„Ein großer Tag“: Markus Lüpertz lässt Regensburger Kirche leuchten

Markus Lüpertz ist am Dienstag eins mit sich und der Welt. „Heute bin ich glücklich“, sagt er in St. Ulrich. „Aber das sind nur kurze Momente im Leben des Künstlers.
Dann kehren Demut und Zweifel wieder.“ Über der Museumskirche reißt da gerade der Himmel auf, ein magischer Moment. Schlagartig knipst die Abendsonne das Licht für eine Inszenierung an, lässt die Fenster funkeln, malt den Raum in Gelb, Rot, Smaragdgrün, Taubenblau und Violett und bringt das Licht auf 800 Jahre alten Mauern zum Tanzen.
Regensburg und die Oberpfalz erleben „einen großen Tag“, sagt Walter Jonas, und ruft Lüpertz zu: „Ich bin ganz demütig vor Ihrer Kunst.“ Der Regierungspräsident der Oberpfalz ist Schirmherr eines außergewöhnlichen Projekts. Denn in einer Zeit, in der der Zuspruch für die Kirche – explizit auch in Regensburg – schwindet, bekommt hier ein ambitioniertes Unterfangen des Bistums genau das: Zuspruch, und zwar nicht nur in guten Worten, sondern auch in handfester Währung. Bürger spenden die Fenster, Kostenpunkt: 450.000 Euro. Ungefähr 380.000 Euro gingen bisher ein, in Beträgen ab fünf und bis hinauf zu 75.000 Euro.
Der inspirierte Unternehmer
„Markus Lüpertz ist unglaublich inspirierend. Und meine Branche lebt von Inspiration“, sagt Markus Dirnberger, der mit seiner Frau Verena die komplette Westrosette stiftet, ein Herzstück des spektakulären achtteiligen Bilderreigens. „Markus schenkt andere Perspektiven“, begründet der Regensburger Immobilienunternehmer sein exorbitantes Engagement. „Die Welt ist so bunt, aber in der Tristesse von heute fehlt uns Licht“, schiebt der Kunstfreund nach. Er hat Günther Uecker, Eduardo Chillida und Antoni Tápies gesammelt, bis er in den Lüpertz-Sog geriet. Seine frischeste Erwerbung: Der Entwurf der Rosette hängt heute in seinem Büro.
2000 Einzelscheiben, viele in der Glashütte Lamberts in Waldsassen mundgeblasen, wurden in den Glasstudios Derix in Taunusstein zusammengefügt. St. Ulrich, eines der ältesten Bauwerke der Gotik auf deutschem Boden, erhält mit den zeitgenössischen Fenstern etwas von seiner ursprünglichen Anmutung zurück, sagt Maria Baumann, die Leiterin der Kunstsammlungen des Bistums. Sie hatte im Dezember 2019, im Gespräch mit Markus Lüpertz über seine Ausstellung in St. Ulrich, die Idee, die sich jetzt materialisiert hat – dank vieler Mitstreiter. Für jeden von ihnen findet Baumann am Dienstag persönliche Worte. Auffallend ist die Fehlstelle in der Festgemeinde: Stadträtin Bernadette Dechant (CSU) wurde kurzfristig vom Rathaus angemeldet, aber von Stadt- und Kulturspitze fand niemand den Weg zum Domplatz.
Lesen Sie mehr über Markus Lüpertz in Regensburg: Der Geselle Gottes Einen Geschichtenerzähler, nennt Baumann den Künstler, und schildert dann selbst einige Geschichten: das Ringen mit St. Bürokratius, schweißtreibende Momente, etwa als beim Einsetzen einer Scheibe der Putz bröckelt, und die komplizierte Kommunikation mit einem Künstler, der am Dienstag ständig von Handys fotografiert wird, aber selbst keines hat und auch keines haben will.
Die Ostseite dominiert Kirchenpatron St. Ulrich, mit seinem Attribut, dem Fisch, Ursymbol des Christentum. Ein ganzer Schwarm bevölkert die Fenster. Von der Westseite lacht ein Engel, der an seinen berühmten Nachbarn im Dom erinnert, umringt von flehenden Händen und strahlenden Gesichtern. Die Szene steht für irdisches Dunkel und himmlisches Licht. „Oben Tag, unten Nacht. Verdammnis und Erlösung. Oben wird gelacht, unten wird gelitten“, erklärt Lüpertz. Bischof Rudolf Voderholzer liest hier eine mahnende Botschaft: „Das Leben hat einen Abend. Lebe so, dass du dem Licht entgegen gehst.“
„Die wichtigsten Dinge im Leben kann man nur wissen, wenn man sie glaubt“, sagt der Bischof vor der Segnung. Er würdigt Lüpertz fast überschwänglich: als überaus klugen Theologen und als Künstler, der wisse, dass Kunst „letzten Endes gegenständlich sein muss“. Es sind Worte, bei denen man fremdelt, innerlich Widerspruch anmeldet. Aber der Widerspruch gehört zur Rezeption von Markus Lüpertz, so wie sein Auftritt als Gentleman alter Schule, samt Silberknauf-Stock und all den Ringen mit kirschgroßen Edelsteinen.
