100-Tage-Bilanz: Der neue Rewag-Chef Robert Greb über Baustellen

Von Mittelbayerische Zeitung · 25. Juni 2023 um 05:00

Hinter der Rewag liegen turbulente Zeiten: Seit 100 Tagen ist Robert Greb nun neuer Vorstandsvorsitzender. Im Interview mit Christian Eckl erklärt er, warum es die Energiewende nicht zum Nulltarif geben wird, welche Prioritäten er jetzt setzt – und was er vom Bürgerbegehren hält.

100 Tage im Amt: Wie fühlt sich das an?

Robert Greb: Ich fühle mich sehr wohl. Ich habe das Unternehmen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch Vertreterinnen und Vertreter der Stadtgesellschaft kennenlernen dürfen. Die Aufnahme war wirklich sehr gut. Natürlich weiß ich aber auch um die hohen Erwartungen. Ich habe sehr bewusst noch einmal eine berufliche Herausforderung gesucht.

Würden Sie sagen, dass die Rewag gut über den Krisenwinter gekommen ist?

Greb: Ganz Deutschland ist viel besser als ursprünglich befürchtet durch den letzten Winter gekommen. Der Winter war warm und die Gasspeicher waren ausreichend gefüllt. Nicht zuletzt auch die Sparanstrengungen der Industrie haben dazu beigetragen, dass Abschaltpläne gar nicht erst aus der Schublade geholt werden mussten. Jetzt sind die Preise wieder deutlich zurückgegangen. Das stellt uns aber durchaus vor Probleme, die mit unserer langfristigen Beschaffungsstrategie, die ja eigentlich sehr geholfen hat, zusammenhängen: Im Krisenjahr konnten wir die Preise stabil halten, weil wir rechtzeitig günstig eingekauft haben. Die Herausforderung kommt dann 2024, weil wir die hohen Einkaufspreise aus 2022 umsetzen müssten, aber die Kunden eigentlich Preissenkungen erwarten. Zudem haben wir die Situation, dass die Billiganbieter, die ihre Kunden in der Krise im Stich gelassen haben, jetzt wieder da sind und Energie zu günstigen Preisen kaufen.

Die Soliden sind also die Dummen?

Greb: Das kann man so sagen. In der Krise wurden von den Energie-Discountern die Kunden abgestoßen. Als Grundversorger haben wir sie dann bei uns aufgenommen. Das ist ein Thema, das die gesamte Branche beschäftigt.

Jede Kilowattstunde Strom, die produziert wird, verursacht in Schweden 20 Gramm CO2, in Frankreich 42 – in Deutschland sind es 472. Sind wir auf dem Holzweg?

Greb: Wir sind aktuell eher auf dem Kohleweg. Die Bundesregierung hat entschieden, dass ihnen Kohle weniger problematisch erscheint als Atomkraft. Ob das stimmt, müssen wohl kommende Generationen entscheiden. Wichtig ist, dass wir jetzt mit den erneuerbaren Energien vorankommen. Das ist langwierig, weil die Beschleunigungsgesetze erst in Kraft treten und wirken müssen. Ich sehe noch sehr wenige Windräder auf den bayerischen Hügeln.

Haben Sie selbst eine Wärmepumpe zuhause?

Greb: Ich bin Mieter. Da wurde gerade saniert und dort gibt es eine Pellet-Heizung. Ich glaube, das Thema Wärmewende ist so komplex, dass es sicher nicht den Königsweg geben wird. Weder Pellets, noch Wärmepumpe oder Fernwärme sind für jede Lage und Umgebung geeignet, deshalb muss immer eine jeweils passende Lösung gefunden werden. Es geht auch um die Bezahlbarkeit.

Gerade in der Regensburger Altstadt wird es schwierig mit Wärmepumpen, oder?

Greb: Die Altstadt ist natürlich eine riesige Herausforderung. Dort herrschen sehr beengte Verhältnisse, Wärmepumpen in den Hinterhöfen sind durch die Lärmentwicklung schwierig, vom Denkmalschutz ganz zu schweigen. Deshalb ist es gut, dass das jetzt vorliegende Gesetz mehr Zeit zur Planung gibt. Nun müssen die Kommunen vor Ort planen. Ein Wärmenetz in der Altstadt wäre sicherlich naheliegend, aber auch das ist mit Problemen verbunden, da ja Rohre in den Gassen verlegt werden müssten. Das muss doch sehr gründlich untersucht werden.

Die Energiewende beschäftigt Sie. Wieso gibt es denn keine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Wöhrdbads?

Greb: Das ist eigentlich ein Thema des Stadtwerks, das ja das Wöhrdbad betreibt. Aber in diesem Jahr wird dort eine Anlage installiert. Auch die Rewag hat bereits auf einigen Liegenschaften Photovoltaikanlagen und wir planen auch einen weiteren Zubau. Auch auf unserem Verwaltungsgebäude wird schon bald noch eine kleine Anlage installiert. Rein rechnerisch sind wir am Standort Greflingerstraße aber bereits jetzt schon autark. Wir wollen bewusst Vorreiter sein.

Ist da noch mehr Potenzial?

