Hemau ohne Bundeswehr: Vor 20 Jahren fand der Auflösungsappell statt

Altbürgermeister Hans Pollinger hat die Szenen noch immer ganz genau vor Augen. Mit der Amtskette um den Hals schreitet er an der Seite von ernst dreinblickenden Offizieren eine Front aus 400 Soldaten in der General-von-Steuben-Kaserne ab – zum letzten Mal überhaupt.
Das Heeresmusikkorps 4 spielt den Klassiker „Time to say goodbye“ und viele Hemauer können ihre Tränen nicht zurückhalten. Es ist das traurige Ende einer Ära.
Auf den Tag genau 20 Jahre ist es her, dass mit dem Auflösungsappell und der Kommandoübergabe in der General-von-Steuben-Kaserne die 37-jährige Geschichte des Bundeswehrstandorts Hemau zu Ende ging. „Das war eine Mischung aus Wehmut, Dankbarkeit, Trauer und Unverständnis“, erinnert sich Pollinger heute. Denn die Auflösung der Kaserne traf Hemau aus heiterem Himmel. Zwar war schon im Jahr 2000 bekannt, dass es durch das Ende des Kalten Krieges und wegen neuer Schwerpunkte der Bundeswehr zu Standortschließungen kommen wird, „aber uns trifft es bestimmt nicht“, lautete die Devise.
Ganz Hemau machte mobil
Warum auch? Schließlich gab es in der Kaserne kurz vorher noch Umbauten und auch das dortige Artillerie-Raketen-System war erst erneuert worden. Zudem war die Lage ideal: Der Übungsplatz lag direkt neben der Kaserne und der Schießplatz war ganz in der Nähe. Auch die Kooperation zwischen Stadt und Soldaten galt als mustergültig. Als Zeichen der Verbundenheit hielt die Stadt im Jahr 2001 ihren Neujahrsempfang sogar demonstrativ in der Kaserne ab. Doch nur drei Tage später brach die Hiobsbotschaft über den Tangrintel herein: Der Standort soll geschlossen werden.
Pollinger befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade auf dem Weg nach Ulm. Dort sollte er – Ironie des Schicksals – mit der Korpsmedaille für das sehr gute Verhältnis zwischen Stadt und Bundeswehr ausgezeichnet werden. „Und dann habe ich das im Autoradio gehört. Über die Auszeichnung konnte ich mich freilich nicht mehr freuen“, erzählt das ehemalige Stadtoberhaupt. Zu groß war die Sorge vor dem, was die Zukunft bringen würde. Schließlich verlor Hemau nicht nur ein großes Stück Identität, auch wirtschaftlich war die Schließung eine Katastrophe. Mit gut 250 Zivilbeschäftigten war die Kaserne in Spitzenzeiten der größte Arbeitgeber auf dem Tangrintel. All das ging verloren, genauso wie vier Millionen Euro Kaufkraft pro Jahr.
Das wollte Hemau natürlich nicht kampflos hinnehmen. Was folgte, ist bis heute einzigartig. Es war der 8. Februar 2001: Über 4000 Menschen waren in Hemau auf den Beinen, um in einer Großdemonstration gegen die geplante Schließung der Kaserne zu protestieren. „Das war sehr emotional, wir haben viel Solidarität erfahren, weit über den Landkreis hinaus“, berichtet Pollinger, der den Protestzug anführte. Damit nicht genug: Die Stadt startete eine Unterschriftenaktion, bei der über 16000 Personen den Erhalt der Kaserne forderten.
Mit diesen Unterschriften im Gepäck reiste dann eine sechsköpfige Delegation nach Berlin, um sie an Walter Kolbow, den Staatssekretär im Verteidigungsministerium, zu übergeben. „Wir waren drei Tage unterwegs, um auf unsere Situation aufmerksam zu machen, aber leider erfolglos“, erzählt Pollinger. Den Hemauern blieb nur noch eins: sich beim Auflösungsappell würdig zu verabschieden.
Heute wieder nötig?
Heute findet Hans Pollinger, dass auch diese Medaille zwei Seiten hat. Natürlich habe sich der Verlust bemerkbar gemacht, „aber mit dem Kauf des Standortübungsplatzes konnten wir das Beste rausholen. Durch die Gewerbegebiete konnten wir den Verlust kompensieren.“
Pollinger war danach der Meinung, dass Hemau seine Kaserne dem Frieden geopfert habe. „Aber in der aktuellen Situation stimmt mich dieser Satz nun doch wieder nachdenklich.“ Das treibt auch Oberstleutnant a. D. Herbert Fick um. Er war früher ebenfalls in Hemau stationiert. „Das war eine super Zeit. Heute könnte man das Bataillon von damals wohl wieder brauchen. Das war in einem sehr guten Zustand“, findet er.
Auch für Bernhard Seiberl war die Auflösung ein Schock. Er war damals „Spieß“ in der ersten Batterie. „Das war wirklich schade. Die Soldaten waren sehr beliebt in Hemau und haben für Aufschwung gesorgt. Heute wäre man wohl wieder froh, wenn es den militärischen Schutz von damals noch gäbe.“
Das passierte danach
Viele Soldaten, die in Hemau bei der Bundeswehr gedient haben, wurden danach auf dem Tangrintel sesshaft und gründeten dort eine Familie. Einige von ihnen wurden in den Vereinen und in der Politik aktiv, unter anderem der ehemalige Bürgermeister Klaus Zäuner oder der frühere 2. Bürgermeister Gert Schmidt.
Nach dem Appell wurden in der Kaserne Personal und Material abgewickelt. Am 19. Dezember 2003 traten die 73 letzten Mitglieder des Bataillons zum letzten Mal vor der Stabs- und Versorgungskompanie an. Die offizielle Schließung erfolgte zum Jahresende. Bis zum 30. März 2004 erledigte eine kleine Gruppe Restarbeiten.
