Ein Bischof auf Einkaufstour: Vor zehn Jahren erschütterte ein Protz-Bau die Katholische Kirche

Von Christian Eckl · 18. Juli 2023 um 11:12

Der Skandal um die Residenz von Bischof Tebartz-van Elst erschütterte vor zehn Jahren die Kirche. Heute ist das Bischofshaus hoch über Limburg an der Lahn eine Touristenattraktion. Ein Ortstermin in der berühmtesten Residenz der Katholischen Kirche in Deutschland.

Gleich nach einem Besuch im Limburger Dom drückt die meisten Touristen diese Frage: „Wo steht denn die Badewanne?“ Das fragt eine Dame im leichten Trägertop. „Die steht im Museum“, sagt eine Mitarbeiterin des Bistums, die gerade aus dem wohl berühmtesten Bischofssitz der Republik kommt. Wer nach Limburg an der Lahn fährt, der lässt sich den majestätischen, über dem Fachgiebelhaus-Örtchen thronenden Prunkbau nicht entgehen. Vor zehn Jahren aber wurde er einem zum Verhängnis, der als Shooting-Star des konservativen Katholizismus galt: Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst.

Einer, der hautnah miterlebte, was zum Kirchenskandal wurde und Tausende von Austritten nach sich zog, ist Stephan Schnelle. Bis heute ist er Sprecher des Limburger Bischofs, der jetzt Georg Bätzing heißt und als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz die Kirche in Deutschland auf den Reformweg führen will. „Wir haben das Bischofshaus damals geöffnet, auch, um es zu entmystifizieren“, sagt Schnelle heute. Bätzing nickt zustimmend. Der Bischof begrüßt kurz die Besucher, die sich das sagenumrankte Gebäude am Limburger Domberg zeigen lassen.

Eingezogen ist Bätzing nach seinem Amtsantritt nicht: „Da wird man krank, wenn man darin wohnt“, sagt der amtierende Bischof. Es ist augenfällig, was er meint: Obwohl das Bischofshaus auf dem Fels steht, auf dem auch der Limburger Dom steht, ist der atemberaubende Blick über das Lahntal versperrt. Rund um den Bischofsresidenz gibt es eine Mauer. Darin aber wartet das Gebäude mit Design vom Feinsten auf.

Adventskranz schwebt herab

Wenig spektakulär ist allerdings die berühmte Badewanne. Als sich 2013 der Sturm über dem Bistum zusammenbraute, wurde kolportiert, sie habe 16000 Euro gekostet. Das stimmt nicht. Für 3800 Euro gehört sie eher zu den kostengünstigeren Einrichtungsgegenständen in der Limburger Bischofsresidenz. Spektakulärer ist da schon die Vorrichtung, mit der sich Tebartz-van Elst seine Bischofskapelle aufmotzen ließ. Als die Kapelle schon so gut wie fertig war, fiel ihm ein, dass ein Adventskranz auf einem Ständer eher fade wirkt. Er wies an, der Adventskranz möge künftig von der Decke schweben.

Das Problem: Um den Motor dafür einzubauen, musste das Dach der Kapelle angehoben werden. Kostenpunkt für diesen ungewöhnlichen Schnickschnack: 80000 Euro. Ins Innere der Kapelle stellte sich Tebartz-van Elst eine zweite Kathedra, also einen Bischofsstuhl, der die Autorität eines Hirten als Lehrer zum Ausdruck bringen soll. Die Kathedra war das Erste, was der vom Papst eingesetzte Bistums-Administrator entfernen ließ, als Tebartz-van Elst zurücktreten musste. „Zwei Bischofsstühle, einer im Dom und der andere 150 Meter davon entfernt, das war ihm dann doch zu viel“, erzählt der Bistumssprecher.

Ungewöhnlich ist auch der Innenhof in der Residenz, der in seiner architektonischen Klarheit an den Architekten Mies van der Rohe erinnert. In der Mitte steht ein Brunnen, auf dem die Evangelisten dargestellt sind. Das Wasser fließt wie die göttliche Inspiration der Evangelisten in Schalen von oben herab, wie auch „das Wort Gottes von Generation zu Generation weitergegeben wird“, erklärt Schnelle. Doch auch hier liegt die Raffinesse im Detail: Das Wasser verschwindet im Boden und wird abgeleitet.

