Kunstweltrekord: 1002 Warhols auf dem Regensburger Haidplatz

Eine Aktion mit Augenzwinkern: Künstler Michael Werner nimmt die Leistungsgesellschaft auf die Schippe.Bei der Kunstperformance möchte Michael Werner, hauptberuflich Lehrer am Förderzentrum Maxhütte, den Umfang aller live produzierten Porträtserien sprengen und einen Weltrekord nach Regensburg holen.
Drei Bahnen mit Warhol-Porträts bedecken den Haidplatz. Aktionskünstler Michael Werner streicht schwarze Farbe auf die Siebdruckplatte. Passanten schlendern vorbei, bleiben überrascht stehen. „Kann man die kaufen?“, fragt eine Frau. Das wird Werner am Samstag häufig hören. Für den Verkauf hat der 61-Jährige aber keine Zeit. Er will innerhalb von zehn Stunden 1000 Siebdrucke herstellen – ein straffer Zeitplan. Bei der Kunstperformance möchte Michael Werner, hauptberuflich Lehrer am Förderzentrum Maxhütte, den Umfang aller live produzierten Porträtserien sprengen und einen Weltrekord nach Regensburg holen.
Gegen 13 Uhr blinzelt die Sonne aus den Wolken hervor und es wird heiß auf dem Haidplatz. „Wir nähern uns den 300“, sagt Werner. „Ich habe einen Vorsprung von 15 Minuten.“ Eine Kappe schützt ihn vor Sonnenbrand. Ab und zu legt er sich ein nasses Tuch in den Nacken.
Verehrung für Warhol
Andy Warhol, König der Pop Art, fertigte Porträtserien mit Siebdruck. Am bekanntesten sind wohl die ikonischen Marilyn-Monroe-Bilder. „Er schaffte aber nie mehr als 250 Stück auf einem Bild. Da geht mehr“, meint Extremkünstler Michael Werner, der einige Weltrekorde hingelegt hat. „Warhol war mein ganzes Leben wichtig für mich. Ich verehre ihn über alles.“
Das Publikum soll Spaß haben, einen Künstler in Aktion sehen. Zugleich will Werner die Leistungsgesellschaft hinterfragen. „Es geht ständig um das Besser, Schneller, Höher.“ Eingeladen hat ihn das Kulturreferat.
Als Vorlage dient am Samstag ein Selbstporträt von Andy Warhol aus dem Jahr 1986. Es wurde bei Sotheby's in New York für 32,5 Millionen Dollar versteigert. Für den Rekordversuch habe er die Warhol-Frisur neu designt und und mit einigen Punktmustern Highlights gesetzt, um ihm ein charismatisches Äußeres mit zeitgemäßer Wirkung zu geben, sagt Werner. Jeder Warhol in Regensburg werde ein Unikat.
Blau, Grün, Pink, Gelb: Am Samstag kommen viele Farben zum Einsatz. Zuschauer helfen, die Porträtbahnen über das Pflaster zu ziehen. Armin Domesle, Unternehmensberater aus Frankfurt, gefällt die Performance. „Wenn der Künstler Freude daran hat oder andere zum Nachdenken bringt, finde ich das gut.“ Der 60-Jährige schätzt Warhol, seit er als Student in den 80er-Jahren in Köln eine Retrospektive sah.
Ein 60-jähriger Architekt aus Regensburg dagegen sagt, Kunst zeichne sich durch Einzigartigkeit aus. Wenn daraus eine Massenproduktion gemacht werde, widerstrebe ihm das. Warhol selbst müsse man jedoch zugute halten, dass er die Idee der Kommerzialisierung mit seinen Serien zur Perfektion getrieben habe. „Wenn man einen Siebdruck herstellt, will man ja reproduzieren.“
Maria Windhofer und Birgit Buchegger (beide 34) aus Salzburg, Sozialpädagogin und Kindergartenpädagogin, verbringen einen Kurzurlaub in Regensburg. Sie finden die Aktion „superinteressant“, weil sie Michael Werner bei der Arbeit zusehen können.
Ein Passant reicht Werner ein Ankündigungsplakat und bittet um ein Autogramm. Gabriele Weigert aus Regenstauf blättert durch den Katalog mit den Weltrekorden. Die 57-jährige Schulsekretärin und ihr Mann sind wegen der Performance von Regenstauf in die Stadt geradelt. „Ich finde das super“, sagt sie. „Ich bin Warhol-Fan, weil er diese unheimlich tollen Siebdrucke von Marilyn Monroe gemacht hat. Ich mag Kunst, die Menschen anzieht.“
Kurz vor 18 Uhr verdunkelt sich der Himmel, Regen kündigt sich an. Schnell müssen 872 Siebdrucke eingerollt und ins Zelt gebracht werden. Viele Regensburger helfen.
Wolkenbruch bei 872
Kurzzeitig ist der Weltrekord in Gefahr. Doch nach einem 30-minütigen Wolkenbruch entscheidet sich Michael Werner weiterzumachen. Um 19.30 Uhr bedecken 1002 Siebdrucke das Pflaster. Werner ist erschöpft und glücklich. Während der neuneinhalb Stunden ist ihm keine Zeit zum Essen geblieben. Energie-Riegel mussten ausreichen. Das kann er jetzt nachholen.
Erneut bestürmen ihn Zuschauer, ob sie Siebdrucke kaufen können. „Es ist lustig, dass das immer diese Alltagsgespräche werden“, sagt er. „Aber es geht nicht ums Verkaufen, sondern um den Spaß.“ Einige gibt er dann doch her am Abend. Interessenten können sich über die Website kunstweltrekord.de melden.
Michael Werner hat den nicht ganz ernst gemeinten Weltrekord am Haidplatz geschafft und damit dem kulturellen Jahresthema der Stadt durchaus Auftrieb gegeben. „Höhenflug“ lautet es heuer.

