Immer mehr Fahrradunfälle: ADFC lehnt Helmpflicht trotzdem ab

Von Marie Kristin Nebel · 27. Juni 2023 um 05:00

Fahrradfahren liegt voll im Trend. Damit die Unfallzahlen nicht so hoch wie 2022 ausfallen, muss sich allerdings einiges ändern. Eine Helmpflicht für Radfahrer lehnt der ADFC Bayern jedoch ab.

Radfahren wird immer beliebter. Laut Fahrrad-Monitor 2021 erlebt kein anderes Verkehrsmittel einen solchen Aufschwung wie das Fahrrad. In Zukunft wollen 41 Prozent der 14- bis 69-Jährigen öfter radeln. Aber: „Der Fahrrad-Boom ist leider auch ein Unfall-Boom“, sagt Miriam Melanie Köhler, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) Südbayern.

2022 verzeichnete die bayerische Polizei 19.646 Fahrradunfälle, darunter 4101 mit E-Bikes, und damit insgesamt so viele wie noch nie. Immerhin: In den ersten vier Monaten dieses Jahres gab es im Vergleich zum selben Zeitraum in 2022 in Niederbayern und Oberbayern weniger Unfälle, in der Oberpfalz sind die Zahlen allerdings vergleichbar hoch. In allen drei Regierungsbezirken starben zudem auch 2023 bereits Radfahrer im Straßenverkehr.

Schuld an den meisten Unfällen waren laut Polizei vor allem die Radfahrer selbst – durch eigene Fahrfehler, Vorfahrtsverstöße, Alkoholisierung und zu schnelles Fahren. E-Bike-Fahrer unterschätzten häufig die höhere Geschwindigkeit, sagt Köhler vom ADAC. Zudem seien die Räder aufgrund ihres Gewichts schwerer zu handhaben.

Radfahren: ADFC lehnt Helmpflicht ab

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Bayern sagt: Schuld sind auch mangelhafte Rahmenbedingungen wie zu hohe Bordsteinkanten, Schlaglöcher oder verschmutzte Straßen. Eine Helmpflicht für Radfahrer lehnt der ADFC Bayern jedoch ab. Eine solche Vorschrift halte leider viele Menschen vom Radfahren ab, sagt Pressesprecherin Laura Ganswindt. Auch schütze ein Helm nicht in jedem Fall.

„Wir empfehlen das Helmtragen dennoch“, sagt sie. Noch wichtiger und effektiver als Helme – das zeige ein Blick in die Niederlande – seien aber eine sichere Radinfrastruktur und verkehrsberuhigte Bereiche: „Worum es eigentlich geht, ist eine Neuaufteilung des Straßenraums, denn der Radverkehr steigt stetig und braucht entsprechend mehr Platz.“

Doch auch die Zahl der in Bayern zugelassenen Kraftfahrzeuge nimmt laut ADAC zu. Was für den ADFC zählt: Die Bedürfnisse von Radfahrern sollten stets mitgedacht werden. Dies müsse nicht immer direkt in Baumaßnahmen münden, sagt Ganswindt. Es gebe schnellere und kostengünstigere Mittel hin zu mehr Sicherheit – die Einrichtung von Fahrradstraßen etwa, die Umwidmung von Verkehrsflächen für mehr Platz zum Radeln und Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts.

Radentscheid gescheitert

Damit sich etwas verändert, hat der ADFC den Radentscheid Bayern mitinitiiert und mit dem Bündnis rund 100.000 Unterschriften gesammelt – vergebens. Das geplante Volksbegehren für ein neues Radgesetz ist gescheitert. Am 7. Juni lehnte der Bayerische Verfassungsgerichtshof den Entwurf ab. Parallel zum Gerichtsverfahren hat die Staatsregierung ein eigenes Radgesetz vorgelegt. Im Wesentlichen sollen bis 2030 insgesamt 1500 Kilometer neue Radwege gebaut werden, es soll günstigere Radmitnahme-Tickets im Nahverkehr geben und Kommunen sollen bei Radinfrastrukturprojekten unterstützt werden. Der ADFC kritisiert: Diese Maßnahmen verbessern die Situation der Radfahrenden nicht schnell genug. Daher will der Verein mitarbeiten, um aus den beiden Gesetzentwürfen „einen guten“ zu machen. Leider lehne die Staatsregierung bis dato jedoch eine Beteiligung des Bündnisses ab, sagt Ganswindt.

Technik ist oft unzuverlässig

Eine große Gefahr für Radfahrer könnte technisch entschärft werden. Es geht um den toten Winkel beim Abbiegen. Viele moderne Pkw sind laut ADAC bereits mit intelligenten Assistenzsystemen zur Gefahrenerkennung ausgestattet. Und neue Lkws über 3,5 Tonnen dürfen in der EU seit Juli 2022 nur noch mit elektronischen Abbiegeassistenten zugelassen werden, ab 2024 gilt die Pflicht sogar für alle neuzugelassenen Fahrzeuge.

Für diese Technik setze sich der ADFC bereits seit 2011 ein, sagt Ganswindt. Die Umsetzung laufe jedoch schleppend. Mehr als 90 Prozent der Bestands-Lkw seien noch ohne diese „lebensrettende und nicht allzu teure Zusatzausstattung“ unterwegs. Aus Sicht des ADFC sollten alte Lkw verpflichtend nachgerüstet werden.

Allerdings funktionieren nicht alle Systeme zuverlässig. Zuletzt seien vier von neun getesteten Systemen in ADAC-Tests als mangelhaft eingestuft worden, sagt Köhler. Diese könnten im Zweifel keine Leben retten. Darüber hinaus sind wohl noch viele Lkw aus dem Ausland auf bayerischen Straßen ohne Assistenzsysteme unterwegs, sagt Köhler. Besondere Vorsicht auf Kreuzungen ist also weiter geboten: „Gegenseitige Rücksichtnahme ist und bleibt die beste Unfallprävention.“