Lüpertz hat immer noch Lust
Am Rand des Festakts wird also auch in Regensburg herzhaft und durchaus kundig gestritten über Kunst. Zu plump, zu laut, auch: zu kitschig in der Nähe zur zarten Wandmalerei von St. Ulrich, finden Kritiker. Himmlisch, überirdisch, eine lange Zeit schmerzliche fehlende Ergänzung, sagen die Bewunderer.
Markus Lüpertz, vielseitig und viel geehrt, hat mehr Glasfenster geschaffen als jeder andere im Land, er zählt zu den bedeutendsten Künstlern der Zeit und auch zu den umstrittensten. Aktuell ist das zu besehen an der Marktkirche Hannover. Gegen sein 13 Meter hohes Fenster mit Tod, Teufel, Reformator Luther und fünf Schmeißfliegen zog der Erbe des Kirchenarchitekten vor Gericht. Außerdem wurden unter viel Wirbel 135000 Euro in Spenden für Ukraine-Flüchtinge umgewidmet, weil das Geld Ex-Kanzler und Putin-Freund Gerhard Schröder eingeworben hatte. Im Oktober wird das Fenster endlich eingesetzt. „Und dafür war ich leider Gottes zu jedem Kompromiss bereit“, tippt Lüpertz in Regensburg das „leidige Thema“ an.
Der Meister, 82, geht etwas hüftsteif, hält sich aber kerzengerade und: Er hat immer noch Lust, Lust auf alles. Er bildhauert, zeichnet, malt, dichtet, führt Opernregie und jazzt. In St. Ulrich improvisiert er am Flügel, an seiner Seite: sein Jazz-Kumpan Wolfgang Lackerschmid. Der Überraschungsgast lockt Klangtupfer voll Schalk und Heiterkeit aus dem Vibraphon, in die Lüpertz lustvoll grätscht; kräftig würzt er mit dissonanten Tönen.
Der Künstler pflegt,ungeachtet des Alters, eine langfristige Lebensplanung. Das deutet er in St. Ulrich an, bevor die Gäste zwei Straßen weiter ziehen, zu seiner Ausstellung bei „Art Affair“. „Ein Künstler, der so freundlich auf- und angenommen wird, wird gierig nach mehr“, sagt er und deutet auf die Wände: „Mich ärgern die vielen leeren Fenster hier.“
Bei „Art Affair“: Ein Koloss aus Glas
Ausstellung: Karl-Friedrich Krause, der das Projekt St. Ulrich maßgeblich anschob, zeigt bis 15. August in der Galerie Art Affair beim Alten Rathaus neue Arbeiten seines Kunststars rund um den Werkstoff Glas. Zu sehen sind Originalzeichnungen im Format 1:1 zu den Fenstern in St. Ulrich, eine Reihe Entwürfe für Glasarbeiten und als Sonderedition Bronzen etwa vom Hl. Georg, der den Drachen besiegt, und der mystischen Figur Europa, die den Stier reitet.
Der Koloss: ein „David“, eine Glasskulptur, mit rund 500 Kilo eine der größten Skultpuren ihrer Art, 2022 in der Glashütte Lamberts in Waldsassen aus einem Stück gegossen. Ein Wagnis, das laut Krause hohes Expertenwissen und sensibles Handling brauchte. Allein die Abkühlung des flüssigen Glases von rund 1000 Grad Celsius auf Raumtemperatur dauerte gut fünf Monate. Ein „David“ in Schwarzglas steht nun in St. Ulrich, sein Zwilling in Klarglas bei Art Affair.
St. Ulrich: Die neuen Glasfenster in der Museumskirche am Dom sind bis 30. Juli ohne Eintritt bei Musik und Führungen zu erleben. Täglich um 12.30 Uhr sind Kurzkonzerte zu hören, täglich um 12.30, 13.30, 14.30 und 15.30 Uhr starten Rundgänge mit Erklärungen, am 29. und 30. Juli (je 10.30 Uhr) gibt es Kinderführungen.


