Mit kaputten Reifen bis zur Côte d’Azur: Neunburger Theo Männer erinnert sich an seine Radtour 1958

Theo Männer blättert in dem handgeschriebenen Reiseführer. Erinnerungen an eine besondere Tour kommen hoch: Vor genau 65 Jahren erkundete er mit dem Fahrrad Frankreich.
Dias, Briefe und das Überbleibsel einer Paketverpackung lassen die damaligen Erlebnisse lebendig werden. Es waren seine letzten Sommerferien vor dem Abitur. Gemeinsam mit seinem Kumpel und Klassenkameraden Gunther Ehemann aus Bruck war er rund 2500 Kilometer mit dem Rad unterwegs.
Eine so lange Tour musste gut geplant sein. Ein Jahr nahmen die Vorbereitungen in Anspruch. Die Gymnasiasten besorgten sich Landkarten, liehen Bücher über Frankreich aus, schrieben die Tourismusbüros verschiedener Städte an und baten sie um Material. Aus diesen Infos gestalteten sie einen eigenen Reiseführer mit Tipps zu Sehenswürdigkeiten, Unterkünften und Routen. Handgeschrieben, weil es seinerzeit noch nicht üblich war, alles zu kopieren.
Bruder war auch mit dem Rad in Frankreichs Süden
Probeweise fuhren die Freunde ein Jahr zuvor mit den Rädern durch Franken. Ein Vorbild war Theos älterer Bruder Karl, der ebenfalls mit Kumpels nach Frankreich geradelt war. „Wenn der es kann, können wir es auch“, dachten sie sich.
Auch die eigene Begeisterung für Frankreich spornte sie an. Ihre Ziele sollten die Provence und die Côte d’Azur sein. Erreichen wollten sie diese mit Drahteseln der Marke Donaustolz, die drei Gänge hatten. Kaum, dass die Sommerferien gestartet waren, ging es los. Auf deutscher Seite seien sie wegen schlechten Wetters nur langsam vorangekommen, erinnert sich der 83-Jährige, der bis 2002 an der Neunburger Realschule als Lehrer tätig war. Je weiter sie in den Süden kamen, desto heißer wurde es.
In Lyon kam es zur ersten großen Panne. Da Theo Männer das Hinterrad mit Gepäck zu stark belastet hatte, platzte der Reifen und der Mantel riss auf. Provisorisch richtete er das Rad her, um ins 30 Kilometer entfernte Vienne zu kommen. Dort gingen sie zu einem Fahrradhändler, der ihnen aber keinen passenden Mantel geben konnte. Sie würden in ganz Frankreich keinen bekommen, meinte der Händler. Das wollten sie nicht glauben und riefen beim Großhandel in Lyon an. Doch auch dort konnte man ihnen nicht helfen und bestätigte die Aussage des Händlers.
Telegramm an Eltern geschrieben
In seiner Not schrieb Theo ein Telegramm an seine Eltern, in dem er sie bat, ihm Mantel und Schlauch zu schicken – aber nicht nach Vienna, sondern ins 200 Kilometer entfernte Städtchen Orange, welches die beiden Freunde mit dem notdürftig reparierten Rad in der Zwischenzeit erreichen wollten. Mit einer Schnur und Isolierband wurde der Mantel zusammengehalten. Alle 20 bis 30 Kilometer musste diese Bandage erneuert werden.
In Orange führte sie der erste Weg zum Postamt. Doch ein Paket war nicht angekommen. Ewig warten wollten sie nicht. Also baten sie, das Paket nach Arles weiterzuleiten. Auch dort gab es auf dem Postamt kein Paket für die Radler.
Sie fuhren weiter bis Cannes, wohin das Paket nun nachgeschickt werden sollte. Glück hatten sie dort wieder nicht. Theo Männer dachte sogar, dass ihn seine Eltern im Stich gelassen und gar kein Paket geschickt hätten. Sollte die Sendung aus Deutschland doch unterwegs sein, wollten sie sich diese nicht mehr weiter nachschicken lassen. Stattdessen sollte das Paket zurück nach Neunburg gehen.
