Stellenabbau am Standort Cham: Bei der Firma Ensinger stehen Jobs im Feuer

Von Christoph Klöckner · 18. Juli 2023 um 18:30

Inflation und Rezession bedrohen die Wirtschaft. Bislang hat das den Landkreis Cham wenig tangiert, doch nun wechseln die Vorzeichen nach langen des Wachstums auch hier: Das Familienunternehmen Einsinger mit Hauptsitz in Nufringen will am Standort Cham erstmals Personal in größerem Stil abbauen.

Der ist mit 633 Beschäftigten mit der größte Einzelstandort in der Ensinger Gruppe. 44 Beschäftigte davon sollen gehen. Nach den Ursachen befragt, beschreibt Jörg Franke, Leiter der Unternehmenskommunikation, die Entwicklung. Seit rund einem Jahr sei der Auftragseingang in der Unternehmenssparte „insulbar“ rückläufig. In der Sparte werden etwa Kunststoffprofile hergestellt, die im Fensterbau benötigt werden.

Negativer Trend

„Durch den Einbruch der Baukonjunktur in Deutschland und anderen europäischen Ländern hat sich der negative Trend in diesem Jahr verstärkt“, so der Unternehmenssprecher. Sowohl private Hausbauer als auch Unternehmen stellten demnach ihre Neubauvorhaben zurück. Auch Renovierungen im Bestand seien in den Zeiten hoher Zinsen rückläufig.

„Da die Lager der Kunden gut gefüllt sind, erwarten wir für die kommenden Monate keinen Anstieg der Nachfrage nach Isolierprofilen für Fenster, Türen und Fassaden“, erläuterte der Ensinger-Vertreter: „Der langfristige Ausblick ist dagegen positiv, das Management unseres Familienunternehmens ist vom Geschäftsmodell der Sparte insulbar überzeugt.“

Ganz allgemein würden sich die einzelnen Sparten der Firma unterschiedlich entwickeln: „Einige Geschäftsbereiche verzeichnen ein leichtes Wachstum, in anderen sehen wir seit mehreren Monaten eine Seitwärtsbewegung oder einen Auftrags- und Umsatzrückgang.“ Dieser falle bei „insulbar“ besonders deutlich aus, was nun Konsequenzen hat.

Da auf der Nachfrageseite keine kurzfristige Erholung zu erwarten sei, überprüfe Ensinger die Kostenstrukturen, Produktionsabläufe sowie andere interne Projekte und Prozesse. Die Effizienzsteigerung werde jedoch erst mittelfristig wirksam werden. „Deshalb wurde in der Sparte insulbar am Standort Cham im Dezember in den Produktionsbereichen Kurzarbeit eingeführt. Inzwischen wird auch in produktionsnahen und unterstützenden Abteilungen kurz gearbeitet“, so der Ensinger-Pressesprecher.

Zwei weitere Sparten am Hauptsitz in Nufringen hätten in diesem Jahr ebenfalls Vereinbarungen zur Kurzarbeit getroffen. Doch die Einschnitte gehen noch weiter: Da absehbar sei, dass sich die wirtschaftliche Situation im Geschäftsbereich insulbar längerfristig nicht verbessern werde, habe die Geschäftsleitung ein freiwilliges Stellenabbauprogramm auf den Weg gebracht und den Betriebsrat über den Ablauf informiert.

Insgesamt seien in Cham 44 befristete und feste Stellen betroffen: „Neben der Nicht-Verlängerung von befristeten Verträgen bieten wir Abfindungsangebote an. Die Annahme ist freiwillig, derzeit laufen am Standort individuelle Gespräche.“

Abschwächen der Nachfrage

Betriebsbedingte Kündigungen werde es nicht geben, so der Sprecher, „weder in Cham noch in Nufringen.“ Und es gebe auch keine weiteren Personalabbaupläne. „Die Geschäftsleitung und der Betriebsrat gehen davon aus, dass die aktuellen Maßnahmen ausreichen“, betonte Unternehmenssprecher Jörg Franke.

Für die nahe Zukunft sieht sich das Familienunternehmen vor einem Abschwächen der Nachfrage: „Nachdem Ensinger zwei sehr erfolgreiche Geschäftsjahre hinter sich hat, rechnet das Management angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit einem allenfalls geringen Umsatzwachstum im Geschäftsjahr 2023/24. Der Krieg in der Ukraine, der Energiepreisanstieg, die volatile Konjunkturprognosen, die Inflation und die gedämpfte Investitionsbereitschaft auf allen Kontinenten spreche für ein Abflauen.

„Für eine Erholung der Baukonjunktur, von der insulbar profitieren würde, gibt es noch keine Anzeichen.“ Besser sehe es da für die Sparte Machined Parts – Zerspanung – aus: Zwar liege das Wachstum unter den Erwartungen, aber der zweitgrößte Geschäftsbereich am Standort Cham entwickle sich weiterhin positiv, resümiert das Unternehmen.

Die Ensinger-Gruppe

Produkte: Die Ensinger Gruppe beschäftigt sich nach eigenen Angaben mit der Entwicklung, Fertigung und dem Vertrieb von Compounds, Halbzeugen, Composites, Fertigteilen und Profilen aus technischen Kunststoffen. Zur Verarbeitung der thermoplastischen Konstruktions- und Hochleistungspolymere setzt Ensinger eine Vielzahl von Herstellungsverfahren ein, unter anderem Extrusion, mechanische Bearbeitung, Spritzguss, Formguss, Sintern und Pressen.

Unternehmen: Unternehmensgründer Wilfried Ensinger hatte mit dem Familienbetrieb 1966 in einer Garage begonnen. Mit heute insgesamt 2600 Mitarbeitern an 33 Standorten ist das Familienunternehmen in allen wichtigen Industrieregionen weltweit mit Fertigungsstätten oder Vertriebsniederlassungen vertreten. Ensinger gründete 1980 aus Mangel an Fachkräften ein Zweigwerk in Cham (Oberpfalz). Heute ist der Standort mit 633 Mitarbeiter mit der größte der Gruppe.

Nach Jahren des Aufschwungs am Standort Cham gibt es nun einen Knick, vor allem die Bausparte schwächelt. Foto: Klöckner