Ein paar Tiefschläge zu viel – Hutterer gibt eine lange Bäckertradition in Cham auf

Man sieht Jarno Hutterer an, dass ihn der Gedanke immer noch mitnimmt: „Tanja und ich haben am Ende 80 Stunden an sieben Tagen in der Woche gearbeitet und dann noch Geld mitgebracht. Damit musste Schluss sein.“ Die Ära der Bäckerei Hutterer ist ab dem 1. August unwiderruflich beendet.
Jarno und Tanja Hutterer arbeiten für die Höflinger Müller GmbH. „Und am Ende ist das gut so“, sagt der Bäcker aus Leidenschaft. „Wir schließen ja nicht wegen Reichtums.“
Was waren das für Zeiten, als am Morgen um Vier der Mond durch das Fenster in der Bäckerei in Cham-West schien und Jarno Hutterer begeistert zum Thema „Slow Bakery“ erzählte. und warum ein Brot Zeit braucht und gute Zutaten, damit man zufriedene Kunden und einen Staatspreis dafür bekommt. Und nicht nur den einen Staatspreis, sondern regelmäßige Auszeichnungen.
„Und das ist gut so!“
Das ist nun alles vorbei. „Ds ist gut so“, sagt Hutterer. Der Erfolg hat ihn und seine Tanja krank gemacht. „Wir sind oft nach 80 Wochenstunden in der Nacht dagesessen und haben geheult. Es ging einfach nicht mehr. Am Ende haben wir noch das Geld mitgebracht in Corona und später in der Inflation.“
Zermürbt hat die beiden auch die Selbstständigkeit. Selbst ständig verantwortlich zu sein für alles. „Du machst eine Woche Urlaub im Jahr und steigst aus dem Flieger und hast schon die ersten Krankmeldungen auf dem Handy. Da fliegst du gern wieder heim“, erzählt Tanja Hutterer. Um seine Frau hat sich Jarno Hutterer am meisten Sorgen gemacht: „Sie hat sowieso so viel gearbeitet und sich um alles gekümmert. Und dann war sie die Einzige, die noch einspringen konnte. Am Ende hat sie nachts nur noch drei Stunden geschlafen.“
Seit vier Monaten fährt Jarno Hutterer nun schon täglich nach Landau – und findet das toll. „Ich liebe dieses Gefühl, wenn die Arbeit getan ist, man ins Auto steigt und das war`s dann für heute!“ Hutterer ist jetzt Fertigungsleiter in der Großbäckerei Höflinger Müller in Landau an der Isar. Dort darf er immer noch nach seinen Rezepten backen.
Das war dann auch das Ende des Hutterer-Cafés im Frey Wohnen. „Ich musste ja jeden Morgen in die Arbeit fahren und Tanja hatte alles alleine an der Backe.“ Am Ende wechselte auch das Cafe zu Höflinger Müller. Tanja Hutterer wurde als Filialleiterin übernommen und lernt ein ganz neues Lebensgefühl kennen: „Wenn du krank bist, dann ist das so und du kannst richtig Urlaub nehmen...“
Schnell war klar, dass es keine nächste Generation Hutterer mehr geben würde. „Unsere Mädels haben uns schon sehr bald gesagt: Das, was ihr da macht, machen wir ganz sicher nicht“, erzählt Tanja Hutterer. Und sie hat diese Entscheidung verstanden.
