Die Further Annika Bosek hilft, wenn die Ernährung zur Sucht wird und krank macht

Von Alexander Frimberger · 7. Juli 2023 um 05:00

„Essen ist ein Phänomen, es durchzieht unser ganzes Leben, begleitet uns überall und immer.“ Das sagt Annika Bosek, die in ihrer Praxis in Furth im Wald in Zukunft Menschen beraten wird, deren Essgewohnheiten aus dem Ruder gelaufen sind.

Der Bedarf ist laut Bosek riesen groß: Essstörungen, wie Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating (wiederkehrende Essattacken) steigen demnach rasant. „Hinzu kommt, dass fast 50 Prozent der Bevölkerung adipös im krankmachenden Bereich sind.“ Die daraus resultierenden Erkrankungen sind zum Teil dramatisch. „Wenn sich das ganze Leben nur noch ums Essen und seine negativen Folgen dreht, löst das einen enormen Leidensdruck bei den Menschen aus.“

Neue Praxis in Furth im Wald

Annika Bosek weiß, wovon sie redet. Die 30-Jährige arbeitet seit acht Jahren in der Heiligenfeld Klinik in Waldmünchen, dort in der Abteilung für Essensstruktur. Sie hat eine dreijährige Ausbildung zur Diätassistentin gemacht. Bosek legt Wert auf die Feststellung, dass es sich dabei um einen medizinischen Ausbildungsberuf handelt. „Ernährungsberater darf sich jeder nennen, als Diätassistentin kann ich aber eine Praxis eröffnen, meine Leistungen können von der Krankenkasse rückvergütet werden.“ Weil ihre Heimatstadt auf ihrem Gebiet ein weißer Fleck auf der Landkarte ist, sie also einen großen Bedarf sieht, hat sie genau das getan: Im Gründerzentrum Furth zwei große, helle Räume bezogen und seit 1. Juli eine Praxis für ernährungstherapeutische Beratung eröffnet. Eine Hälfte ihrer Arbeitswoche ist sie weiterhin in der Waldmünchner Klinik beschäftigt, die restliche Zeit widmet sie Menschen, die mit ihren Essgewohnheiten nicht oder nicht mehr klar kommen. Das kann sich im Bereich der Prävention bewegen. Dazu gehören Sportler, die auf ausgewogene Ernährung achten wollen oder auch Menschen, die Beratung wünschen, weil sie Vegetarier werden wollen. Der zweite Bereich ist der problematischere: Menschen, die unter ihren Essstörungen leiden, Erkrankungen und Schmerzen haben. „Diese Menschen sind auf Hilfe angewiesen, weil sie allein aus dem Teufelskreis nicht mehr herauskommen.“

Betroffene können zwar auf direktem Weg zu ihr in die Praxis kommen, häufig geschieht das aber über die Verordnung des Hausarztes. „Der verschreibt die richtige Diättherapie und ich begleite die Patienten dann auf ihrem Ernährungsweg.“ Die Resonanz der niedergelassenen Ärzte, mit denen sie über ihre Tätigkeit gesprochen hat, ist durchweg positiv. „Gerade die jüngere Generation hat erkannt, wie wichtig das Thema ist.“ Derzeit macht Bosek eine zusätzliche Ausbildung zur tiefenpsychologischen Beraterin. Sinnvoll, denn häufig gehen Ess-Störungen auf seelische Verletzungen zurück und lösen so ein Suchtverhalten aus. „Eine Ess-Störung ist auch immer ein Hilfeschrei, dass man mit seinem Leben nicht mehr klar kommt.“ Problematisch ist auch das Ideal-Bild, das von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit und auf Sozialen Medien vermittelt wird. Noch sind es vor allem Frauen, die sich an sie wenden. „Gott sei Dank trauen sich aber auch immer mehr Männer, meine Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Doch wie sieht die Hilfe ganz konkret aus. „Um es vorweg zu nehmen, ich gebe kein Abnehmversprechen und kann auch keine Krankheiten heilen. Ich kann aber helfen den individuell richtigen Ernährungsweg zu finden.“ Individualität ist dabei ihr zentrales Thema. Sie lächelt milde, wenn sie mit pauschalen Weisheiten, wie: „Fünf Portionen Obst am Tag sind wichtig“, konfrontiert wird. „Sowas haben wir schon hundert Mal gehört, das bringt uns nicht weiter.“ Nimmt man verschiedene Menschen, die sich gesund ernähren und gesund sind, isst doch jeder anders.

Im Sommer lauwarm statt eiskalt trinken

In ihrer Zeit an der Klinik hat sie die Erfahrung gemacht, dass jeder Patient irgendwann lernt, was ihm gut tut. „Egal ob vegetarisch, vegan oder mit Fleisch, jeder muss seinen Weg finden, nicht alles ist für jeden gut. Der Körper gibt Signale, was er braucht, man muss auf ihn hören.“ Bei der Frage zum Abschluss, mit welcher Ernährung man am gesündesten durch den Hitzesommer kommt, lächelt sie wieder: „Eine pauschale Wahrheit gibt es auch da nicht. Essen Sie so oft es geht mit Herz und Verstand und nehmen Sie sich Zeit.“ Und dann macht sie doch noch eine Aussage, die für alle gilt: „Im Sommer trinken nicht vergessen. Lauwarmes, wie Pfefferminztee, kühlt den Körper besser, als eiskalte Getränke.“ Wenn aber jemand keinen Pfefferminztee mag? Jetzt lacht Annika Bosek: „Dann muss man den einzelnen Menschen betrachten.“

Diätassistent

Die Ausbildung zum Diätassistenten dauert insgesamt drei Jahre. Wie Humanmediziner auch, unterliegen Diätassistenten gesetzlichen Vorschriften, wie der Schweigepflicht und dem Verbot Produktwerbung zu machen.

Es gibt klare Vorgabe nach medizinischen Regeln. Um die Rechnung eines Diätassistenten bei der Krankenkasse einreichen zu können, muss ein Patient beim Hausarzt einen Anamnesebogen, die sogenannte Ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung über eine Diättherapie beziehungsweise Ernährungsberatung, ausfüllen lassen.

Obst und Gemüse gehören zu einer gesunden Ernährung dazu. Wie viel davon gut ist, ist individuell verschieden. Foto: dpa/Christian Klose