Das erste bayerische Cowgirl: 1966 machte diese Regensburgerin Schlagzeilen

Von Helmut Wanner · 29. Juli 2023 um 19:00

Schon mit 23 hatte Uta Heigl-Zauter die Zügel fest im Griff, als sie aus Regensburg nach Texas auszog – und damit für Schlagzeilen als erstes bayerisches Cowgirl sorgte. MZ- Autor Helmut Wanner hat Regensburgs zähester Lady jetzt einen Besuch abgestattet.

Wenn sich die Pferdefreundin Uta Heigl-Zauter Westernreit-Turniere in unseren Breiten ansieht, muss sie lachen. „Denn ich weiß, wie’s wirklich geht.“ Sliding stop, das Bremsen aus vollem Lauf, und Spin, die rasante 360-Grad-Drehung auf der Hinterhand, hat sie bereits mit 23 Jahren perfekt beherrscht. Auf ihrem Quarterhorse „Go Boy“ hat sie auf einer texanischen Ranch Rinder zusammengetrieben. „Und ich weiß auch, warum man dabei Cowboystiefel trägt. Nicht, weil es cool aussieht. Am Boden kriechen die Klapperschlangen. Schmeckt übrigens gut, Klapperschlange“, sagt sie nach einer schön gesetzten Pause. „Wie Kalbfleisch.“

Man nimmt es Uta Heigl-Zauter ab, dass sie Schlangenfleisch schon zwischen ihren tadellosen Zähnen hatte. Wenn sie einem am massiven Holztisch so gegenübersitzt, die langen Haare straff nach hinten, sieht sie aus wie eine Frau, mit der nicht zu spaßen ist. Sie hat die Zügel im Griff. Dabei verbirgt die Powerfrau im Gespräch ihre zarte Seite nicht. Eine Gehirnhautentzündung hatte ihr in der Kindheit die ersten drei Grundschuljahre gekostet. Sie sah Doppelbilder. Ein Privatlehrer gab ihr Unterricht. Auf dem Rücken der Pferde hat sie ihr Gleichgewichtsgefühl wiedererlernt.

Die taffste Lady der Stadt

„Haben Sie die Eier schon gesehen?“, fragt sie unverblümt am Esstisch im ehemaligen Siedlerhäuschen, das durch den Anbau eines modernen Kubus zu einer herrschaftlichen Villa aufgeblasen ist. Kunstvoll bemalte Enteneier baumeln vom Geweih-Lampenschirm, Unikate aus der Werkstatt ihrer Cousine. Die mächtige Esstischlampe ist eine Spezialanfertigung, dazu wurden Familien-Trophäen verarbeitet. Die Hirsche haben ihr Großvater und ihr Vater geschossen. Die Herren vom Heigl-Hof in Moosham leuchten ihr auf diese Art auch in der Grünen Mitte in den Suppenteller. Ihre Tochter Nicole Remann hat ihr die Leuchte zu einem runden Geburtstag geschenkt. Sie ist Live-Reporterin und Moderatorin. Die Absolventin des Pindl-Gymnasiums ist absolut schussfest, wie sie täglich von 17.30 bis 18.30 Uhr in der Abendschau beweist.

Uta Heigl-Zauter hat drei starke Töchter. Sie sind alle auf dem Heigl-Hof aufgewachsen. Das ist ein Gutsbetrieb in Moosham mit 130 Hektar Zwiebel, Mais, Weizen, Zuckerrüben und Kartoffeln sowie 30 Hektar Wald und Teiche. Uta Heigl-Zauter hatte ihn als einzige Gutsherrin weit und breit selbst bewirtschaftet. Nun hat sie ihn an eine Tochter abgegeben. Heigl-Zauter zitiert das Motto ihrer Mutter Mariele: „Wenn du alt bist, musst du in die Stadt. Wegen der Freundinnen, wegen dem Theater, wegen dem Einkaufen.“ Sie hätte an den Hofgartenweg ziehen können. Aber vor dem Haus der Schwiegermutter scheuten ihr Ehemann und sogar der Dackel. So wohnt sie mit ihrem Liebsten, einem pensionierten Straubinger Chirurgen fränkischer Zunge, in der Ganghofersiedlung.

Regensburgs zäheste Lady wohnt seit 2015 in der Grünen Mitte. Vieles erinnert an früher. Im großzügigen Grün steht die Garten-Garnitur vom Heigl-Hof, gekauft 1910. Ihr Mann hat sie sandgestrahlt und neu lasiert. In der Von-Richthofen-Straße ist die Straße gerade ungeteert. Es staubt wie weiland bei Bill Echols 1966 in Texas auf der Ranch. Uta Heigl-Zauter stellt den Bauarbeitern jeden Morgen eine Kanne schwarzen Kaffee raus. Ob im wilden Westen oder in der Grünen Mitte: Gute Nachbarschaft ist für sie selbstverständlich.

