Missbrauch: Vorsitzende des Betroffenenbeirats beklagt mangelnde Aufklärung des Staates

Josefa Schalk ist Sprecherin des Betroffenenbeirats im Bistum Regensburg, der die Opfer sexuellen, körperlichen und geistlichen Missbrauchs vertritt. Im Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung spricht sie über spricht über mangelnde Aufklärung des Staates, fehlenden öffentlichen Druck und ein aufsehenerregendes Urteil.
Frau Schalk, Sie waren vergangene Woche als Sprecherin des Betroffenenbeirats im Bistum Regensburg – neben weiteren Sprechern von Betroffenenbeiräten – im Sozialministerium in München. Um was ging es da konkret?
Josefa Schalk: Ministerin Ulrike Scharf möchte ab 1. August eine Lotsenstelle für Missbrauch einrichten. Diese soll Betroffenen helfen, Ansprechpartner zu finden. Ich habe noch Zweifel. Eine reine Lotsenstelle, die nur per Telefon und Mail erreichbar ist, ohne persönlichen Kontakt, sehe ich eher skeptisch. Aber man muss dieser Stelle Zeit geben, sich zu entwickeln.
Sie und Ihre Kollegen waren auch bereits im Justizministerium. Macht der Staat genug im Hinblick auf die Aufklärung von Missbrauch?
Schalk: Schon seit einiger Zeit wird das Thema hin und her geschoben zwischen Sozial- und Justizministerium. Ich sehe diese Lotsenstelle tatsächlich in beiden Ministerien verortet. Da es nur um die Vermittlung an die jeweiligen Ansprechpartner in den Diözesen geht, ist mir die Sinnhaftigkeit dieser Stelle noch nicht ganz klar. Aber wir werden sehen.
Tut der Staat genug, um Missbrauch aufzuklären?
Schalk: Wir haben hier im Bistum durch zwei Ansprechpartner tatsächlich eine Unabhängigkeit. Diese Ansprechpartner sind räumlich getrennt vom Bistum. Da bin ich zufrieden, wie es läuft. Das trifft leider auf die staatliche Seite nicht zu. Bei uns melden sich viele Betroffene, die Missbrauch etwa in staatlichen Kinderheimen erfahren haben. Denen können wir nicht helfen. Der Staat muss sich auch um die staatliche Aufarbeitung von Missbrauch bemühen. Da ist bis heute nichts erfolgt. Ich bin kein Statistiker. Aber ich traue mich zu sagen, dass es in staatlichen Einrichtungen genauso viele Missbräuche gegeben hat wie in kirchlichen.
Glauben Sie, dass der fehlende öffentliche Druck daran schuld ist, dass der Staat nicht handelt?
Schalk: Ja, absolut. Bei der Kirche wurde ja auch jahrzehntelang alles unter den Teppich gekehrt, bis der Druck so groß war, dass das nicht mehr ging. Jetzt gibt es Anerkennungsleistungen für Opfer kirchlicher Missbräuche, das sehe ich beim Staat nicht.
Sie haben gerade die Anerkennungsleistungen angesprochen. Kürzlich sorgte ein Urteil für Aufsehen, das einem Opfer von Missbrauch im Erzbistum Köln 300 000 Euro Schmerzensgeld zusprach. Begrüßen Sie das?
Schalk: Der ganze Findungsprozess, für welche Tat man welche Anerkennungsleistung bekommt, muss überdacht werden. Das ist immer noch ein sehr intransparenter Vorgang. Natürlich ist es für Opfer schwer nachzuvollziehen, wenn zwei Menschen die gleiche Art von Missbrauch erlebt haben, aber unterschiedliche Anerkennungsleistungen erhalten. Hinzu kommt, dass Missbrauch auch sehr häufig das ganze Leben eines Opfers beeinträchtigt. Es darf nicht so sein, dass diejenigen, die laut über das Erlebte klagen, mehr bekommen als jene, die im Stillen mit dem Erlittenen umgehen. Vielen Opfern geht es auch um Versöhnung. Das ist auch bei der Kirche noch nicht angekommen. Aber die Frage bleibt: Wie will man jahrelangen Missbrauch in Geld beziffern?
Gibt es auch Klagen bei uns?