Von Cannes fuhren sie mit dem Rad bis Genua und stiegen dort in den Zug nach Verona um. Während der 600Kilometer langen Bahnfahrt ging der Lenker von Theos Rad kaputt. Und so musste er mit gebrochenem Lenker über den Brenner fahren. „Wenn uns andere Radfahrer entgegenkamen, zog ich das kaputte Teil des Lenkers heraus und winkte ihnen damit zu. Die haben natürlich geschaut“, erinnert sich der 83-Jährige, der von der Stadt Neunburg 2002 für seine Verdienste als Stadt- und Kreisrat, zweiter Bürgermeister, Orts- und Kreisheimatpfleger und Museumsleiter zum Ehrenbürger ernannt wurde.
Kurz vor dem Ziel auch noch Kette gerissen
Mit dem lädierten Rad ging es dann bis in die Oberpfalz. Gunther übernahm einen Teil des Gepäcks zur Entlastung. Außerdem hatte Theo Vorder- und Hinterrad getauscht, um weniger Gewicht auf dem kaputten Rad zu haben. Nachdem sich sein Kumpel in Bruck ausgeklinkt hatte, musste Theo Männer die letzten Kilometer alleine absolvieren.
Eigentlich hatte er ja genug Unglück gehabt, doch in Erzhäuser riss ihm auch noch die Kette. Da sein Freund alle Werkzeuge bei sich hatte, musste Theo Männer beim Gastwirt etwas ausleihen, um die Kette zu reparieren. Samstagabend gegen 22Uhr erreichte er seine Heimatstadt, in der gerade das Volksfest stattfand. So gab es erst mal was Anständiges zu essen. Ein guter Abschluss der vierwöchigen Reise, auf der die Freunde mit 250 Mark ausgekommen waren. Sie lebten in der Zeit sparsam und campten oft wild.
Die erste Frage nach seiner Rückkehr richtete er an seine Eltern: Ob sie ihm das Paket geschickt hätten. Das hatten sie. Nur eben erhielt es Theo Männer nicht – zumindest nicht während des Frankreich-Aufenthalts. Als er wieder zurück in der Schule war, rief die Post an, dass ein Paket angekommen sei und dieses fürchterlich stinke. Die Mutter hatte nicht nur den gewünschten Mantel geschickt, sondern auch allerlei Würste, die nun verdorben waren. „Der Postbeamte wusste nicht mehr, wo er die Nase hinhalten soll“, erinnert sich der Neunburger.
Picasso beim Stierkampf getroffen
Im Paket befand sich auch ein Begleitschreiben seines Bruder, in dem er ihnen ein paar Tipps für die Tour gab. Er empfahl ihnen, höflich zu sein, mitleidig zu schauen und sich an die Bäuerinnen zu halten. Er schrieb auch, dass es in der Nähe von Imperia (Italien) ein Schloss gebe, an dessen Park eine Pfirsichplantage angrenze, die man plündern könne. Theo und Gunther hätten das sicher getan, nur erreichte sie das Paket samt Brief zu spät.
In Erinnerung geblieben ist ihm eine Begegnung mit Picasso, den er in der Stierkampf-Arena von Beaucaire traf. Von dem berühmten Maler wollte er sich ein Autogramm holen, wurde aber von den Begleitern abgewiesen. Nach dem Kampf kam er nicht mehr an ihn heran, so dass nur zwei Dias an die Begegnung erinnern.
Mit seiner Frau Burga klapperte er später sämtliche Landschaften Frankreichs ab – allerdings mit dem Auto. Er blieb aber auch leidenschaftlicher Radler – unternahm beispielsweise mit seinen Lehrerkollegen jedes Jahr eine Tour, so unter anderem entlang der Donau, der Mosel, des Inn und der Altmühl. Die Touren fanden auch noch nach seinem Abschied vom Lehrerberuf statt. Die Fahrt nach Frankreich wird aber immer eines seiner größten Erlebnisse bleiben.

