Berühmter Franzose saß 1833 in Waldmünchen fest

Von Petra Schoplocher · 18. Juni 2023 um 11:00

190 Jahre hat es gedauert und eines Vermächtnisses bedurft von einer Frau, die nicht locker ließ. Zudem brauchte es einen Autor, der es schafft, aus dem dreitägigen Zwangs-Aufenthalt eines sehr berühmten Franzosen in Waldmünchen im Jahr 1833 ein ganzes Theaterstück zu gießen. Dessen Titel: „Monsieurs Chateaubriands letzte Reise“, Welturaufführung am 24. Juni.

Während jener François-René de Chateaubriand (1768-1848), Staatsmann und einer der bedeutsamsten französischen Literaten, in Deutschland ein Mauerblümchendasein fristet, genießt er in Frankreich auch heute noch den Stellenwert eines Goethe. Geboren wurde er 1768 in Combourg in der Bretagne als jüngstes von zehn Kindern. Zunächst sympathisierte er mit der Französischen Revolution, später war er Diplomat unter Napoleon. Wohl aber blieb der konservative Adelige im Innersten Anhänger der Bourbonen.

Mit Humor und Hintersinn

Auch in Waldmünchen landete er, während er in diplomatischer Mission unterwegs war: 1833 wurde Chateaubriand dort wegen eines fehlenden Stempels an der Grenze aufgehalten und musste warten, bis der Pass in Ordnung war. Den Aufenthalt in der Grenzstadt hielt der Schriftsteller in seinen Memoiren fest – Waldmünchens Weg in die Weltliteratur.

Autor Bernhard Setzwein ist es nun gelungen, scheinbar Unverknüpfbares zu verbinden: Geschichte(n) aufzubereiten und zugleich ein Anti-Kriegs-Stück zu schreiben, das nicht düster daherkommt, sondern wegen seiner hintersinnig-humorvollen Passagen unterhaltsam ist.

Schauplatz des Stücks ist die „Welt“ zwischen Dies- und Jenseits, die bewusst reduziert und komprimiert ist. In ihr trifft François-René de Chateaubriand auf seinen Gegenspieler Napoleon, sowie auf zwei für ihn bedeutende Frauen: Parisienne und Atala – letztere ist die Titelfigur einer Chateaubriandschen’ Erzählung, die zum Kultbuch wurde.

Professionelle Schauspieler verkörpern diese vier Charaktere, hinzu kommen 13 Laien aus den Reihen der Trenckfestspiele – eine herausfordernde Kombination.

Setzwein, Verfasser zahlreicher Bücher und Theaterstücke, setzt voll und ganz auf den Gegensatz zwischen Napoleon (Uwe Kosubek) und Chateaubriand (Uli Scherr), dem Mann des Krieges und dem Mann des Wortes, zwischen Macht- und Geistesmensch. Beide blicken zurück – am Ufer der Lethe, einem Fluss der griechischen Unterwelt, was Bernhard Setzwein ermöglicht, Geschehenes zu erzählen: Von Napoleons unsäglichem Russlandfeldzug und von Chateaubriands Reise nach Amerika – als einer der ersten europäischen Schriftsteller überhaupt. Und natürlich von den drei Tagen in Waldmünchen. Yvonne Brosch führt Regie und spielt zugleich die Parisienne. Zusammen mit Atala (Katharina von Harsdorf) kommentiert sie wortgewandt und spöttelnd das Duell der beiden Herren von Welt.

Der frühere Landrat und Bürgermeister Heinrich Eiber hatte sich zeitlebens für seine Heimatstadt ein zweites Theaterstück neben den Trenckfestspielen gewünscht. Kurz vor seinem Tod 2005 vertraute er dieses Herzensprojekt der frankophilen Martina Mathes an. Immer wieder brachte die Waldmünchner Ehrenbürgerin und Vorsitzende des Komitees Combourg (Chateaubriands Geburtsort in der Bretagne und Partnerstadt Waldmünchens) dies vor, nun wurde ihre Ausdauer belohnt – noch dazu auf grandiose Weise.

Er sah die Köpfe rollen

Seit Setzwein 2018 selbst den „Genius loci“ des Schlosses in Combourg erspürt hat, ist er von Chateaubriands facettenreicher Persönlichkeit fasziniert. Der Bretone hatte den Sturm auf die Bastille hautnah erlebt, wurde Zeuge, als in der Französischen Revolution Köpfe rollten – inklusive dem seines Bruders. Chateaubriand reiste viel und bekleidete eine Vielzahl von Ämtern bis zum Außenminister. Sein Grab am Atlantik trägt auf seinen Wunsch hin keine Inschrift, was bemerkenswert ist – verwendete er doch sonst eine sehr bildreiche Sprache. Seine Memoiren tragen den Titel „Erinnerungen von jenseits des Grabes“. „Ein wechselvolles, spannendes Leben“, sagt Setzwein über den Politiker und Diplomaten, der so zu seinen Überzeugungen gestanden habe, dass er sämtliche politische Ämter niederlegte und aus der daraus resultierenden Geldnot sein wunderschönes Landhaus verkaufte – um in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Paris zu landen. „Wahnsinnig beeindruckend“, sagt Setzwein. Zwei Worte, die am 24. Juni sicher viele Menschen sagen werden.

Das Stück:

Aufführungstermine: „Monsieur Chateaubriands letzte Reise“ ist zu sehen am Samstag, 24. Juni, Freitag, 14. Juli, Freitag, 21. Juli und Dienstag, 8. August auf der Festspieltribüne Waldmünchen, Trenckstraße 1. Beginn: jeweils um 21 Uhr, eine Pause.

Karten: Erhältlich im Tourismusbüro Waldmünchen, Tel. (09972) 30725 sowie über okticket.de zu 25 Euro (diverse Ermäßigungen)

Autor: Bernhard Setzwein ist Autor von Lyrikbänden, Essays, Reisefeuilletons Romanen, Theaterstücken und Radio-Features. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Seine Werke wurden ins Tschechische, Rumänische und Französische übersetzt.

Infos: Online auf theater-waldmünchen.de. Dort ist auch ein Video zu sehen.

Zaungast bei den Proben: Autor Bernhard Setzwein, der in Waldmünchen lebt.