Döbersing – wo der Beton fliegen lernt und Bauunternehmer Müller zwei Doktortitel hat

Im Schwerlastregal des Betonlabors von Bauunternehmer Michael Müller in Döbersing (Landkreis Cham) hat jede Baustelle ihren Gedenkstein. In Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 15 Zentimetern gegossen, stehen sie dort fein säuberlich aufgereiht. Jeder ist beschriftet, jeder hat ein lückenloses Prüfprotokoll. Da steht alles drin, was Bauherr und Unternehmen wissen müssen: Wie schwer, wie belastungsfähig ist der Beton? Bis hin zum Anteil der Luftporen ist festgehalten. Der Bauunternehmer mit den zweieinhalb Doktortiteln ist ein Tüftler. Und er hat Humor.
Im Büro, das er sein „Kammerl“ nennt, holt er eine Mappe aus dem Aktenschrank und grinst: „Weil des immer keiner glaubt…!“ Er zeigt tatsächlich zwei Urkunden, die ihn als Doktor der Wirtschaftswissenschaften und der Naturwissenschaften ausweisen. „Das mach’ ich nebenbei. Das ist so ein Steckenpferd von mir. Gerade arbeite ich an der dritten Doktorarbeit in Ingenieurswissenschaften an einer Londoner Universität!“ 280 Seiten muss die Abhandlung über Betonfertigteile haben.
Ein Beton wie Holz
Tage zuvor hat der Tüftler Müller gemeinsam mit dem Abbruchunternehmer Gerhard Althammer aus Großbergerdorf die ersten Bodenplatten und Zwischendecken aus Recycling-Beton im Landkreis verbaut. Schon hat er das nächste Zertifikat im Auge: Leichtbeton. Druckfest, wärmedämmend und gleichzeitig leicht. Sein Mischmeister Tobias Hofmann und dessen Stellvertreter Mathias Singer machen den Spaß mit und treten den Beweis an: Sie blasen die Betonkügelchen aus der hohlen Hand und lassen sie fast schwerelos in das Betriebsgelände fliegen.
„Das gibt es schon. Aber wir haben eine eigene zertifizierte Rezeptur, die wir demnächst erstmals in der Praxis verbauen. Ein Kubikmeter herkömmlichen Betons wiegt rund 2,3 Tonnen. Der Kubikmeter unseres Leichtbetons nur 350 Kilo. Das ist praktisch Holzbauweise mit allen Vorteilen des Betons. Er hat zum Beispiel Schallschutz und brennt nicht.“
Keine Sorge um den Nachwuchs
Müller ist begeistert von seiner Arbeit. Er, der in der Schule eigentlich immer an der Kante war, wie er es ausdrückt, hat später seine Berufung gefunden in einem der waschechten Familienbetriebe, auf die der Landkreis Cham so stolz ist. Vater Helmut leitet den Betrieb gemeinsam mit ihm. Um den Nachwuchs ist Michael Müller (35) nicht bange. Er hat selbst ein Söhnchen, Michael, mit knapp einem Jahr und Schwester Stefanie Hammer hat noch einen Jakob (4) und einen Maximilian (2). Schwester und Mutter arbeiten selbstverständlich auch im Unternehmen.
Einst hat der Vater den Betrieb mit einer Schaufel und einem Schubkarren gegründet, wie er immer zu sagen pflegt. Heute ist das Betriebsgelände rund drei Hektar groß, und das Bauunternehmen beschäftigt 110 Mitarbeiter. „Ohne den Vater ginge das alles nicht“, sagt Michael Müller. Nach einer oft schwierigen Schulzeit hat er mehr als nur Tritt gefasst.
Als Bauzeichner hat er angefangen und nebenbei die Berufsoberschule absolviert und sich die Hochschulreife gesichert. Später Bachelor mit 1,3, Masterarbeit mit 1,0 und Fortbildung zum Beton-Ingenieur. „Und dann ist es dahingegangen“, sagt Müller. Der dritte Doktortitel soll in zwei Jahren im Aktenschrank neben den beiden anderen liegen. So hat jeder sein Hobby, sagt er.
Betonlabor als Prüfstelle zertifiziert
Die Stärke des Familienunternehmens Müller? „Flexibilität“, kommt es spontan. Jetzt, wo der Hausbau nahezu zum Erliegen gekommen ist, findet man Müllers Fahrzeuge und Mitarbeiter auf den Baustellen der Hotels und in der Landwirtschaft. Er hat seinen Betrieb zertifiziert als Fachbetrieb nach dem Wasserhaushaltsgesetz. Für diese Bauten in der Landwirtschaft ist er auch Sachverständiger.
Sein Betonlabor ist als Prüfstelle zertifiziert. Dort stehen alle Messgeräte, die er braucht, um Beton zu prüfen oder selbst herzustellen. Das ist mitunter zeitraubend. „Wenn du fertig bist und es ist ein Anteil von mehr als einem Prozent Luftporen dabei – nochmal!“ Zudem bringe das eigene Labor eine ständige Qualitätssicherung. In einem der Geräte kann Müller Stahl auf Festigkeit prüfen. Auf Druck und Zug. „Ich weiß dann zum Beispiel, wie viel er sich biegt und ab wann“, erklärt er. Über der offiziellen Trockenmaschine für Beton steht eine haushaltsübliche Mikrowelle. „Wenn es mal wieder schneller gehen muss“, sagt er und grinst. Ein Stockwerk höher kann Müller 110 Kubikmeter Beton pro Stunde in der riesigen Mischanlage produzieren. Damit spielt der an sich kleine Bauunternehmer bei den Großen mit.
Spanferkel für den Professor
Er könnte heute noch jedes einzelne Fahrzeug in seinem Betrieb steuern… wenn er denn aus seinem „Kammerl“ rauskäme. Doch Müller steuert von dort das Unternehmen. Er kümmert sich um jeden Kunden, auch um den, der plötzlich im Büro steht und 40 Stangerl 8er Eisen haben möchte. Sein Kollege Gerhard Althammer hat ihm eine Wette angeboten: ein Spanferkel, wenn er irgendwann als Professor aufkreuzt. Prof. Dr. Dr. Dr. Müller. Wer möchte dagegen schon wetten?

