Wie das Brathendl das Chamer Volksfest gerettet hat: Auf den Spuren einer unterschätzten Art

Von Johannes Schiedermeier · 5. August 2023 um 05:00

Josef Niedermeier aus Landau an der Isar, der als „Hendl Ernst“ der Herr über die Gockerl ist und die Verköstigung im Zelt, wollte uns das nicht erklären. An schlechter Presse ist er nicht interessiert, sagt er. Kein Kommentar. Und er gibt uns einen guten Rat: „Fragt doch mal den Volksfestverein, was er an Standgebühr verlangt“, hat er gesagt. Das haben wir getan.

Denn elf Euro für ein nackertes halbes Hendl samt Semmel und Bedienung, oder zwei Paar Schweinswürstl mit Kraut, Semmel und Bedienung für 11,20, das klingt schon ein bisserl nach Goldgrube. Christian Plötz, der Vorsitzende des Volksfestvereins sagt ganz offen: „Das ist wahr. Das kostet heute alles richtig Geld.“

Was das Hendl alles wuppt

Aber wenn es stimmt, was der Hendl Ernst gesagt hat, dann kassiert der Volksfestverein da ja sauber mit? Ein Viertel vom Hendl vielleicht? Plötz lacht. Nein so viel ist es nicht, aber man müsse schon einmal sehen, was so ein Hendl-Esser auf dem Volksfest alles mitfinanziert. Da ist die Security, die dafür sorgt, dass einem beim Schmausen niemand in den Rücken fällt. Vorher ist das Zelt abgenommen worden, damit es auch bei einem Unwetter wie am Mittwoch nicht über dem teueren Hendl zusammenklappt...

Die Liste der Unkosten ist lang, die so ein Volksfestverein hat. Das fängt beim Aufbau schon an, wenn alles abgenommen werden muss und die fliegenden Bauten kontrolliert werden. Es braucht Personal für die Platzreinigung und eine Klofrau, damit der Gast die Maß für 10,40 Euro auch geordnet wieder wegstellen kann, ohne sich hinterher sagen lassen zu müssen, dass er nicht mehr ganz sauber ist.

Und dann sind da noch die professionellen Bedienungen. Was nutzt das schönste Hendl, wenn man es nicht kriegt. Bei den Feuerwehrfesten in der Nachbarschaft kriegt man das Hendl im Ehrenamt gebraten. Das ist ziemlich konkurrenzlos, sagt Plötz, weil sowas auf dem mehrtätigen Volksfest nicht möglich ist. Und dann wird noch ein Feuerwerk geboten – zahlt alles das Hendl. Gut, die halbe hintere Schweinshaxn knusprig gegrillt mit Semmel für 15 Euro, trägt sicher auch ihr Teil bei. Und die Riesenbrezn für fünf Euro sicher auch.

„Ich habe noch keine einzige Beschwerde über die Kosten, und auch in den Sozialen Netzwerken hat bisher keiner gemeckert – und die sind eigentlich immer die Ersten“, sagt der Vorsitzende des Volksfestvereins. Vermutlich hat sich dort auch schon herumgesprochen, dass auch die Lebensmittelüberwachung vom halben Hendl mitfinanziert wird.

Und da Huba bläst die Tuba zwar auf dem Volksfest immer seltener, aber wenn er es tut, oder immer öfter die Partyband, dann hat das halbe Hendl auch dort seinen Obulus entrichtet, bevor es auf den Teller darf. Und es sorgt dafür, das das rote Kreuz direkt daneben steht, wenn einem Zecher mal das letzte Bier zu viel war.

Abseits von den Überlegungen über Hendl-Preise hat Christian Plötz aber insgesamt positive Nachrichten. Die ersten Tage waren richtig gut bis auf den schwachen Montag, sagt er. Am Tag der Betriebe war das Festzelt vorher schon komplett ausgebucht. Der Mittwochabend endete im Unwetter, aber erst, nachdem die Kinder mit Donikkl das Festzelt auf den Kopf gestellt hatten und das Gastspiel der Band sogar in die Verlängerung musste.

Und dann: Donnerstag, 20.35 Uhr, Tag der Städte und Gemeinden. Es ist soweit: Seine Prominenz, das Gockerl persönlich, wird im vollen Bierzelt von der Bedienung kredenzt. Nur knapp 15 Minuten nach der Bestellung, mit einem freundlichen Lächeln: das Hendl aller Hendln, oder zumindest dessen halbe Portion. Knusprig, wie in der Speisekarte versprochen, und elf Euro teuer. Standesgemäß präsentiert es sich auf einem Porzellanteller, garniert mit einer Semmel und einem Zitronentücherl. Wenn man weiß, was dieses Hendl alles auf seinem Weg zum Biertisch schon gewuppt hat, erfasst einen fast so etwas wie Ergriffenheit. Andächtig wird es verspeist.

Am Tisch kommt tatsächlich die Diskussion auf, wie teuer das alles ist. Und dass es einen wundert, wie viel Geld die Leute auf so einem Fest liegen lassen. Ich kann glänzen, indem ich die Rolle meines Hendls erläutere, das inzwischen bis auf die Knochen abgemagert auf dem Teller liegt.

Dann: ein Böllerschuss! Alle zahlen möglichst flott für Hendl und Maß… für die Klofrau, die Security, all die Abnahmen, die Lebensmittelkontrolle... Dann erglüht der Chamer Festhimmel in allen Farben. Minutenlang lässt der Volksfestverein es richtig krachen. Die Menge ist begeistert und applaudiert laut jubelnd nach den letzten drei Böllern. Die meisten, ohne zu ahnen, was sie gerade gesehen haben: ein Brillantfeuerwerk – sponsored by Hendl!

Hätten Veganer ein Volksfest?

Und – praktisch posthum und schon verdaut – leistet es an seinem Lebensabend noch einen gediegenen Beitrag zur Nachtwache auf dem Festplatz. Auf dem Heimweg schießt mir ein fürchterlicher Gedanke durch den Kopf: Veganer hätten gar ein Volksfest!

Das Hendl hat sich praktisch für das Überleben des Festwirts und des Volksfestvereins geopfert. Und die Moral von der Geschicht: Unterschätzt das Brathendl nicht. Es opfert sich für das Überleben des Volksfestvereins und des Festwirts. Und dafür ist uns doch nichts zu teuer – oder?