Sie war schon als junges Mädchen außergewöhnlich – extrem neugierig, reisefreudig, mutig. Man möchte sagen: komplett. Das hat einen traurigen Grund. Ihre beiden jüngeren Geschwister starben früh. Der Bruder mit eineinhalb Jahren, die Schwester mit vier Monaten. Uta wollte den immensen Verlust ersetzen. „Mein Vater hat immer darunter gelitten, keinen Sohn zu haben.“

Der umtriebige Freigeist und Pionier Otto Heigl gab seiner Einzigen immer Wind unter die Flügel: Ihren 16. Geburtstag durfte sie 1959 in Caracas, Venezuela, feiern – bei einer Freundin aus dem Internat Stein an der Traun. Nach ihrer Gehilfenprüfung, die sie mit 19 absolvierte, ritt sie über die Zuckerrübenfelder an der Küste der Normandie. Sie absolvierte ein Praktikum in Dieppe. „Wenn ich mit Jacke und Schiebermütze die Rüben in die Fabrik fuhr, warfen mir die Mädchen an der Bushaltestelle Kusshände zu. Sie hielten mich für einen jungen Mann.“ Das hat ihr gefallen.

Sowas macht eine elegante junge Dame nicht: Als sie mit 23 Jahren für ein halbes Jahr nach Texas zum Rindertreiben ging, war das in Moosham eine Sensation. Auch in den Staaten erregte Uta Aufsehen. Man konnte es dort kaum fassen, dass ein junges Mädchen diesen harten Job des Landwirts als Beruf erwählt hatte. Uta sprach vor Versammlungen von bis zu 700 Leuten und war zweimal im Radio zu hören, als das erste bayerische Cowgirl in Texas. Mit einer vollständigen Cowboy-Ausrüstung kehrte sie zurück. Dazu gehörte auch der Ausweis eines Deputy Sheriffs, den sie sich bei der Bekämpfung eines Buschbrands zu Pferd verdient hatte. Der Ausweis steckt bis heute im Portemonnaie. „Bei der Einreise in die USA hat er mir schon Dienste geleistet“, sagt Heigl-Zauter mit einem Lächeln.

Auf dem Mooshamer Esstisch aus massivem Holz hat sie drei Ordner mit Bildern, Landkarten, Briefen und Artikeln gepackt. Darunter die MZ-Wochenendausgabe vom 19./20. November 1966. „Reiberknödel auf einer Farm im fernen Texas,“ ist der Titel der großen Geschichte. Das Knödeldrehn hat die damalige Landwirtschaftselevin im Töchterheim Schneider gelernt, der Haushaltungsschule in Rottach-Egern. Dort brachte man ihr Kulturtechniken aus einer anderen Zeit bei, wie man als Dame schreitet und einen Handkuss richtig entgegennimmt. Die Schule wurde Ende der 60er Jahre geschlossen.

Auf den gastgebenden Rancher Bill Echols und dessen Ehefrau Sherley machte eine so komplette bayerische Frauenperson, die reiten kann, elegant ist und Schweinsbraten, Knödel und Kartoffelsalat auf den Tisch stellt, Eindruck. In den Ferien ging Uta auf Tour. Ein heißer Ritt durch 33 von 49 Staaten. „Mit dem Pferd bin ich durch den Yellowstone-Nationalpark geritten“, schwärmt sie noch heute. Damals setzte sie auf Nachhaltigkeit und nutzte ein 99-Dollar-Ticket von Greyhound. Eine Foto-Reporterin des Breckenridge Chronicles begleitete sie.

Ein umtriebiger Vater

Uta Heigl war ja nicht irgendeine junge Frau aus Bayern. Sie nahm am Jugendaustauschprogramm des Lionsclub teil. Ihr Vater hatte das für sie eingefädelt. Otto Heigl (1913 bis 1971) war Gründungsmitglied des Regensburger Lionsclubs, Freimaurer in der Regensburger Loge „Drei Schlüssel zum aufgehenden Licht“ und Ritter der hiesigen Schlaraffia Ratisbona. Das Ritterwappen, auf Holz gemalt von Max Wissner, zeigt ihn als den Mann, der den Stirn bei den Hörnern packt. Das traf seines Wesens Kern. Otto Heigl war umtriebig, hatte viele Ideen, probierte davon einiges aus und meldete manches Patent an, wie sich ehemalige Weggefährten des Clubs der Landwirte erinnern.

Sein Tod kam früh. Zu früh. Uta Heigl-Zauter war 28 Jahre alt, als ihr Vater 58-jährig starb. Von nun an saß bei den Versammlungen des Bauernverbandes eine junge Frau. „Meine sehr geehrten Herren“, hieß es bei der Saal-Begrüßung. Heigl-Zauter: „Beinahe hätten sie mich vergessen. Das Gute war, ich hatte meine eigene Toilette.“

„Ganz früh kam der Hof auf mich“, sagt sie. Es war wie ein Naturereignis, ein Schicksalsschlag. Manche sollen damals darauf gewartet haben, dass es mit dem Heigl-Hof den Bach runter geht. „Aber ich hatte gute Mitarbeiter, vor allem den Herrn Bleicher“, sagt die Jubilarin mit Dankbarkeit. In dieser Woche vollendete sie ihr 80. Lebensjahr. Etwas Stolz schwingt auch mit. Schließlich hatte sie mit 23 Jahren schon in Texas Rinder getrieben und das Fleisch der Klapperschlange geschmeckt.