„Bürgermeister MarKuss“ singt Schnulzen gegen schlechte Laune – und die AfD

Von Christian Eckl · 24. Juli 2023 um 19:00

Markus Hofmann ist Bürgermeister in Bad Kötzting, wo Bayerns Wandel gut ablesbar ist. Singend verbreitet er Zuversicht gegen schlechte Laune und auch gegen ein Erstarken der AfD. Ein Ortsbesuch im Bayerischen Wald, wo die Welt noch in Ordnung scheint und man mit Schlagern die Herzen der Menschen erreicht.

Wer den Wandel Bayerns in den vergangenen Jahrzehnten verstehen will, der ist an diesem Samstagnachmittag in Kurpark von Bad Kötzting gut aufgehoben. Einst lag der beschauliche Ort wenige Kilometer vom Ende der Welt entfernt. Heute fühlen sich die Menschen im Herzen Europas. Der „Waildler“ ist weltoffen. Das liegt auch an der Nähe zu Europa. Schlechte Laune, wie sie derzeit in der Berliner Republik vorherrscht, mag man hier allerdings nicht. Auch deshalb steht hier nicht irgendwer auf der Theatron-Bühne im Kurpark von Bad Kötzting. Es ist der Bürgermeister selbst: Markus Hofmann, Freier Wähler, der sich den Künstlernamen Bürgermeister MarKuSS gegeben hat. Rote Lippen soll man eben küssen. Es ist das erste Kurparkfestival, er hat es initiiert.

Hofmann ist ein Freier Wähler. Mit 20 ließ er sich das erste mal für den Stadtrat von Bad Kötzting aufstellen. Mit 27 wird er gewählt. Der gelernte Bankkaufmann merkt in dem Gremium schnell, dass Kommunalpolitik nicht die großen Fragen beantworten muss – aber die drängenden Fragen der Bürger vor Ort. Vor der Kommunalwahl 2014, so erzählt Hofmann es heute, habe der damals schon seit zwei Jahrzehnten amtierende Bürgermeister mit den drei jüngsten Stadträten gesprochen, um seine Nachfolge zu klären. Als der Amtierende auf Zeit spielt, tritt Hofmann aus der CSU aus, tritt selbst an – und gewinnt gegen den Amtsinhaber. 2020 dann die Bestätigung: Mit 82,5 Prozent der Stimmen wird Hofmann wiedergewählt. Liegt’s auch am Singen?

Die CSU im Niedergang

„Ich finde es super, dass der Markus singt. Aber von seiner Politik trennen das viele“, sagt Sylvia Grahl, die in Bad Kötzting und Umgebung ein Modegeschäft betreibt. „Unser Bürgermeister kann singen und bringt Leben in die Stadt“, sagt Alois Brunner. „Ich glaube, die Wählerstimmen hat er sich mit seiner Arbeit verdient, nicht mit dem Gesang.“ Gabi Siegl findet: „Was der Bürgermeister in seiner Freizeit macht, ist seine Sache.“ Auch sie hört sich Hofmanns Auftritt an.

Ein Blick in Zahlen zeigt den Strukturwandel Bayerns deutlich am Beispiel Bad Kötztings. Der Ort wuchs von 6800 Einwohnern vor der Wende auf knapp 7500 Menschen im Jahr 2018. Im Jahr 2020 starben allerdings mehr Einwohner oder zogen weg, als neue hinzukamen. Jetzt sind es noch etwa 7380 Einwohner. 22,7 Prozent sind über 65 - das waren vor der Wende im Jahr 1987 nur 14,5 Prozent. Verlierer ist dabei auch die CSU: Bei der Bundestagswahl erreichte sie 2002 noch 72,5 Prozent der Stimmen. 2021 waren es noch 32,3. Immerhin wählten bei der Landtagswahl 2019 noch 50 Prozent die CSU. Doch 1999 waren es noch 72,3 Prozent.

An diesem Samstag beim Kurparkfest sind die Sitzreihen vor der Theatron-Bühne ein Spiegel dieses Wandels hin zur Rentner-Republik. Doch nach dem Auftritt Hofmanns feiern ihn auch die Jungen: Eine Gruppe junger Kötztinger um die 20 macht ein Gruppenselfie mit ihm. Spricht man mit Hofmann über Politik, so sagt er Sätze wie diese: „Ich bin ein konservativer Mensch, aber trotzdem sehr offen.“ Ja, bei den Freien Wählern habe man ein breites Spektrum an Meinungen. „Das macht es nicht immer leicht.“

Der gelernte Kirchenmusiker kritisiert Kirche in vielen Fragen

Der gelernte Kirchenmusiker kritisiert die Kirche in vielen Fragen, austreten würde er aber nicht: „Für mich gehört dazu, dass man auf Werte und Traditionen setzt, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.“ Die Menschen und auch er würden wahrnehmen, dass es in Deutschland derzeit „politisch drunter und drüber geht. Und das macht nicht nur mir Sorge“. Dass immer mehr Menschen ihr Heil bei der AfD suchen würden, das kann er nicht verstehen. „Ich sehe das doch bei uns im Kreistag: Die haben keine Lösungen, gehen oft gar nicht zu den Sitzungen“. Er frage sich: „Wollen die Menschen wirklich solche Volksvertreter haben?“ Hubert Aiwangers Rede auf einer Demonstration in Erding, die anschließend scharf von Ministerpräsident Markus Söder und Landtagspräsidentin Ilse Aigner kritisiert wurden, fand er gut.

„Die Politiker haben die Sprache der Menschen verloren. Wenn wir nicht aufpassen, dann trifft unser Land ab.“ Doch in den öffentlichen Debatten werde das häufig anders dargestellt. „Wenn Hubert Aiwanger bei Markus Lanz im ZDF klare Worte spricht, dann unterstellt man ihm, er wäre aus der Spur – da ist doch was verkehrt herum.“

„Ich singe lieber bei den Trauungen“

Auch nach dem Auftritt auf der Kurpark-Bühne ist sich Hofmann sicher, dass er den Durchbruch als Schlagersänger nicht schaffen wird. Er lacht: „Ich singe lieber bei den Trauungen.“

Auch bei Beerdigungen ist seine Stimme gefragt. Kürzlich sang er auf einer „The Rose“ von Bette Middler und dann „Der Herr ist mein Hirte“, ein religiöses Lied mit Bezug auf einen berühmten Psalm aus der Bibel.

Bei Roland Kaiser bebt es

Den meisten Applaus bekommt er am Samstag für ein Lied von Roland Kaiser. „Zuversicht“ heißt es und Bürgermeister MarKuSS schmettert diese Zeilen mit Verve: „Jeder ist mal wütend, jeder hat mal Angst. Wir haben so viel gemeinsam, gemeinsam eine Chance. Zu wertvoll dieses Leben. Um sich im Wahnsinn zu verlier’n.“ Das Publikum jubelt.

Alois Brunner fand den Auftritt Hofmanns gut.
Sylvia Grahl bezeichnet sich als Freund des Bürgermeisters.
„Es schadet sicher nicht, dass er singt“, sagt Hans Graßl. Seine Frau Marieluise findet das auch.