Traumberuf: Polizeichef Christian Pongratz blickt auf sein erstes Jahr in Bad Kötzting zurück

Kindermund tut Wahrheit kund – na dann hat Christian Pongratz, seit einem Jahr Dienststellenleiter bei der Bad Kötztinger Polizei, ja alles richtig gemacht: Die Veranstaltung des Ferienprogramms „Erlebe die Polizei“ war sofort ausgebucht. Polizeiarbeit ist eben hochinteressant – und für Pongratz nach wie vor sein Traumberuf. Ein Rückblick auf ein Jahr mit (neuen) Kollegen, (netten) Kommunen und (bisweilen naiven) Kriminellen.
Es war der perfekte Zeitpunkt, als Christian Pongratz im Mai vergangenen Jahres von Waldmünchen nach Bad Kötzting wechselte: „Kurz vor Pfingsten, da gab es viele Besprechungen und ich konnte viele Leute kennenlernen.“ Der „offene und ehrliche Umgang miteinander“ sei ihm gleich aufgefallen. „Die Kötztinger bringen es auf den Punkt, sagen, was sie wollen, sind hilfsbereit und schauen aufeinander.“
Natürlich nicht nur die Kötztinger. Das Einsatzgebiet der Polizeiinspektion (PI) Bad Kötzting reicht vom Arber bis Zandt und ist 340 Quadratkilometer groß. Nach dem Wechsel in die Pfingstrittstadt war Christian Pongratz schnell klar: „Hier muss ich nicht nur alle Straßen kennen, sondern auch felsige und schlecht zugängige Bereiche.“ Beispiel Osserwiese: Pongratz’ Stellvertreter Josef Weindl – „er ist ein absoluter Motor“ – hatte ihm noch beim Start in Bad Kötzting gesagt: „Da ist schon länger kein Gleitschirmflieger mehr abgestürzt...“ Drei Wochen später stürzte dann einer ab.
Für solche und andere, nicht alltägliche Fälle will Christian Pongratz gerüstet sein. „Vor die Lage kommen“ nennt sich das im Fachjargon. Was nicht bedeutet, dass Pongratz für jede „Lage“ ein dickes Konzept in der Tasche hat. Eher sowas wie einen Leitfaden, der den Beamten in Stresssituationen Orientierung gibt. Für die Osserwiese erarbeitet ein Kollege gerade so einen Leitfaden.
Die Kollegen übrigens, die Menschen überhaupt, sind dem Dienststellenleiter wichtig. Ohne Empathie geht es nicht, sagt er. In der PI bedeutet das, bei jedem Schichtwechsel mit den Kollegen zu reden, sich über Fälle auszutauschen, Interesse an der Sachbearbeitung zu zeigen. „Ab und an führe ich auch noch Vernehmungen durch oder übernehme eine Nachtschicht.“ Zwei davon erst wieder beim diesjährigen Pfingstfest. Da hat er so ein Beispiel des „schönen Miteinanders“ in Bad Kötzting erlebt. Weil es Probleme mit zu vielen „Wildbieslern“ Richtung Campingplatz gab, schlug Pongratz vor, einen Bauzaun zu errichten. „Das war um 22 Uhr. 20 Minuten später waren die Männer vom Bauhof da und haben das erledigt. So was hab’ ich noch nie erlebt...“
Belastende Einsätze
Für die Mitarbeiter in der PI, deren Angehörige und die Pensionisten hat der Dienststellenleiter wieder das interne Sommerfest etabliert. Da treffen sich dann auch Kollegen aus „Geisterschichten“, also jene, die sich nie bei der Arbeit sehen, weil sie in unterschiedlichen Schichten arbeiten. Die „menschliche Komponente“ sei ihm überaus wichtig, sagt Christian Pongratz – auch deshalb, weil „wir belastende Einsätze haben, bei denen es hilft, die anderen zu kennen und zu wissen, dass man sich auf sie verlassen kann“.