„Ich war auf dem Arber!“
Vieles wird sowieso seinen geregelten Gang weitergehen. Im Cafe wurde das Personal übernommen. Wie bei den anderen 80 Cafés von Höflinger Müller wird das Mittagsangebot noch ausgebaut. Das mehrfach ausgezeichnete Hutterer-Brot wird es auch weiter geben, weil Jarno Hutterer seine Rezepte weiter in Landau verwendet. Aber auch die Auszeichnungen wird er nicht vermissen. „Nach Corona hat mir Söder zum wiederholten Mal die Urkunde überreicht und da hab ich mir gedacht: Ach weißt du...“
Nur die Windischbergerdorfer haben Pech: Der Verkaufsstand vor dem Tanzlokal Blasini wird für immer verschwinden. Und wie geht es dem Bäcker aus Leidenschaft ohne eigene Bäckerei? Blendend, sagt Jarno Hutterer. „Mir hat ja bis zum Schluss nichts gehört. Nicht einmal die Bäckerei im Haupthaus. Wir waren dort zur Pacht. Und irgendwann ist die Last dann auch einfach zu groß gewesen. Der Schritt war hart und ist in der Familie auch umstritten. Aber für uns selbst war es genau das Richtige!“
Tanja und Jarno Hutterer haben spätestens nach der Übergabe der letzten Filiale zum 1.August plötzlich Dienst- und Urlaubspläne. Und ein völlig neues Lebensgefühl gibt es oben drauf: „Ich hab am Wochenende frei. Ich war auf dem Arber – zum ersten Mal“, sagt Jarno Hutterer und strahlt. Und demnächst wird er sich noch einen weiteren Lebenstraum erfüllen: „Ich geh zum Trenckspiel. Das wollte ich immer schon!“
Nachgedacht
Steil aufwärts – oder doch gemächlich geradeaus
Die Geschichten kennen wir alle von unseren Freunden, von den Verwandten, von uns selbst. Und meistens kommt darin das Wort Stress vor. Und die Debatte über die kommende Generation, die nicht gedenkt, weiter so am Bruttosozialprodukt zu kurbeln, wie das für uns selbstverständlich war. Was passiert da?
Irgendwie war früher alles einfach: Ein Haus sollte es sein, ein Auto – klar – und Kinder – meistens. Die Konsequenz in allen Fällen: Arbeit. Schließlich will die Bank ihr Geld sehen. Der Rest folgte seiner eigenen Logik und Dynamik. Wer sich Eigentum ans Bein gebunden hat, empfindet das zeit- und wahlweise als Segen oder als Eisenkugel. Abheben ist nicht. Am Boden bleiben, weiterarbeiten. Wie schwer einem das fällt, ist oft abhängig davon, wie viel Spaßfaktor man in seinen Beruf hineinrechnen kann.
Der Spaß schwindet im selben Maße, in dem sich die Schlagzahl auf der Galeere erhöht. Man hat uns weisgemacht, dass neue Technik und die Digitalisierung uns entlasten würde. Das hat sich als Trugschluss erwiesen. Sie hat nur dafür gesorgt, dass sich die Welt noch schneller dreht und wir mit ihr.
Je schneller man sich dreht, desto leichter verliert man aus den Augen, was wirklich wichtig ist. Die Werte verschwimmen. Wer Pech hatte, den hat es aus der Bahn gehauen, andere konnten sich halten, um den Preis der Gefangenschaft im Hamsterrad. Wieder anderen schien das alles nichts anhaben zu können, weil sie ihre Arbeit liebten. Zu denen gehöre ich.
Allerdings sehe ich die Entwicklungen zunehmend kritisch, weil sie immer häufiger auf Kosten unserer Erde gehen und der jungen Generation. Nun ergeht es uns Älteren wie so vielen Generationen vor uns: Wir haben den Jungen etwas vorgelebt, was sie sich für ihr eigenes Leben nicht vorstellen können: 45 Jahre buckeln, viele Jahre davon mit Vollgas. Auf die Rente hoffen, aber vielleicht vorher tot umfallen.
Die meisten von uns haben genug, oder sogar viel Geld. Aber um welchen Preis? Der ständige Drang nach mehr Wirtschaftssteigerung hat die Erde erhitzt. Die Erkenntnis zur Umkehr kam – wie menschlich – wieder einmal erst, als es schon brannte und das im wahrsten Wortsinne. Dass sie bei manchen überhaupt nicht kommt, war schon immer so.
Die Jugend steht nun vor der Frage, ob die Lebensweise ihrer Vorfahren ihre Grundlagen bereits zerstört hat. Sie stellt sich auch zurecht die Frage, ob sie den Preis bezahlen will für den Wohlstand, den wir bezahlt haben. Das ist ihr gutes Recht.
Allerdings hat auch das Folgen. Der Wohlstand wird schwinden. Vielleicht ist das aber die richtige Antwort. Kleinere Brötchen backen, im Tinyhouse wohnen, mehr Bäume pflanzen, weniger Baugebiete ausweisen, mehr Platz für die Natur, mehr Bescheidenheit für den Menschen...
Umdenken hat noch keinem geschadet. Wenn es nicht mehr atemberaubend aufwärts geht, vielleicht ist gemächlich geradeaus genug? Mehr Zeit zum Nachdenken. Vielleicht umkehren und mal auf den Arber gehen. So wie Jarno und Tanja...“
