Festivalsommer beschwört vor allem alte Zeiten – Säm Wagner vermisst junge Bands

Von Peter Geiger · 19. August 2023 um 10:00

Säm Wagner ist Popmusikbeauftragter des Bezirks Oberpfalz. Im Interview mit der Mittelbayerischen spricht er unter anderem Klartext über den musikalischen Generationswechsel in Regensburg und Umgebung. Und warum der seines Erachtens nicht stattfindet.

Neulich entspann sich auf Facebook eine kleine Kontroverse. Nachdem beim Palazzo-Festival mit den „FRontm3n“ neuerlich eine Band zu Gast war, die Reminiszenzen an die Hollies und 10cc, an Smokie und Sweet und damit an die 1970er geweckt hatten, meldete sich Säm Wagner zu Wort. Der Popularmusikbeauftragte des Bezirks Oberpfalz fragte besorgt: „Wie soll da mal ein Generationswechsel funktionieren?“ Säm Wagner spielte darauf an, dass in Regensburg die großen Festivals fast ausschließlich die alten Zeiten heraufbeschwören. Dabei steht die Stadt, was Nachwuchs belangt, eigentlich verdammt gut da. Eine Reihe von Bands weist auf Streaming-Plattformen siebenstellige Klickzahlen vor und rechtfertiget Regensburgs Ruf als Pophauptstadt Bayerns.

Was ist Ihnen aufgefallen, als Sie sich heuer die Programme bei den großen Festivals in der Stadt anschauen?

Säm Wagner: Die vielen Tribute- und Coverbands, die Jahrzehnte alte Popsongs nachspielen. Das Publikum macht es sich leicht und fordert ein völlig erwartbares Konzerterlebnis. Dabei gibt es doch so spannende aktuelle Musik.

Was wäre Ihnen im Programm lieber?

Wagner: Das Publikum darf ruhig mutiger sein, sich mehr zutrauen. Es gibt so viel gute Musik, gerade auch von Bands aus der Region. Da gibt es so vieles zu entdecken. Und es ist doch langweilig, nur abzufeiern, was man eh’ schon kennt.

Es ist doch schön, wenn das Publikum in schwierigen Zeiten in Erinnerungen schwelgen kann...

Wagner: Viele Tribute-Bands präsentieren die Hits vergangener Jahrzehnte. Ich bin selbst Ende 40 und fühle mich immer noch zu jung dafür. Pop ist stets im Wandel. Hören Sie sich mal die aktuellen Single-Charts an. Die klassische Formation aus Gitarre, Schlagzeug und Bass spielt da gar keine Rolle mehr. Ich befürchte, dass sich ein jüngeres Publikum von der x-ten 1970er-Revue nicht mehr angesprochen fühlt.

Wer zu Zeiten von Rock’n’Roll und Beat schon auf der Bühne stand, ist heute halt um die 80. Und nicht alle sind so fit wie Mick Jagger!

Wagner: Klar. Ich gönne ja den Dave Gahans, Campinos, Bonos und James Hetfields, die jetzt alle die 60 erreicht haben, weiterhin jeden Headliner-Auftritt. Aber irgendwann werden auch die sich aufs Altenteil zurückziehen. Und ihre Nachfolger und Nachfolgerinnen auf den großen Bühnen, die müssen jetzt aufgebaut werden.

An welche regionalen Bands denken Sie?

Wagner: Viele wissen gar nicht, wie viele erfolgreiche Künstler und Künstlerinnen aus der Region kommen. Nur ein paar Beispiele: Some Sprouts, Telquist, Sebastian Kretz, Liquid & Maniac, BBou oder auch die Klangphonics erreichen mittlerweile Streamingzahlen im Millionenbereich. Mit The Komets, Die Nowak, Erection, den Moon Mates oder Marlin Beach haben wir hier Bands, die mittlerweile bundesweit große Konzerte spielen. Regensburg darf sich im bayernweiten Vergleich gerne mal Pophauptstadt nennen.

Was heißt das, Pophauptstadt Regensburg?

Wagner: Es gibt Zahlen, die das untermauern: Im vergangenen Jahr wurden vom Bundesverband Popularmusik deutschlandweit Pop-Stipendien vergeben. Von den 85 Stipendien, die nach Bayern gingen, entfielen 24 auf München und 21 auf Regensburg. Auf Platz drei lag Nürnberg mit nur neun Stipendien. Oder auch das Spitzenförderprojekt BY.on, mit dem gerade 22 herausragende bayerische Bands gefördert werden. Sechs dieser 22 Acts kommen aus Regensburg, genau so viele wie aus München.

Worauf darf sich das Ohr da freuen?

Wagner: Auf ganz Unterschiedliches. Das geht von Hip-Hop über Indie-Pop bis hin zu Punkrock. Und diese Künstler und Künstlerinnen brauchen sich vor internationalen Produktionen nicht verstecken.

Was sind die Gründe, die dazu führten, dass Regensburg diesen Status genießen darf?

Wagner: Was ich erlebe, ist, dass sich viele junge Künstler und Künstlerinnen von der Szene in Regensburg anziehen lassen. Viele Musikerinnen und Musiker, die sich in Regensburg tummeln, kommen aus den ländlicheren Regionen der Oberpfalz oder aus Niederbayern. Sie studieren dann hier und nutzen die Netzwerke. Was man natürlich auch nicht vergessen darf: Der Bezirk Oberpfalz, bei dem ich als Popularmusikbeauftragter angestellt bin, unterstützt Popmusiker und -musikerinnen und fördert sie auch finanziell.

Wo sehen Sie das Potenzial, auch das Publikum dazu zu bringen, solche Konzerte zu besuchen?

Wagner: Ich habe zum Beispiel beim Bürgerfest erlebt, wie das Hip-Hop-Duo Liquid & Maniac von Tausenden von Menschen auf dem Grieser Spitz gefeiert wurde. Oder The Komets, bei deren Auftritt der Bismarckplatz aus allen Nähten platzte. Das Publikum war überwältigt und sieht sich diese Acts bestimmt wieder an.