Zu diesen „belastenden Einsätzen“ gehören immer tödliche Unfälle – wie erst am vergangenen Wochenende, bei dem „zwei junge Kollegen unter 30“ vor Ort waren. „Da müssen wir nachher natürlich drüber reden.“ Die aufsehenerregendsten Fälle in seinem ersten Jahr? Der Messer-Angriff im Netto im Mai 2022 – „ein brutaler Einsatz für eine Kleinstadt – und dann die Vorstellung, dass ein Mann mit Messer zum Schulschluss den Schulberg hoch läuft...“ – und im Februar ein mutmaßlich getöteter Mann in einer Wohnung in Bad Kötzting.
Ein wenig zurückgeben
Es gibt aber auch die kuriosen Vorkommnisse. Pongratz erzählt von einem Mann, der wegen einer Melde-Auflage zweimal die Woche bei der PI vorstellig werden musste – einmal hatte er Marihuana, verpackt in neun Päckchen, im Rucksack....
Auch den guten Zusammenhalt in der „Blaulicht-Familie“ – dazu gehören neben der Polizei Feuerwehren, Rettungsdienst, und die Bergwacht – lobt Christian Pongratz. Gerade die Feuerwehren unterstützten die Polizei das ganze Jahr über. Da wollte Pongratz etwas zurückgeben und lud die FFW-Führungskräfte an einem Abend in seine Jagdhütte ein.
„Empathie“ ist ein Wort, das immer wieder im Gespräch mit Christian Pongratz fällt. Er sieht das in die Jahre gekommene „Die Polizei – dein Freund und Helfer“ als Auftrag, nennt die PI eine Servicedienstleister für die Bürger und sagt: „Jeder kann mich anrufen.“ Trotz dünner Personaldecke will er unbedingt wieder, dass Kollegen zu Fuß auf Streife gehen, „da kommt man doch viel besser ins Gespräch, als wenn die Polizisten im Auto sitzen“. Auch hat er auf die steigende Internet-Kriminalität reagiert, hat sie aus dem Schichtdienst herausgenommen und Kollegen damit betraut, die sich darauf spezialisiert haben.
Er selbst, der als Drogenexperte gilt, widmet sich verstärkt der Senioren-Prävention. „Jetzt gehe ich ja schon auf die 50 zu...“ Enkeltrick und Co. hat er in einen Vortrag verpackt und klärt in den Kommunen auf. „Diese Generation hat uns ein gutes Leben ermöglicht. Mir stinkt das einfach, diese Leute nun zum Opfer zu machen.“ Am Ende sollen Senioren wie alle Bürger wissen: „Die 110 darf ich nicht nur anrufen, wenn beim Nachbarn der Stall brennt, sondern auch, wenn ich ein schlechtes Bauchgefühl habe.“ Service-Dienstleister eben.
Beruflich und privat
Berufliche Stationen: 1992 Ausbildung im mittleren Dienst bei der Bereitschaftspolizei in Sulzbach-Rosenberg; Dienst bei der 1. Bereitschaftspolizeiabteilung in München; Einsatz bei der Grenzpolizei unter anderem in Garmisch-Partenkirchen und Furth im Wald; Aufstieg in den gehobenen Dienst; Dienst bei der Grenzpolizeiinspektion Furth im Wald und nach deren Auflösung bei der Polizeiinspektion Furth im Wald. Im Zuge eines Personalauswahlverfahrens Stationen bei der Polizeiinspektion Neutraubling, dem Polizeipräsidium Oberpfalz, der Kriminalpolizeiinspektion Regensburg sowie der Polizeiinspektion Cham; ab September 2018 Leiter der Polizeistation Waldmünchen; seit 1. Mai 2022 Leiter der Polizeiinspektion Bad Kötzting.
Privatleben: Christian Pongratz, Jahrgang 1974, ist gebürtiger Chamer und wohnt auch in Cham; er ist alleinerziehender Vater einer 16-jährigen Tochter. Einen Ausgleich zum Berufsleben findet Pongratz, wenn er in Altenschneeberg bei Waldmünchen auf die Jagd geht – besonders gerne auf Schwarzwild. Das Fleisch verwertet er selbst, „Spaghetti Bolognese gibt’s bei uns nur mit Wild-Hackfleisch“. Als Jäger liebt er die Ruhe und Natur um sich herum. Umgekehrt sind ihm auch Gesellschaft und Geselligkeit wichtig – Essen gehen, mit Leuten unterwegs sein und auch mal privat aufs Pfingstfest gehen.