Das Künstlerpaar „toffaha“ vereint Gegensätze

Regensburg. Mit ihrer Ausstellung „ReConnection“ überwinden Rasha Ragab und Christoph Nicolaus Distanzen.
Wahrscheinlich gibt es keine andere Obstsorte als den Apfel, die kulturell stärker mit Bedeutung aufgeladen ist. Symbolisch steht dieses süße Kernobst, das unserer Spezies einst den Weg aus dem Paradies gewiesen hat und uns so erst zu Menschen gemacht hat, für alles Humane. Also für die Liebe und das Leben, aber auch für geistige Erkenntnis und politische Herrschaft. Die Eheleute Rasha Ragab und Christoph Nicolaus nennen sich als Künstler-Duo „toffaha“ (das ist das arabische Wort für Apfel), weil sie aufgrund ihres 2012 geschlossenen Bundes fürs Leben Gegensätze vereinen. Während sie, die gebürtige Nubierin, aus der ägyptischen Hauptstadt Kairo stammt, wo sie lange Jahre am dortigen „Museum of Modern Art“ gearbeitet hat, ist ihr Ehemann wiederum Münchner. Kennen und lieben gelernt haben sie sich, weil sie beide als Kuratoren tätig sind.
Klingender fliegender Teppich
Am Freitagabend eröffneten die beiden Apfelhälften ihre Ausstellung „ReConnection“ im donumenta-Art Lab Gleis 1 am Regensburger Hauptbahnhof mit der Performance „Flying Carpet“. Ihren fliegenden Teppich aber starteten sie mit Mitteln, die weit östlich der arabischen Welt beheimatet sind – nämlich in Ost-Asien. Sie bedienen sich dabei einer japanischen Bambusflöte und einer Steinharfe – und versetzen damit diesen unterirdischen Ort, der hörbar dem Transport von Menschen und Gütern gewidmet ist, schwingend in meditative Vibrationen.
Während die hier im Tunnel versammelte rund 50-köpfige Zuhörerschaft sogleich jegliches Zeitgefühl verliert, betont das Künstlerpaar mit den von ihnen erzeugten Klängen den unermesslichen Wert des Augenblicks. Und sorgt so dafür, dass die rund zwanzig Minuten (oder waren’s viel mehr?) zu einem Moment verschmelzen, zu einer klingenden Skulptur aus reiner Gegenwart. Nur die in unregelmäßigen Abständen über die Schwellen donnernden Güterzüge, sie vermitteln ein Echo von der wahren Welt da oben – und vom Dahinströmen der Minuten.
Während sich Christoph Nicolaus einer streng auf Repetition ausgerichteten Arbeitsweise verpflichtet sieht, betont Rasha Ragab die Variabilität: In ihrer großen Serie „Draw the Emptiness … Draw the Void“ (beide Nomen stehen im Englischen für „Leere“) zeichnet sie das, was sie den „Raum zwischen zwei Objekten“ nennt.
Das Potential der Leere entdecken
Damit meint sie etwa jene Lichtblicke, wenn man aufs Blätterdach von Bäumen schaut und sich dabei neue Perspektiven eröffnen. Das können Linien, Punkte oder Vielecke sein – die sie wiederum auf sieben mal sieben Zentimeter große Büttenpapier-Quadrate mit Bunt- und Goldstift bannt. Hier in der Ausstellung sind zahllose solcher Variationen auf verschiedenen Materialien zu sehen – gestickt auf Juteleinen oder auf Keramik gezeichnet.
Rasha Ragab stellt sich damit in die japanische Tradition des „Mukayu“ – dessen Sinn und Zweck darin besteht, das Potential der Leere zu entdecken. In einer Video-Installation wiederum setzt sie sich kritisch mit jener Art von Orientalismus und Japonismus auseinander, Stilen also, die in Frankreich populär waren und in dessen Geist Edouard Manet 1865 seine „Olympia“ geschaffen hatte. Dieses Gemälde, das eine nackte weiße Frau auf einem Bett zeigt, die von einer dunkelhäutigen Sklavin bedient wird, bedarf heute einer kritischen Betrachtung, die kolonialistische Menschenbilder reflektiert.
Christoph Nicolaus wiederum errichtet seinen Gegenwarten winzige Monumente. So zeichnet er unter dem etwas verrätselten Titel „Zug Beete“ während Bahnfahrten mit einem weichen Bleistift ganz langsam und ohne Druck Linien in DIN-A4-Hefte, die möglichst gerade, parallel und im gleichen Abstand zueinander verlaufen. So mutiert er selbst zum Aufzeichnungsgerät, zum Seismographen einer Summe von Augenblicken, die sich auftürmen, zur verfließenden Zeit. In Glasvitrinen sind diese Hefte, die seit 1995 entstanden sind, wiederum der Reihe nach aufgestellt. Einer ähnlichen Idee verpflichtet ist sein Projekt „Kometenschauer“: Tag für Tag sammelt er mit einer Pipette einen Tropfen Wasser – um diese Minimengen in einer mundgeblasenen, handgeschliffenen Rundschulterflasche aufzubewahren. 14 Jahre lang hat er das gemacht – weshalb in manchen der verschlossenen Behälter nur noch Kalkablagerungen zu sehen sind. So begegnet Christoph Nicolaus der Vergänglichkeit mit seiner höchst persönlichen Poesie – und füllt mit dieser Leere die Resonanzräume im Verhältnis zu seiner Ehefrau.