Ein Jahr Mädchenchor: Der Domspatzen-Sound ist schon zu hören

Ein Jahr ist es her, seit die Regensburger Domspatzen ihre fast 1050-jährige Tradition gebrochen haben. Auf dem Campus werden nun neben Jungs- auch Mädchenstimmen gefördert. War die Entscheidung richtig?
Aus den Fenstern des Domspatzen Gymnasiums tönen Klaviermelodien und Gesänge – Normalzustand, denn geprobt wird täglich. Auch Elena Szuczies bereitet im Mädchen-Chorsaal mit ihren Schülerinnen fleißig Stücke für einen Fernsehbeitrag vor. Die einzelnen Stimmregister müssen immer wieder einzeln vorsingen. Man merkt: Hier kommt es auf Feinheiten an.
Ihre 34 Mädchen waren die Ersten. Sie stellten im vergangenen Jahr im Casting vor Domkapellmeister Christian Heiß ihre musikalisches Können unter Beweis. Was für Heiß klar war: Der Mädchenchor braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Doch er wurde überrascht. „Das ist schneller passiert, als ich gedacht habe“, sagt er.
Der erste Auftritt überzeugte
Schon der erste öffentliche Auftritt im Dom zum vierten Advent unter großer medialer Begleitung „war aller Achtung wert“. Seit Januar ist der Mädchenchor der Regensburger Domspatzen voll in den Liturgieplan im Dom integriert. Das heißt, sie treten abwechselnd mit den Knabenchören ungefähr einmal im Monat auf.
Die 29-jährige Chorleiterin Elena Szuczies fühlt sich in ihrer Rolle wohl. „Es ist eine ganz tolle Arbeit und es macht viel Spaß mit den Mädchen“, sagt sie. Auch sie betont, wie schnell sich die Sängerinnen entwickelt haben. „Ich hätte eigentlich damit gerechnet, dass die Aufbauzeit noch deutlich länger braucht, bis wir Konzerte und Dom-Ämter regelmäßig singen können“.
Der Einstieg in die Mehrstimmigkeit war anfangs eine kleine Hürde, vor allem bei den Jüngeren und Unerfahreneren, sagt Szuczies. „Jetzt ist das schon längst überwunden.“
Für zukünftige Ausfälle gewappnet
Im neuen Schuljahr kommen etwa 20 neue Schülerinnen dazu. „Der Chor verdoppelt sich quasi“, so Szuczies. Im ersten Halbjahr heißt es für die Chorleiterin also: integrieren. Mit mehr als 50 Sängerinnen wird aber auch einiges leichter. Die Knabenchöre sind im Schnitt mit 70 bis 80 Schülern ausgestattet – das ist von Vorteil, wenn einer ausfällt.
Im Mädchenchor trage jede Stimme derzeit mehr Verantwortung. Krankheitswellen in den Wintermonaten werden zur Herausforderung. „Wir müssen singfähig bleiben, auch wenn jemand krank ist“, sagt Szuczies. Was den Mädchen aber im Gegensatz zu den Jungen kaum in den Weg kommt: der Stimmbruch. Lang pausieren müsse hier wohl keine, sagt Heiß. Die zukünftige Zielgröße des Mädchenchors liege laut Szuczies bei etwa 100 Sängerinnen.
Die Mädchen müssen sich auf der Bühne mit den Knabenchören messen lassen. Doch die haben einen deutlichen Vorsprung. Zu viel Druck für junge Mädchen? „Wir machen ihn nicht“, sagt Heiß. Die Mädchen hören und sehen aber, was die Jungs machen und wollen das auch. Im Prinzip wecke der Knabenchor also eher den Ehrgeiz der Sängerinnen.
Mädchen-Chor freut sich über positives Feedback
Evelin (14) und Judith (11) scheinen sich bei den Domspatzen wohl zu fühlen. „Mein Vater war auch hier“, sagt Judith. Der Tag der offenen Tür hätte sie schließlich überzeugt, auch hierher zu kommen. Das Proben mache ihr viel Spaß.
„Es ist wie eine große Familie“, sagt Evelin. Sie kam als Quereinsteigerin ans Gymnasium. Auch wenn die 34 Mädchen deutlich in der Minderheit sind, fühlen sie sich wohl.
Im kommenden Schuljahr ist der Terminkalender der Domspatzen zur Adventszeit wieder voll – auch der, der Mädchen. „Wir haben sogar schon Konzertanfragen für 2024“, freut sich Szuczies.
Auch das Feedback bei bisherigen Auftritten lässt die Verantwortlichen strahlen, denn es sei durchweg positiv. Ein eingefleischter, ehemaliger Domspatz sagte nach einem Auftritt zum Domkapellmeister: „Das ist der Domspatzen-Sound, der hier schon durchkommt.“ Noch dazu sind die Schülerzahlen wieder auf einem steigenden Kurs. Waren es 2021 noch 265, so sind es jetzt 300. Das bringt Heiß zum Fazit: „Die Entscheidung war richtig.“ Für ihn ist aber auch klar, dass die Tradition des Knabenchors unverändert bleibt.