Vom Notar zum Archivar: Der Schwabe Bruno Mayer pflegt Rodings Geschichte

Von Oliver Hausladen · 24. Juli 2023 um 11:30

So einen Mitarbeiter wünscht sich wohl jede Kommune: Komplett ehrenamtlich arbeitet der frühere Notar Bruno Mayer nun schon seit fünf Jahren täglich im Rodinger Stadtarchiv. „Ich mache die Arbeiten, die sonst keiner machen will, wie Sachen einsortieren“, erzählt der gebürtige Schwabe mit einem Lächeln. Roding ist für ihn zu seiner Heimat geworden – auch wenn er sich das am Anfang seiner Zeit in Ostbayern nicht hat vorstellen können.

Mayer stammt aus dem Landkreis Günzburg und wuchs in armen Verhältnissen auf. „Wie meine Eltern mir das Jura-Studium finanzieren konnten, weiß ich nicht“, sagt er. Irgendwie, auch weil Mayer nebenbei auf dem Bau arbeitete, funktionierte es aber, nach dem zweiten Staatsexamen war er so gut, dass er die Ausbildung zum Notar machen konnte. Trotzdem war er sich zunächst sicher, dass es nichts werden würde, erzählt er eine Anekdote, denn: „Ich hatte vergessen, beim Bewerbungsgespräch eine Krawatte anzuziehen.“

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Um eine Notarstelle antreten zu können, musste er seine Heimat verlassen. Eine alles andere als einfache Entscheidung für Mayer, der in zahlreichen Vereinen aktiv war und viele Freunde hatte. Das Ausschlaggebende: Wenn man einmal Notar ist, kann man aus dem Beruf wieder raus, wer es aber damals ablehnte, konnte auch später nicht in diesem Gebiet arbeiten. Also entschied sich Mayer, zu gehen, „dann hatte ich immer noch die Wahl, ob ich es wieder lasse.“

Nicht die erste Wahl

Die Wahl fiel dann auch nicht freiwillig auf Roding. Notare und angehende Notare können sich auf freiwerdende Stellen bewerben, ausschlaggebend ist aber alleine, wie lange sie schon in diesem Beruf arbeiten. So gehen die lukrativen Posten wie in München oder am Starnberger See an die „Altgedienten“, jungen Notaren bleiben dann nur noch nicht so begehrte Stellen. „Die Arbeit ist überall die Gleiche, aber es geht um andere Summen, etwa bei den Grundstücken“, erklärt Bruno Mayer – viel Geld verdienten Notare deshalb nicht unbedingt in Ostbayern.

Aber warum dann gerade Roding? „Weil die anderen Optionen auch nicht besser waren“, sagt Mayer mit seinem typischen Humor. Zudem sei es hier landschaftlich sehr ähnlich zu seiner Heimatregion.

Dass er in Roding Wurzeln schlagen würde, hätte er bei seiner Ankunft niemals gedacht: Mit seiner Frau Maria kam er „an einem sehr tristen Tag“ in Roding an – und wäre bei der Anfahrt fast wieder umgedreht. „Wir sind auf der alten Bundesstraße gefahren und dachten, da kommt nichts mehr, als wir durch Trasching durch waren“, erinnert er sich heute noch genau.

Trotzdem trat er dann den Posten an, anfangs noch zeitlich begrenzt. „Ein Notar muss fünf Jahre lang am ersten Ort bleiben. Wir dachten, die kriegen wir schon rum, wenn wir jedes zweite Wochenende heimfahren“, erzählt Mayer von den ursprünglichen Plänen. Doch er knüpfte schnell Kontakte, spielte beim TB 03 Fußball, ging zum Schafkopfen und lernte auch in seinem Büro zahlreiche Menschen kennen. Außerdem kam das erste Kind des Paares auf die Welt, was auch die Fahrten ins Schwäbische einschränkte.

Nach fünf Jahren war dann die Versuchung aber doch groß, Roding wieder zu verlassen, eine Stelle in Krumbach, nahe seiner Heimat, lockte. „Es war keine einfache Entscheidung“, erzählt er. Letztlich entschied er sich aber, „für das, wovon ich wusste, was ich habe und gegen das, wo ich nicht genau wusste, wie es werden würde.“ Und noch einmal war der Gedanke an eine Rückkehr nach Schwaben nahe: In Burgau wurde eine Stelle frei. Doch die Kinder spielten mittlerweile in der C- und D-Jugend, „und die Katze wollte auch nicht weg“, scherzt Mayer. Also blieb er − nun schon seit über 35 Jahren.

„Macht mir viel Spaß“

Nach den 30 Jahren als Notar war dann Schluss, doch Mayer wollte weiterhin etwas Sinnvolles tun. „Nicht wegen des Geldes, das war mir nie wichtig“, sagt er. Da er Papier liebt, kam die Idee auf, ehrenamtlich im Stadtarchiv zu arbeiten.

Dort erledigt er nun tagtäglich die Ablage, sortiert Zeitungsberichte, Fotos oder Sterbebilder ein, hilft Bürgern, die Infos suchen (etwa für Festschriften) und vieles mehr. „Mir macht das wirklich Spaß, obwohl ich weiß, dass das sonst niemand machen will“, sagt Mayer. Zudem sei es eine sinnvolle Beschäftigung, die ihn geistig fit halte und: „Es würde sonst ja liegenbleiben.“ Die Bürger wüssten zudem, dass jemand vor Ort ist, wenn sie etwas benötigen oder vorbeibringen wollen.

Er freut sich auch über die zahlreichen Begegnungen, die er im Stadtarchiv hat. „Der Kontakt zu den vielen Menschen hat mir schon sehr gefehlt, als ich als Notar aufgehört habe“, berichtet er. Nun hat er Dank der Kollegen im Rathaus und der Besucher eine Kompensation gefunden.

Ans Aufhören denkt der ehrenamtliche Stadtarchivar nicht: „In meinem Alter kann es irgendwann sehr schnell gehen, dass es nicht mehr geht“, sagt Mayer, der Realist ist, aber: „Solange ich fit bin, werde ich das weiter machen, es macht mir ja Spaß“. So kann sich die Stadt wohl noch lange Zeit über den kostengünstigsten aller Mitarbeiter freuen.

Beim Neujahrsempfang wurde Bruno Mayer mit der Bürgermedaille ausgezeichnet, für seine Ehefrau Maria gab es einen Blumenstrauß. Foto: Simon Tschannerl/Archiv