Öko-Jugendliche, Flüchtlinge, Schnäppchenjäger: Second Hand bringt Menschen zusammen

Was darf ‘s sein – ein gehäkelter Bucheinband, ein handgearbeitetes Dirndl, eine 70er-Sportjacke oder doch ein fast neues Brautkleid? Die Vielfalt in Second Hand-Läden ist ebenso groß wie die Vielfalt der Kunden, die dort einkaufen. Nicht nur in hippen Großstädten, auch im Landkreis Kelheim etabliert sich der Trend.
In den Regalen stehen Weingläser, Spielsachen, Pfannen, Töpfe, Kunst und allerlei Dinge, bei denen man erst auf den zweiten Blick errät, was sie sein sollen. „Wie oft wir googlen müssen, was das eigentlich für Sachen sind“, sagt Verkäuferin Cordula Hild und hebt ein seltsam vernähtes Stück Stoff hoch.
„Ein gehäkelter Buch-Einband“, schlussfolgert sie. Hier, im Flohmarktladen der Tierhilfe in der Kelheimer Altstadt, stehen edle Rosenthal-Teeservice neben buntem Hundespielzeug. Alles aus zweiter Hand, alles günstig und nachhaltig, alles für einen guten Zweck. Nicht nur in hippen Großstädten liegen Second Hand-Läden im Trend, sondern auch im Landkreis Kelheim. Für viele Kunden steht die Nachhaltigkeit im Vordergrund, für viele der spottbillige Preis. Wieder andere suchen einzigartige Stücke, die es sonst nirgendwo gibt. Die beliebtesten Waren sind Kleidung.
Erstes Dirndl für Ukrainerin
„Habibi!“ ruft ein junger Mann und legt grinsend die Hand auf Christiane Thiels Schulter. „Ja ja“, antwortet die Verkäuferin und klopft ihm liebevoll auf den Rücken.
Es ist Freitagnachmittag und im Second Hand-Laden „Coole Klamotte“ in Abensberg ist einiges los. Während der junge Mann in Richtung gebrauchter Herrenmode geht, wendet sich Christiane Thiel einer Gruppe Ukrainerinnen zu. Eine davon, Marina, probiert gerade ihr allererstes Dirndl an. Thiel versucht, sie gestikulierend von einer anderen Bluse zu überzeugen. Doch Sprachbarrieren zwingen sie zum Aufgeben. „So ist das eben bei uns, die Kunden sind querbeet.“
Bei Thiel kaufen Nachhaltigkeits-bewusste Jugendliche ebenso ein wie Flüchtlinge, Bedürftige, Touristen, Schnäppchenjäger, Retro-Fans und so manche Stammkunden aus der Umgebung, erzählt sie: „Das Thema Second Hand ist in der Bevölkerung angekommen. Wir können dieser elenden Wegwerfmentalität wenigstens etwas entgegensetzen.“
Schrott wird aussortiert
Neben der „Coolen Klamotte“ gibt es auch noch die „Kleiderladl“ des Roten Kreuzes in Riedenburg und Langquaid, den WUM-Shop in Mainburg, „Kiddystyle“ in Offenstetten oder „CarLa“, den Laden der Caritas in Kelheim.
„Die Leute kennen uns, wir haben immer schöne Sachen“, sagt Andrea Springer, die mit Kollegin Helga Weißmüller mehrmals wöchentlich bei CarLa arbeitet. Gerade sind die zwei Frauen dabei, auszusortieren. Denn alle Kleidungsstücke, die hier zugunsten der Caritas verkauft werden, stammen von privaten Spendern.
Auch wenn die Absichten der Spender gut sind, ist es der Zustand der Kleidung oft nicht. Löchrige, dreckige, ausgewaschene Sachen kommen weg. Neue, kaum getragene oder hochwertig gefertigte Ware findet den Weg an die Kleiderständer im Verkaufsraum.
Keinen Schrott zu verkaufen - das ist für Second Hand-Läden das A und O. Lange genug hat es gedauert, dass sich die Bevölkerung vom Schmuddel-Image von Gebrauchtwaren verabschiedet hat. Daher ist der Auswahlprozess strikt.
Brautmode für die Hochzeit
Und wohl niemand ist so strikt wie Corina Marré. Sie betreibt in Sandharlanden mit „marré me“ einen edlen Laden für Brautmode, die höchstens einmal getragen wurde. Die Unternehmerin hat den Trend erkannt: Immer mehr Paare kaufen Hochzeitsmode aus zweiter Hand. „Die Kleider sind von neuen nicht zu unterscheiden, aber preiswerter und nachhaltig“, sagt Corina Marré. Ihr Laden zeigt: Die Vielfalt von Second Hand-Ware im Landkreis Kelheim ist groß.
Zurück im Flohmarkt-Laden in Kelheim: Gerade haben zwei Touristen ein paar stylische rote Glaskelche in ihre Fahrradtaschen gesteckt. Stammkundin Monika Büchl aus Kelheim wurde ebenso fündig. „Es ist so ein schönes Kuddelmuddel“, sagt Büchl. Für sie ist es ein Schnäppchen-Einkauf. Für Bedürftige und Flüchtlinge aus ärmeren Ländern kann dieses „Kuddelmuddel“ auch eine Möglichkeit sein, hochwertige Marken- und Designerware erschwinglich zu kaufen.
Die Adressen der Geschäfte
CarLa-Kleiderladen: Kelheim, Altmühlstraße 16
BRK-Kleiderladl: Langquaid, Rottenburger Straße 6
marré me: Sandharlanden, Bergstraße 21
WUM-Shop: Mainburg, Paul-Nappenbach-Straße 1
Flohmarktladen: Kelheim, Ludwigstraße 5
Kiddystyle: Offenstetten, Monsignore-Eberth-Straße 8
Coole Klamotte: Abensberg, Ulrichstraße 15
BRK-Kleiderladl: Riedenburg, An der Altmühl 10


