Bester Wohnraum mitten in Regensburg rottet vor sich hin – Verein will von Kirche kaufen

Überall fehlt es an Wohnraum in Regensburg. Da ist es umso erstaunlicher, wenn ein großes Objekt in attraktiver Lage nun schon seit mehr als sechs Jahren leer steht.
Es fällt auf, dieses Haus. Weil es in hellem Gelb strahlt. Weil es sich gut 30 Meter in die Länge zieht. Weil es in der Biegung der vielbefahrenen Wittelsbacherstraße steht. Weil direkt hinter ihm der Dörnbergpark liegt. Und weil es ganz offensichtlich unbewohnt und zunehmend dem Verfall preisgegeben ist. Es geht um das Anwesen Wittelsbacherstraße 7, das trotz allgemeiner Wohnraumknappheit zu den großflächigsten und langlebigsten Leerständen im Innenstadtbereich gehört.
Vor genau einem Jahr schien sich etwas zu bewegen bei dieser im Eigentum der katholischen Knabenseminarstiftung befindlichen Immobilie. Bistumssprecher Jakob Schötz berichtete damals von laufenden Vergabegesprächen im Erbbaurecht sowie mehreren Interessenten für den Erwerb des Grundstücks.
„Brökkoli“ würde gern kaufen
Es war bereits der zweite Anlauf. Schon 2017 hatte es einen Architektenwettbewerb gegeben. Der Siegerentwurf sah vor, anstelle des bestehenden Gebäuderiegels drei Wohnhäuser sowie Richtung Park drei Pavillons zu bauen. Insgesamt sollten so auf 2600 Quadratmetern Fläche 30 Wohnungen mit Größen von zwei bis fünf Zimmern entstehen.
Bevor es allerdings zur Umsetzung kommen konnte, entschied sich die Kirche um. Der neue Plan war, „dieses Filetstück nicht selbst zu entwickeln, sondern an externe Investoren zu vergeben“, wie Schötz der MZ im August 2022 mitteilte. Im Oktober desselben Jahres hätte dieser Prozess abgeschlossen sein sollen.
Doch auch im August 2023 ist die Situation weiter unverändert. „Das Objekt befindet sich nach wie vor im Eigentum der Knabenseminarstiftung und ist noch nicht vergeben“, sagt Schötz und fügt als neue Information hinzu: „Ein Termin für einen Abbruch steht noch nicht fest, da derzeit auch einige Konzepte wieder vorsehen, das Gebäude im Sinne der Nachhaltigkeit zu ertüchtigen. Die Investorensuche läuft noch.“
Trotz des Stillstands beschäftigt die Immobilie die zuständigen Gremien des Bistums also laufend. Auch aus einem anderen Grund: In der Zwischenzeit hat nämlich der neugegründete Hausverein „Brökkoli e.V.“ ein Auge auf das Anwesen in der Wittelsbacherstraße geworfen.
„Wir sind eine Gruppe von sieben jungen Leuten aus Regensburg, die gemeinsam ein leerstehendes Haus kaufen, renovieren und gemeinschaftlich bewohnen wollen“, erklärt Sophia Weigert, Mitglied dieses basisdemokratischen Zusammenschlusses. Das gelbe Gebäude am Dörnbergpark erachtet sie als perfekt passend, um gegen die Problemfelder Leerstand, Wohnungsnot und Vereinsamung aktiv zu werden: „Wir sind wir auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie mit Platz für viele Menschen sowie für Begegnungs- und Kulturräume.“
Laut Weigert hat die Gruppe neben einem Finanzierungskonzept bereits konkrete Konzepte für die Renovierung und das künftige Zusammenleben erarbeitet. Der Plan von „Brökkoli“ basiert auf Eigenkapital und einer Zusammenarbeit mit dem Mietshäuser Syndikat (MHS).
Diese in Freiburg ansässige Beteiligungsgesellschaft zum gemeinschaftlichen Erwerb von Häusern ist deutschlandweit bei über 180 Projekten involviert und sorgt unter anderem für den leichteren Zugang zu Krediten. Die Vorsprache von „Brökkoli“ beim Bistum hat bislang jedoch kein Ergebnis gebracht. „Die sind offenbar selbst noch unschlüssig, was sie mit der Immobilie anfangen sollen“, so Weigerts Eindruck.
Für Kurt Raster von der Initiative „Recht auf Stadt“ ist dies typisch – und ein Ärgernis. In seinem „Leerstandsmelder“ listet er rund 140 verwaiste Wohnhäuser im Stadtgebiet auf, darunter auch die Wittelsbacherstraße 7. „Spekulativen Leerstand gibt es in Regensburg viel. Die Stadt könnte das zwar per Zweckentfremdungssatzung unterbinden und theoretisch bis zu 500 000 Euro Strafe aufrufen, aber das passiert nicht“, sagt er.
Ein Konzept wie das vom Hausverein „Brökkoli“, das für dauerhaft bezahlbaren Wohnraum für Familien sorgen würde, könne so kaum Fuß fassen. „Die Eigentümer haben’s nicht nötig, es wird ja nicht weniger wert“, meint Raster.
Zurückhaltung bei Investoren
Letztere Einschätzung teilt Immobilienmakler Gerald Loers nur bedingt. Er hat in unmittelbarer Nähe der Wittelsbacherstraße zwei prächtige Villen im Angebot und erfreut sich reger Nachfrage. „Bei solchen Raritäten in Top-Lagen geht der Markt schon noch, da gibt es eine finanzstarke Käuferschicht“, sagt er. Bei dem kirchlichen Objekt sei der Fall aber anders gelagert.
Wegen konstant hoher Baupreise und ungewisser Erfolgsaussichten beim Wiederverkauf seien die Investoren bei solchen Sanierungsprojekten aktuell zurückhaltend. „Die warten lieber die Marktentwicklung ab.“ Der gelbe Riegel könnte folglich noch länger vor sich hin rotten.