Lebenshilfe Neumarkt hilft Menschen mit Behinderung beim Auszug von Zuhause

Von Petra Schlierf · 6. Juli 2023 um 12:00

Nach Schule oder Ausbildung in die erste eigene Wohnung oder zum Studium in eine WG – für viele junge Menschen ist das ganz normal. Bei Menschen mit geistiger Behinderung ist der Weg zu mehr Selbstständigkeit beim Wohnen oft nicht selbstverständlich. Das möchte die Lebenshilfe ändern.

„Jeder Mensch hat es verdient, sein eigenes Leben zu führen, wenn er das will.“ Da sind sich Sanela Leto und Johannes Mahler einig. Die beiden sind bei der Lebenshilfe für den Bereich Wohnen zuständig und bemühen sich darum, mehr Menschen mit geistiger Behinderung diese Chance zu geben.

Dafür hat die Lebenshilfe verschiedene Angebote. Im Stadtgebiet verteilen sich Einrichtungen mit unterschiedlichen Wohnformen. Je nach Form und Grad der Behinderung kommt vielleicht das gemeinschaftliche Wohnen mit intensiverer Betreuung in Frage oder ein relativ eigenständiges Leben in einer eigenen Wohnung oder WG mit ambulanter Unterstützung durch die Lebenshilfe.

Möglichst früh bei Wohnberatung informieren

„Eine pauschale Aussage darüber, für wen welche Wohnform das Richtige ist, kann man vorher nicht treffen. Das muss man eben herausfinden“, betont Sanela Leto. Damit Einzugswilligen und ihren Angehörigen eine Odyssee durch sämtliche Einrichtungen der Lebenshilfe erspart bleibt, gibt es dort eine zentrale Beratungsstelle. Im Gespräch kristallisiert sich dann eine erste Richtung heraus, wie viel Unterstützung der potenzielle Neuzugang tatsächlich brauchen könnte. Das aber ist manchmal gar nicht so einfach, verrät Sanela Leto, denn: „Die Eltern sind es gewohnt, sich um ihre Kinder sehr intensiv zu kümmern. Und sie trauen ihnen dann vielleicht auch gar nicht so viel zu wie einem Kind ohne Behinderung. Dabei ist es gar nicht schlimm, wenn das Bett mal nicht so perfekt gemacht ist. Das gehört zum Selbstständigwerden dazu.“ Aber sie betont auch: „Diese Menschen haben oft erstaunliche soziale Kompetenzen, die ihnen viele oft nicht zutrauen.“

Meist klappt es daher recht gut in den Einrichtungen. Die Sorge um das eigene Kind wachse bei vielen Eltern jedoch umso mehr, wenn es nach dem Auszug trotzdem mal Probleme gibt. Seien es die Mitbewohner oder die Wohnform – auch Menschen mit geistiger Behinderung mögen nicht alles und jeden. Aber auch das ist ganz normal, erinnert Leto: „Wir ziehen auch mal in eine WG und stellen fest, dass das gar nichts für uns ist, oder haben blöde Nachbarn. Auch Menschen mit geistiger Behinderung wohnen nicht Jahrzehnte am selben Ort. Und ja, auch Scheitern ist erlaubt.“ Dann habe man eben einfach noch nicht die richtige Wohnform gefunden.

Von heute auf morgen geht es also nicht mit der Suche nach einem wirklich geeigneten Zuhause. Außerdem sind die Einrichtungen der Lebenshilfe alle voll belegt, sagt Johannes Mahler, es gebe überall Wartelisten. Auch deswegen sei es wichtig, sich frühzeitig mit einem Auszug zu beschäftigen. Viele Betroffene wollen das nämlich, denn sie hören ja in der Schule oder von ihren Arbeitskollegen, wie sie in den Einrichtungen leben – „und was sie dort dürfen“, erzählt Mahler. Dass auch Mithelfen und gewisse Regeln dazugehören, stellen sie spätestens beim Besuch oder beim Probewohnen fest.

Ins Heim abgeschoben?

Die Ängste der Angehörigen sind da häufig größer als die der Betroffenen selbst, stellt Mahler fest: „Wir haben immer wieder Notfälle, wo die Eltern, die den Menschen bisher betreut haben, ins Pflegeheim müssen oder verstorben sind, und man sich eben nicht rechtzeitig mit der künftigen Betreuung befasst hat. Oft wollen sich Eltern nicht eingestehen, dass sie es selbst nicht mehr schaffen könnten oder dass die Nachbarn genau das denken könnten.“ Dabei sei ein Auszug alles andere als ein Abschieben ins Heim, sondern für den Betroffenen eine Möglichkeit, sich außerhalb der Familie zu entfalten und unabhängig zu werden. Und da die meisten Lebenshilfe-Bewohner aus dem Landkreis stammen, ist die Wiedersehensfreude am Wochenende dafür umso größer.

Die Wohnangebote der Lebenshilfe

Stammtisch: Wer sich frühzeitig über die verschiedenen Wohnformen austauschen und dabei von Erfahrungen anderer Bewohner und deren Angehöriger profitieren will, kann unverbindlich an den monatlichen Stammtischen der Lebenshilfe teilnehmen. Jeden ersten Mittwoch im Monat, abwechselnd im Irish Pub und im Cafe Freiraum.

WG-Wohnungen gesucht: Beim Ambulant Unterstützten Wohnen leben Erwachsene mit geistiger Behinderung in eigenen Wohnungen oder in Wohngemeinschaften. Profis der Lebenshilfe stehen ihnen zur Seite, um den Alltag zu meistern. Dafür ist die Lebenshilfe auf Vermieter angewiesen, die bezahlbare Wohnungen vermieten, und freut sich stets über entsprechende Angebote.

Lukas-Anwesen Berngau: Als „absolutes Vorbild für andere Gemeinden“ bezeichnet Sanela Leto das Projekt, das gerade im ehemaligen Lukas-Anwesen in Berngau entsteht. In den sieben Wohneinheiten sollen elf Menschen mit und ohne Behinderung unter einem Dach zusammenleben. Interessenten können sich schon jetzt bei der Lebenshilfe melden.

Kontakt: Interessenten für alle Angebote können sich bei der Lebenshilfe, Bereich Wohnen, melden: Tel.: (0170) 4852255, wohnen@lebenshilfe-neumarkt.de. Weitere Infos unter lebenshilfe-neumarkt.de/wohnen.