Schon 15.000 Fehlanrufe in Passau: Wie Smart-Geräte die Not-Zentrale belasten

Von Franz Danninger · 21. Juni 2023 um 18:30

Jüngste Generationen von Handys und Smartwatches setzen manchmal ohne Wissen des Besitzers einen Notruf ab, beispielsweise durch eine ungewöhnliche Bewegung oder einen plötzlichen Ruck. Die Integrierte Leitstelle in Passau meldet für 2023 schon 15.000 Fehlanrufe, vor allem während der Maidult.

Die 112 wird auch durch Drücken der Seitentaste gewählt. „Wir hatten heuer schon 15.000 Fehlanrufe“, machte Sebastian Fehrenbach die Dimension für die Integrierte Leitstelle Passau deutlich, die er leitet. Diese ist zuständig für die Landkreise Passau, Rottal-Inn und Freyung-Grafenau. Besonders häufig seien sie während der Maidult reingerauscht, „wenn die Leute also in einem Fahrgeschäft mitfuhren.“

Update soll helfen

Die Folgen sind ernst, denn es ist nicht damit getan, dass halt mal die 112er Leitung belegt wird, sondern die Mitarbeiter der ILS werden so überlastet. „Wir müssen ja jedem Notruf nachgehen. Der Anruf muss geortet und überprüft werden und das kann zeitaufwändig sein“, führte Fehrenbach Kommunalpolitikern vor Augen, die sich am Mittwoch im Redoutensaal versammelt hatten. Sie bilden zusammen mit Vertretern von Feuerwehren und anderen Rettungsorganisationen die Verbandsversammlung des ZRF, des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung, der die ILS an der Neuburger Straße betreibt.

Notrufzentralen in ganz Deutschland melden gleiche Probleme. Laut Experten ist der Grund dafür ein Fehler in der aktuellen Version des Android-Betriebssystems (Version 13). „Dadurch kommt es etwa bei Erschütterungen oder teilweise auch beim Ausschalten des Handys dazu, dass die Notruf-Automatik, die sogenannte Emergency SOS, ausgelöst wird.“ Dringend empfohlen wird, ein Update durchzuführen, dann sollte der Fehler behoben sein.

Häufig ungewollte „Hosentaschen-Anrufe“

Kein Fehler dagegen ist die Notruf-Funktion per Seitentaste. „Das kann besonders praktisch sein, wenn man mit einem fremden Handy einen Notruf absetzen muss und nicht weiß, wie dieses entsperrt wird“, heißt es im Werbetext eines Herstellers. „Das ist gut gemeint“, gesteht Jürgen Dupper als ZRF-Vorsitzender zu. Doch häuft diese Erleichterung Fehlanrufe durch ungewollte „Hosentaschen-Anrufe“ an.

Was tun? Fehrenbach setzt auf vier Punkte: technische Lösungen (Update) durch die Hersteller, Öffentlichkeitsarbeit (Sensibilisierung zur richtigen Nutzung von Notruf-Nummern), Effizienz-Steigerung (Notruf-Annahme in der ILS wird bis 2030 auf 22 Arbeitsplätze erhöht) und Bekämpfung von Notruf-Missbrauch (konsequente Strafverfolgung).

Immer mehr Fehlanrufe

Der letzte Punkt ist ein wachsendes Ärgernis: Für 2022 vermeldet die ILS 17.806 Fehlanrufe und missbräuchliche Notrufe, über 2000 mehr als im Jahr davor. Insgesamt waren im vorigen Jahr 105.104 Notrufe über die 112 eingegangen, ein Plus von rund 14.000 gegenüber dem Jahr 2021. Die Notrufe sind zwar die vordringliche, aber nicht einzige Aufgabe der ILS, wie die Jahres-Statistik zeigt, die Fehrenbach und ZRF-Geschäftsführer Dieter Schlegl vor der Verbandsversammlung deutlich machten. Insgesamt wurden fast 300.000 Kontakte abgewickelt, ein Drittel davon intern zu Feuerwehren, Rettungsdiensten oder Krankenhäusern.

Denen werden Notfall-Patienten zugeteilt, die in aller Regel davor ein Notarzt erstbehandelt hat. „Gibt es überhaupt genügend Notärzte?“, lautete eine Frage aus der Verbandsversammlung. „Wir haben eine erfreuliche Abdeckung von 90 Prozent der Notdienste“, antwortete Dr. Walter Stadlmeyer, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst beim ZRF. „Damit sind wir auf einer Insel der Glückseligen.“

Erfreulich auch die Finanzen: Der ZRF baut weiter Schulden ab, von mehr als einer Million Euro 2021 sank der Stand auf 715.700 Euro Ende 2022.

Im Redoutensaal tagte gestern die Verbandsversammlung des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung. Das Herzstück des ZRF bildet die Integrierte Leitstelle (ILS) in Passau. −Foto: Danninger