daran falsch sein soll.

Ein Problem haben Sie beim jungen Publikum. Gucken Ihre Kinder ARD oder ZDF?

Mittermeier: Natürlich sind meine Kinder auch bei Netflix unterwegs, aber sie sehen auch manchmal „München Mord“ und finden das Format gut gemacht. Sie schalten eher nicht bei Florian Silbereisen ein. Junge Menschen sind nicht mehr bereit, sich an einen festen Stundenplan zu halten, wie ihn das lineare Fernsehen vorgibt. Deshalb werden auch Mediatheken immer wichtiger.

In den USA streiken gerade Drehbuchautoren und Schauspieler, weil sie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz beim Film verhindern wollen. Haben Sie KI benutzt?

Mittermeier: Ich habe die KI mal ausprobiert, aber nachdem ich festgestellt habe, dass sie Marcus nicht von Michael Mittermeier, dem Komiker, unterscheiden kann, habe ich es gelassen (lacht). Ich bin der Überzeugung, dass die KI unser Leben revolutionieren wird, wie es auch das Internet getan hat. Aber wir müssen das gestalten.

Aber glauben Sie, dass die Künstliche Intelligenz Drehbücher schreibt und Schauspieler obsolet werden?

Mittermeier: Wenn man sich vorstellen, die KI würde das Gesicht von Ryan Gosling scannen und daraus eine spannende Figur entwickeln, fände ich das zunächst ebenso spannend, als wenn die KI einen 35-jährigen Humphrey Bogart entwickelt und diesen neben dem realen Ryan Gosling spielen lassen würde. Aber ich bezweifle, dass Gosling das mitmachen würde. Die Gewerkschaften in Hollywood sind sehr stark und sie versuchen, die Schauspieler und Autoren zu schützen, in dem sie fordern, einen Satz in die Verträge aufzunehmen, der aber entscheidend ist: Sowohl der Autor, als auch der Schauspieler muss ein Mensch sein.

Sie sind am 14. Oktober wieder in „München Mord“ zu sehen. Worum geht es dann?

Mittermeier: Der Film heißt „Der gute Mensch vom Herzogpark“, das ist ein Nobelviertel in München. Es stellt sich aber heraus, dass der gute Mensch doch nicht so gut ist. Ein typischer „München Mord“ eben.