Überhaupt ist der Innenhof der Residenz ein Blickfang für Architektur-Fans: Die Stahlträger wurden mit teurem Naturstein verkleidet, dafür wurde der Stein ausgehöhlt. Der Hof kann beschallt werden: Die Lautsprecherboxen sind allerdings nicht zu sehen, sie wurden in die aufwendige Verkleidung eingebaut. Auch die Außenanlagen sind mit großem Aufwand gestaltet, selbst wenn manches heute nicht mehr sichtbar ist: Der einst 4,80 Meter tiefe Koi-Teich beispielsweise wurde zwischenzeitlich zugeschüttet, weil der Unterhalt auch ohne die teuren Fische zu viel kosten würde.

Dass der Olivenbaum im Bischofsgarten auch im Winter grünt, liegt an einer Wurzelheizung. Lange brauchte man in Limburg, um zu erfassen, was der Bischof in seinem Bistum an Kunstgegenständen eingesammelt und in seine Residenz geschafft hatte. Der 5er BMW des Oberhirten, in dem der Motor eines 7ers verbaut war, fuhr in Pfarrhöfen vor und rauschte mit Madonnenfiguren und Reliquien wieder ab.

Apropos Reliquien: Der einst kolportierte Weinkeller in der Residenz war gar keiner. Vielmehr ließ Tebartz-van Elst einen Raum für Reliquien einrichten. Beleuchteter Alabaster und würdevoll gestaltete Kästchen beinhalten die sterblichen Überreste von Heiligen und Seligen. Das Kartenhaus rund um den Bischofssitz fiel im Sommer 2013 zusammen. Die Kosten entsetzten viele Gläubige weit über das Bistum hinaus. Doch das war gar nicht der Kern der Krise: „Es ging um Vertrauen und um den Umgang mit der Wahrheit“, sagt Sprecher Schnelle heute. Und um Transparenz.

Ursprünglich waren für den Bau vier Millionen Euro anberaumt. Dann wurde klar, dass die Kosten mindestens 17 Millionen Euro betragen würden. Am Ende waren es laut dem Bericht einer Prüfungskommission 31,5 Millionen. Bezahlt wurde aus dem Topf des Bischöflichen Stuhls, über den Tebartz-van Elst verfügen konnte.

Bischofswohnung ist Teil des Diözesanmuseums

Heute ist die Bischofswohnung Teil des Diözesanmuseums, die Badewanne ist allerdings nicht öffentlich zugänglich. Das Badezimmer wird als Teil des Museums-Magazins genutzt. Bis heute sitzen im Bistum die Wunden tief: „Es gibt noch heute einen Domkapitular, der diese Residenz nicht betreten will“, sagt Schnelle.

400 Kilometer entfernt, am Dienstsitz des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer, schweigt man zu der Frage, wieso der frühere Bischof von Limburg Aufnahme im Bistum fand. Als der Papst Tebartz-van Elst zum Rücktritt zwang, mieteten Geschwister des geschassten Bischofs eine Wohnung an einem Regensburger Park. 120 Quadratmeter, sanierter Altbau: Auch diese machte schnell Schlagzeilen. Kirchenrechtlich ist es so: Der Diözesanbischof hat in seinem Bistum das Sagen. Bischof Rudolf bot seinem gestrauchelten Mitbruder damals „mitbrüderliche Aufnahme und Gastfreundschaft“ an. Die Mietwohnung am Stadtpark bewohnt Tebartz-val Elst heute nicht mehr. Er lebt nun die meiste Zeit in Rom.

In Regensburg aber hat er laut Vertrauten immer noch eine Wohnung in einem Neubaugebiet. Auf eine Anfrage beim Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung, in den Papst Franziskus den gestrauchelten Bischof nach seinem Rücktritt berufen hatte, reagierte Tebartz-van Elst nicht.

Auch der Regensburger Bischof mag sich nicht äußern. Die Mediengruppe Bayern fragte bei seinem Sprecher an, wieso er Tebartz-van Elst damals aufgenommen hat. Das sei „eine Privatsache des Bischofs“, antwortete dessen Sprecher.

Der Koi-Teich ist zwischenzeitlich zugeschüttet.
Die Bischofsresidenz auf dem Limburger Domberg sorgte für einen Skandal. Fotos: Eckl
Das Gästezimmer in der Residenz mit Doppelbett.
Die Bischofskapelle sorgte für Schlagzeilen.