Greb: Ja, natürlich. Bislang waren gerade die Mieter diejenigen, die lediglich als zahlende Mitgestalter gefragt waren. Das muss sich ändern, um die Akzeptanz zu erhalten. Dabei geht es auch um Vereinfachungen, beispielsweise bei Photovoltaikanlagen auf dem Balkon. Uns stellt das vor große Herausforderungen. Derzeit werden diese Mini-Anlagen noch behandelt wie große PV-Anlagen, deshalb gibt es bei uns einen Bearbeitungsstau. Wir brauchen eine Verschlankung der Regularien, wenn wir die Energiewende beschleunigen wollen.

Eine Bürgerinitiative will die Rewag dazu zwingen, zu 100 Prozent erneuerbare Energien zu erzeugen. Was halten Sie davon?

Greb: Wir beliefern unsere Kunden schon zu 100 Prozent mit Ökostrom. Das Bürgerbegehren will, dass wir den Strom auch selbst erneuerbar produzieren. Das ist natürlich eine lobenswerte Initiative, wir legen aber derzeit unseren Fokus eher auf die Ertüchtigung des Stromnetzes. Da gibt es viel nachzuholen. Das Netz ist die Grundlage für Elektromobilität, für Wärmepumpen, aber auch für den Transport der Energie aus den Erneuerbaren. Zudem wird die Wärmewende ein Riesenthema für die Rewag. Unsere Mittel werden beschränkt sein, wenn wir die Themen abarbeiten wollen. Prinzipiell finde ich aber gut, dass sich die Regensburger so mit dem Thema beschäftigen. Die Energiewende wird es nicht zum Nulltarif geben.

Die Stadtpolitik wäre also gut daran beraten, nicht auf die Rewag-Gewinne zu schielen?

Greb: Die Aufgabe des Stadtrats ist alles andere als einfach: Wo setze ich Prioritäten? Es wird darum gehen, wo das Geld hingelenkt wird. Traditionell werden die Gewinne der Rewag dazu verwendet, um den ÖPNV, die Bäder und die Arena zu finanzieren. Aber das funktioniert schon jetzt nicht mehr zu 100 Prozent. Die Herausforderungen an anderer Stelle sind aber auch sehr groß.

Wenn Sie eine Prioritätenliste aufstellen könnten: Was würden Sie oben anstellen?

Greb: Der Netzausbau ist die Grundlage für alles. Aber auch das Thema Wärmewende würde ich priorisieren. Zudem würde ich gerne das ein oder andere Projekt in Sachen erneuerbare Energien umsetzen, vielleicht in Zusammenarbeit mit der Industrie. Aber ich sage natürlich: Ich bin mittlerweile ja Regensburger und gehe auch gerne schwimmen und im Winter Eislaufen.

Wo hakt es in Sachen Digitalisierung bei der Rewag?

Greb: Einerseits sind wir durch regulatorische Vorgaben getrieben, beispielsweise beim Einbau moderner digitaler Messsysteme. Auch bei kaufmännischen Prozessen haben wir in Sachen Digitalisierung Nachholbedarf. Hinzu kommt, dass Regensburg eine sehr junge Stadt ist. Die jungen Leute erwarten, dass sie keine Briefe auf Papier mehr bekommen, sondern dass das reibungslos digital funktioniert. Wir arbeiten intensiv daran, in allen Aspekten der Digitalisierung voranzukommen.

Sie kamen zur Rewag, nachdem Ihr Vorgänger entlassen wurde. Wie ist die Stimmung in der Belegschaft heute?

Greb: Ich nehme die Belegschaft sehr aufgeschlossen, aber auch erwartungsvoll wahr, dass es jetzt wieder vorangeht. Ich würde das Thema Vorstandswechsel aber auch nicht zu hoch hängen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben über die Jahre schon einige Vorstände kommen und gehen sehen. Doch natürlich hängen wir uns jetzt voll rein: Die Rewag muss den guten Namen, den wir in Regensburg haben, auch halten.

Welche Erwartungen haben denn die Mitarbeiter an Sie?

Greb: Ich habe durchaus einen Entscheidungsstau wahrgenommen, als ich im April angefangen habe. Wir sind dabei, diesen aufzulösen.

Auch die Landkreis-Bürgermeister haben den Entscheidungsstau bedauert, denn die sitzen ja in keinem Entscheidungsgremium.

Greb: Das habe ich in den ersten Gesprächen, die wir jetzt mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern führen, auch so herausgehört. Wir sind bei einigen Projekten auf die gute Zusammenarbeit angewiesen. Viele Themen liefen aber auch schon vorher gut: Ich verweise gerne auf die Wasserstrategie, die auch viele Umland-Gemeinden mit einbezogen hat. Diese Versorgungssicherheit, die wir hier gemeinsam herstellen, ist für die Menschen enorm wichtig.

Apropos: Der Sommer droht trocken zu werden. Haben wir da was zu befürchten?

Greb: Versorgungssicherheit mit Trinkwasser ist grundsätzlich ein Riesenthema. Einen Engpass wird es bei uns aber nicht geben.

Interview: Christian Eckl