Schalk: Es gibt Überlegungen bei Betroffenen. Aber viele sehen keine Aussicht auf Erfolg. Eine Rolle spielt hier auch die Verjährung, die ich kritisiere. Missbrauch ist Mord an der Seele. Mord verjährt nicht. Ich fordere den Staat auf, die Verjährungsfristen auch im Hinblick auf das europäische Recht abzuändern. Die Verjährung schützt doch nur die Täter und bringt den Opfern keinen zusätzlichen Frieden.
Problematisch ist oft, dass bei Tätern Persönlichkeitsrechte genannt werden, etwa wenn sie namentlich nicht in Gutachten erwähnt werden können. Auch in Regensburg ist das so. Kritisieren Sie das?
Schalk: Ja. Opferschutz muss immer vor Täterschutz gehen.
Im Bistum gibt es, wie in den meisten Diözesen, einen Betroffenenbeirat und eine Unabhängige Aufklärungskommission. Jetzt will die Deutsche Bischofskonferenz noch einen übergeordneten Beirat gründen. Wie sehen Sie das?
Schalk: Ich sehe das kritisch. In diesem Beirat sollen dann maximal drei Betroffene für viele Menschen aus ganz Deutschland sprechen. Das wird dann wieder ein Expertenrat, der über und nicht wirklich mit den Betroffenen spricht. Ich finde das einfach nicht akzeptabel. Warum hat man uns nicht schon bereits in der Planung des Gremiums einbezogen? Wieso erfahren wir sowas aus der Zeitung? Da wirkte wieder die Hierarchie in der Kirche.
Wie wird der Streit über den Synodalen Weg bei den Betroffenen wahrgenommen?
Schalk: Manche haben mit der Kirche abgeschlossen. Andere fragen sich: Hat die Kirche immer noch nicht dazugelernt? Wieder andere verzweifeln an der Kirche und glauben, dass sich nie etwas in ihr ändern wird. Prävention gewinnt langsam Raum, aber die Aufarbeitung ist immer behaftet damit, dass etwas nicht klappt. Heute leben noch Klosterschwestern, die massiv misshandelt haben. Wir haben versucht, ein Gespräch zu führen. Es kommt immer das Gleiche: Die seien ja schon alt, sie erinnern sich nicht mehr. Gleichzeitig leiten sie heute noch Missionen. Das passt nicht zusammen. Wir laufen dann oft im Kreis: Staatliche Kinderheime, in denen Nonnen tätig waren, die nicht dem Bischof unterstehen – oft drehen wir uns bei solchen Konstellationen im Kreis.
Die Bischöfe von Regensburg, Passau, Eichstätt und der Erzbischof von Köln haben jetzt den Synodalen Weg ausgehebelt. Wo stehen da die Betroffenen?
Schalk: Die Polarisierung der Bischöfe ist schon das Problem. Wir, der Betroffenenbeirat Regensburg, wollen uns weder auf die eine, noch auf die andere Seite schlagen. Ein Beispiel: Ein pädophiler Priester wird sich auch nicht von Taten abhalten lassen, wenn er verheiratet ist. Meine ganz persönliche Meinung ist, dass Reformen durchaus wünschenswert wären. Dass ausgerechnet in den Diözesen, die so massiv gegen den Synodalen Weg sind, die Kirchenaustrittszahlen explodieren, die geben mir zu denken.
Aber Rekordaustritte gibt es auch in anderen Bistümern. Freuen Sie sich bei der Zahl von 500 000 Austritten?
Schalk: Freuen sicher nicht. Aber ich denke, es muss ein Umdenken geben. Ich bin mir sicher, dass sich viele Gläubige Reformen wünschen würden. Es gibt viele Betroffene, die sich Seelsorge wünschen würden. Es gibt Seelsorger für Jugendliche, für Senioren und so weiter – aber für Betroffene nicht. Wieso eigentlich nicht?
Wünschen Sie sich auch vom Regensburger Bischof ein Zeichen?
Schalk: Wir haben uns ja vor einem Jahr gegründet. Es gab seither ein Treffen mit dem Bischof, das war im November vergangenen Jahres. Ich würde mir schon wünschen, dass wir vom Betroffenenbeirat uns häufiger mit dem Bischof austauschen könnten. Die Unabhänigkeit des Betroffenenbeirats Regensburg wäre durch eine Einladung zum Gespräch mit Bischof Vorderholzer nicht in Gefahr, wir würden eine solche Einladung sehr begrüßen.
Interview: Christian Eckl