Russe, Berliner, und Rabbiner in Regensburg: Benjamin Kochan im Porträt

Benjamin Kochan ist als Rabbiner und Religionslehrer für die jüdische Gemeinde in Regensburg tätig. Dafür pendelt er wöchentlich zwischen Berlin und Regensburg hin und her. Im Gespräch erzählt er unter anderem, wieso er sich als Jugendlicher plötzlich mit der Religion auseinandergesetzt hat und was ihm als Rabbiner wichtig ist.
Benjamin Kochan (35) stammt ursprünglich aus Russland. Seit dem 14. Lebensjahr lebt er in Deutschland. „Ich habe mir damals Gedanken gemacht, dass wir aus bestimmten Gründen nach Deutschland gekommen sind. Es war eine Identitätssuche“, sagt er.
Sein erster Impuls sei es daher gewesen, zu hinterfragen, was es eigentlich heißt, jüdisch zu sein. Kochan habe unter anderem einen Einblick in die Geschichte und die Tradition des Judentums erhalten wollen. „Ich wollte verstehen, was das jüdische Volk ausmacht.“ Als er die Religion schließlich selbst praktizierte, „war ein gewisser Stolz in mir, dass ich da dann dazugehört habe“, so der 35-Jährige. „Das Wissen über den Glauben wirkt sich auf das Leben aus und prägt die Persönlichkeit und somit den Alltag.“
Verschiedene Aufgaben
Eigentlich lebt Kochan in Berlin. Doch zur Ausübung seiner Tätigkeiten als Rabbiner und Religionslehrer pendelt er jede Woche für drei Tage in die Domstadt. Hauptsächlich sei er für den Ersatzunterricht für jüdische Schüler in Regensburg zuständig. Er übernehme aber auch Aufgaben von Rabbiner Josef Chaim Bloch. Dazu gehören laut Kochan unter anderem Bildungsvorträge und Führungen, Bar Mitzwa-Vorbereitungen sowie Beerdigungen. Zudem unterstütze er Rabbiner Bloch bei Feierlichkeiten an Feiertagen, an denen er gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinen drei Kindern im Alter von vier, acht und zehn Jahren nach Regensburg komme.
Die jüdische Gemeinde in Regensburg umfasst laut Kochan etwa 800 Juden. Nicht alle davon seien praktizierend. Dass der Rabbiner seit drei Jahren von Berlin aus nach Regensburg kommt, um dort seine Dienste zu leisten, habe folgende Gründe: Zum einen gebe es aus der Sicht von Kochan „keine große Auswahl an jüdischen Religionslehrern in Deutschland“. Vor allem gebe es keine, die zusätzlich die Aufgaben eines Rabbiners übernehmen können.
Mit 18 Jahren in ein jüdisches Lernhaus nach Berlin
Zum anderen habe Kochan die jüdische Gemeinde in Regensburg bereits gekannt, weil er nach eigener Aussage im Alter von 16 Jahren schon ein Jahr lang in der Domstadt lebte. Im Alter von 18 Jahren ist Kochan in ein jüdisches Lernhaus (Internat) in Berlin gezogen. Dort war er auf einer jüdischen, aber nicht religiösen Schule. Abends besuchte er einen Unterricht, in dem er beispielsweise die jüdischen Gesetze oder Hebräisch lernte. Anfangs wollte Kochan nach eigener Aussage ein Studium als Wirtschaftsingenieur beginnen. Doch dafür stand er auf der Warteliste. Währenddessen habe er sich in einem Vollzeitstudium weiter mit dem Judentum befasst. „Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.“
Schließlich war sich Kochan sicher: „Ich wollte dann ein Studium zum Rabbiner machen. Ich fühlte mich wohl und habe gemerkt, dass das mein Bereich ist.“ Das Rabbinerstudium absolvierte Kochan im selben Lernhaus in Berlin.
Der Glaube bringe für den Berliner eine gewisse Erfüllung mit sich. „Ich denke, dass im Zentrum ein Sinn steht. Jeder Mensch hat Bedürfnisse, man weiß aber oft nicht die Bedeutung davon und sucht diese. Ich habe sie so für mich gefunden.“
Der Mensch im Vordergrund
Als Rabbiner sei Kochan wichtig, die Individualität des Einzelnen zu erkennen und zu respektieren. „Für mich steht der Mensch im Vordergrund. Die Menschen sollen sich selbst kennenlernen und verstehen. Sie sollen ihre Werte erkennen und sich bemühen, diese je nach Umstände umzusetzen.“
Wie Kochan sagt, soll man sich als Individuum, aber gleichzeitig auch als Teil der Gesellschaft sehen. „Diese zwei Aspekte sollte man erkennen. Trotz unterschiedlicher Werte sollte man in der Gesellschaft ankommen.“