Opfer der Blutrausch-Tat in der Frankenstraße sagt aus: „Ich fühlte mich wie Müll“

Das 20-jährige Opfer eines Mordversuchs sagte vor Gericht aus und schilderte, was ihm in der Frankenstraße widerfuhr. Ein 25-Jähriger hatte im Drogenrausch die Wohnung seines Lebensgefährten gestürmt und ihn lebensgefährlich verletzt. Der Überlebenswille des Opfers beeindruckte nicht nur das Gericht.
Mit lauter Stimme las Staatsanwalt Wolfgang Schirmbeck am Mittwochmorgen eine Tat vor, die den Zuhörern das Blut in den Adern gefrieren ließ: Das, was einem damals 19-jährigen Rumänen am Morgen des 7. Dezembers vergangenen Jahres widerfahren ist, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Vor dem Schwurgericht steht ein 25-jähriger Deutscher, der an jenem Morgen im Drogenrausch die Wohnung stürmte, aus der der junge Mann gerade seinen Lebensgefährten verabschiedet hatte.
Der Beschuldigte kam, so beschrieb es der Staatsanwalt, mit einem Messer und einem Hammer bewaffnet an die Tür in der Frankenstraße, wo er selbst unter dem Paar wohnte. Er hatte sich die Wohnung im dritten Stock wohl willkürlich ausgesucht.
Opfer öffnete die Tür
Weil das Opfer glaubte, sein Lebensgefährte würde nochmals zurückkommen, öffnete er ihm – da stach der Mann schon das erste Mal zu. Es folgte ein Martyrium mit erneuten Stichen und Schlägen mit dem Hammer. Das Opfer, das gerade noch völlig arglos ein bisschen auf der Spielkonsole gespielt hatte, überlebte knapp.
Doch wie soll ein Mensch, der so etwas erlebt hat, seinem Peiniger gegenübertreten? Es war dem Feingefühl des Vorsitzenden Richters Michael Hammer zu verdanken, dass der junge Mann eine ausführliche Aussage machte über das, was er durchlitt. Der Beschuldigte wurde in ein Nebenzimmer gebracht und verfolgte die Vernehmung des Opfers per Videoschaltung.
Narben am Hals und im Gesicht
Den Gerichtssaal betrat ein junger Mann, der von Narben an Hals und im Gesicht gezeichnet ist. Er schilderte akribisch, was er am Tattag erlebt hat. „Ich erinner mich nicht mehr, dass er mich mit dem Hammer schlug, aber ich kann mich noch genau an das Geräusch erinnern“, schilderte er beispielsweise. Seine Mutter war während seiner Aussage an seiner Seite und hielt die Hand des jungen Mannes, während er erzählte, wie er nur noch ans Überleben dachte: „Ich habe gekämpft, dass ich nicht sterbe“, sagte er beispielsweise. Und weiter: „Es gab einen Moment, da dachte ich, das war’s jetzt.“
Doch selbst in Todesangst habe er versucht, aufmerksam zu sein: „Mir war wichtig, dass ich alles sehe“, erzählte er dem Gericht, „damit ich es erzählen kann, wenn ich überlebe.“ Dass er überlebte, obwohl er laut Staatsanwaltschaft mindestens vier potenziell lebensgefährliche Verletzungen erlitten hatte und stundenlang notoperiert werden musste, verdankte er unter anderem einem Nachbarn, der ebenfalls von dem 25-Jährigen im Drogenrausch angegriffen worden sein soll.
„Er ließ mich wie einen Müllsack liegen“
Der junge Mann überlebte auch dank einer Ukrainerin in dem Haus, die er später wiedertraf in Regensburg: „Ich wollte zu ihr gehen und danke sagen.“ Doch er habe sie nur aus der Ferne auf der Steinernen Brücke gesehen. Sie hatte, wie das Opfer später erfuhr, ebenso wie ein Passant die Polizei und den Rettungsdienst gerufen. Da lag der junge Mann noch am Boden und blutete. „Da ist nicht nur die Wut in mir, sondern auch das Gefühl, es nicht wert zu sein, zu leben, weil er mich wie einen Müllsack liegen ließ“, sagte der Mann nun vor Gericht.
Bis heute habe er Angst, kann nicht allein nach Regensburg fahren und auch die deutsche Sprache, die er selbst fast akzentfrei beherrscht, „triggere“ ihn manchmal, wie er es beschrieb. Dass er wegen mehrerer bleibender Schäden seinen Traumberuf nicht erlernen könne, das habe er hingenommen. „Ich kann nachts nicht schlafen und höre das Geräusch noch heute, wie er mit dem Hammer auf meinen Kopf schlägt“, sagte der Mann.
Der Beschuldigte hatte über seinen Anwalt Helmut Mörtl erklären lassen: „Er bereut aufrichtig, was geschehen ist.“ Auch einen handschriftlichen Brief an das Opfer übergab er an den Nebenklagevertreter Ulrich Weber. Der Prozess wird fortgesetzt.