Regensburg: Die langjährige Wohnung tauschen? Kommt für Senioren nicht infrage

Von Marion Koller · 22. Juni 2023 um 05:00

Ältere Regensburger hängen sehr an ihren vier Wänden. Die Stadt hat deshalb ihr Wohnungstausch-Förderprogramm jetzt gestoppt. Zu wenige waren bereit, zugunsten einer Familie in ein kleineres Zuhause zu wechseln.

Günter Pettendorfer wohnt auf 56 Quadratmetern im Stadtsüden. Vor ein paar Jahren ist der Senior mit seiner Frau umgezogen: von einer großen Wohnung im zweiten Stock im Stadtosten in das neue Apartment mit Terrasse bei der Wohnbau St. Wolfgang. Heute sagt der 82-Jährige: „Ich kann alten Menschen zu einer kleineren Wohnung raten. Man wird ja nicht jünger.“ Wichtig für Senioren sei ein Aufzug. Die Pettendorfers entschieden sich 2019 für den Umzug, weil die Ehefrau schwer pflegebedürftig war und es im früheren Haus keinen Aufzug gab.

Vier Jahre lang hat die Stadt Regensburg mit einem Wohnungstausch-Programm und finanzieller Förderung versucht, alte Menschen für einen Wechsel in kleinere Räume zu gewinnen.

Es geht um ein Heimatgefühl

Inzwischen hat sie das Angebot gestoppt, denn nur sechs ältere Bürger waren bereit, zugunsten einer jungen Familie von einer großen Wohnung in eine kleine zu ziehen. Rund 16 000 Euro ließen sich die Stadt und der Freistaat das Programm kosten. Mit der Summe wurden Umzüge und Renovierungen bezuschusst. Nicht einmal die Förderung hat geholfen, mehr Senioren zu überzeugen.In einem Fall wirkte sich der Umzug sogar negativ aus: Ein Eigentümer nutzte den Wechsel, um die günstige Miete stark zu erhöhen. Deshalb beschloss der Stadtrat Ende März, das Programm sofort abzublasen und auch die halbe Stelle, die dafür am Amt für Stadtentwicklung eingerichtet worden war, zu streichen.

„Es ist schwierig, die gewohnte Umgebung zu verlassen“, sagt Ingeborg Hubert vom Seniorenbeirat. Das bestätigt Günter Pettendorfer. Das Ehepaar lebte 56 Jahre in der angestammten Wohnung und zog dort drei Kinder auf. Günter Pettendorfer und seine Frau waren viel Platz gewöhnt. In die neue Wohnung nahmen sie nur eine Couch, die Waschmaschine und den Trockner mit. Alles andere kauften sie neu. Die alten Möbel hätten nicht hineingepasst. Die Pettendorfers haben aber nicht getauscht.

Dem früheren Vorsitzenden des Seniorenbeirats, Josef Mös, ist es mehrmals gelungen, ältere Menschen von einem Tausch zu überzeugen. Zum Beispiel, wenn sie im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses ohne Aufzug wohnten und die Treppe nicht mehr bewältigen konnten. Er hat jedoch erlebt, dass junge Familien eingezogen sind und der eingeschworenen, zusammen gealterten Hausgemeinschaft zu laut waren. Sein Fazit: „Ideal ist das nicht.“

„Haben sofort abgeblockt“

Rupert Karl hat im Rahmen des Programms immer wieder versucht, Senioren zu überzeugen. „Die haben sofort abgeblockt.“ Sein Eindruck: Viele Ältere bleiben lieber in der großen Vier-Zimmer-Wohnung, auch wenn sie diese kaum mehr reinigen können. „Da geht es um ein Heimatgefühl“, erlebt der Vorsitzende des Seniorenbeirats und Stadtteilkümmerer. „Die sagen, da habe ich mit meinen Kindern gelebt und jetzt soll ich raus.“Auch sei die große, einfache Altbauwohnung oft günstiger als zwei Zimmer in einem Neubaugebiet.

Rupert Karls Schwiegermutter war lange nicht einmal bereit, vom vierten Stock ins Erdgeschoss zu wechseln, als ihr Mann pflegebedürftig wurde. Als sie sich endlich dazu entschlossen hatte, habe sie gesagt: „Ach wäre ich doch im vierten Stock. Da war es heller.“

Stadtsprecherin Verena Bengler nennt eine ganze Reihe von Gründen, warum ältere Regensburger ungern umziehen: hohe Umzugs- und Möblierungskosten, eine nur geringe Mietersparnis und die Furcht, das gewohnte soziale Umfeld zu verlassen. „Auch wenn häufig die alte Wohnung nicht barrierefrei ist, führte der finanzielle Anreiz nur in wenigen Fällen zum Erfolg“, bilanziert Bengler.

Es bleibt in Regensburg also dabei: Haushalte von über 65-Jährigen verfügen pro Kopf über den meisten Wohnraum. Das meldete das Statistische Bundesamt (Destatis) Mitte Juni für ganz Deutschland. 27 Prozent der Alleinlebenden in dieser Altersgruppe wohnten 2022 auf je mindestens 100 Quadratmetern. Im Durchschnitt waren es mehr als 68 Quadratmeter.

Haushalte von 25- bis 44-Jährigen hatten mit fast 48 Quadratmetern am wenigsten Wohnfläche pro Person zur Verfügung, bei den unter 25-Jährigen waren es im Schnitt etwas mehr als 45 Quadratmeter.

„Neben der Größe des Haushalts wirken sich auch das Einzugsjahr und die Frage, ob es sich um Eigentum handelt, auf den zur Verfügung stehenden Wohnraum aus“, sagt Daniel Zimmermann, Experte für Wohnen bei Destatis. „Ältere Menschen leben in sechs von zehn Fällen bereits länger als 20 Jahre in ihrer Wohnung und häufig allein – unter anderem deshalb steht dieser Gruppe pro Kopf durchschnittlich die größte Fläche zur Verfügung.“

Das Alleinsein schmerzt

Rupert Karl räumt ein: „Ich glaube, ich würde auch nicht tauschen.“ Günter Pettendorfer dagegen würde wieder in eine kleinere Wohnung wechseln. Dass seine Frau inzwischen verstorben ist, schmerzt ihn sehr. An das Alleinleben kann sich der 82-Jährige nicht gewöhnen. Weil die drei Kinder in der Nähe leben und sich kümmern, ist er aber zufrieden.

Rät alten Menschen zu einer kleineren Wohnung: Günter Pettendorfer (82) Foto: Lex