Die Entfaltungsmöglichkeiten toter Schmetterlinge

Von Peter Geiger · 18. Juni 2023 um 22:06

Johanna Strobel liebt nicht nur große philosophische Themen wie „Zeit“ und „Raum“. Was sie besonders anzieht, das sind damit verbundene Paradoxien. Als die gebürtige Regensburgerin, die nach erfolgreich abgeschlossenen Studiengängen im US-Bundesstaat Utah am Lake Bonneville zu Gast war, da hatte sie ein kleines, sie trotzdem in den Grundfesten erschütterndes Erlebnis. Und das wiederum lieferte ihr den entscheidenden Impuls, für eine neue konzeptuelle Arbeit.

Auf der Salzoberfläche des ausgetrockneten Sees, da entdeckte sie einen toten Schmetterling. Sie fotografierte dessen gelbe, leblose Hülle sogleich, weil sie spürte, dass sich dieser Zufall als Inspirationsquelle für ihre Arbeit nutzen lässt. In der Kunstgeschichte, da steht das Insekt ja aufgrund seiner Wandlungsfähigkeit – es wechselt sein Erscheinungsbild von der hässlichen Raupe zum wunderschön gemusterten Schmetterling – symbolisch für Vorstellungen wie „Unsterblichkeit“, „Auferstehung“ oder „Wiedergeburt“. Hinzu kam der Aspekt des Salzes, also jener gleichermaßen fürs Konservieren wie potenzielle Tödlichkeit stehenden Substanz: Der dahingegangenen Existenz dieses Mini-Lebewesens möchte sie ein Weiterleben ermöglichen, mit ihrer Kunst. Und so entstanden Arbeiten, die nunmehr zu dem Zyklus „Falter“ zusammengefasst in der Galerie Lesmeister bis 29.Juli zu sehen sein werden.

Im Erdgeschoss dominieren Ölarbeiten auf Aluminium – die allesamt leisen Witz entfalten. Da sind etwa die drei Variationen des titelgebenden Falters, die ihrerseits auf einem zu einem Flieger gefalzten Blatt Papier abgebildet sind. Das ist nicht nur eine außergewöhnliche handwerkliche Herausforderung, der sich Johanna Strobel da höchst erfolgreich stellt, das ist auch gleichermaßen geistreich wie komisch: Weil das Abbild nunmehr in Sektoren unterteilt wird, und damit unterschiedliche Schattierungen und harte Kanten zutage treten, neue Linien und Geometrien und somit die Künstlichkeit ebenso betont wird wie die Kunst selbst.

Diese Selbstreferenzialität – also die Bezogenheit auf das Dargestellte und die Thematik selbst – sie setzt sich fort, in anderen Arbeiten, die vom Geist der Pop-Art beseelt zu sein scheinen, wenn Johanna Strobel etwa den toten Schmetterling mit dem aus Spielerkreisen bekannten Motto „Rien ne va plus“ kombiniert. Dass sie die Buchstaben dieses finalisierenden Croupier-Spruch „Nichts geht mehr“ wiederum entstehen lässt, aus einer gemalten blauen Endlos-Kordel, ist dabei ebenso bedeutungsschwanger paradox wie die Tatsache, dass der Salzsee zwar in Utah beheimatet ist, dort also, wo strenge Mormonensitten das Leben der Menschen beherrschen – im angrenzenden Nevada aber Casinos erlaubt sind. Und sich damit jenes in den USA Verfassungsrang genießende „Streben nach Glück“ der breiten Massen erweist, als sprudelnde Geldquelle für einarmige Banditen und ähnliches.

Nicht minder witzig sind Details wie Nägel, die einerseits gemalte Blätter festhalten (und dementsprechend ihrerseits nur Fassade sind) – die aber auch als „echte“, anzufassende Metallstifte Fixierungsfunktion für die auf Aluminium gebannten Blätter übernehmen. Oder die dargestellten geöffneten Türen, die den Durchflug von Faltern und Papierfliegern ermöglichen. Und so diesen abgebildeten Artefakten das gestatten, was in der DNA – ihrem Erbgut also – von Faltern als Lebensprogramm festgeschrieben ist. Auch wenn sie nur leblose Abbilder sind.

Oben, im ersten Stock, sind Fotoarbeiten zu sehen, vom Lake Bonneville. Und als Reminiszenz an den toten Schmetterling hat Johanna Strobel die auf edles Hahnemühle-Papier gebannten Bilder so beschnitten, dass jeweils ein Flügel ausgeklappt erscheint – und sich so diese Arbeiten entfalten und zu einer Hommage mutieren, an tote Schmetterlinge. Obendrein gibt’s noch ein Video zu sehen – für Johanna Strobel eigentlich der Kern ihrer Arbeit (mit einer solchen gastiert sie gerade auch im Neuen Museum in Nürnberg). Denn aktuell unterrichtet die gebürtige Regensburgerin in New York am Hunter College eine Klasse im Umgang mit „Video“.

In der Hektik der Vernissage aber sind’s vor allem ihre fixierten Bilder, die die zahlreichen Besucher beeindrucken, mit ihrem Esprit und philosophischen Witz.