Aufwertung im Obermünsterviertel: Eine Steinerne Brücke für die Simadergasse

Ein riesiges Krokodil lauert im Freibad – direkt hinter den Fahrradständern. Kopf, Körper und Schwanz bilden eine dynamisch geschwungene Kurvenbahn. Bei Beinen, Augen und Nase dominieren Rottöne, der Rest des Körpers ist mit Mustern in Blau und Grün marmoriert. Zu sehen war das übergroße Reptil an der Außenfassade des Freibades in Bad Vilbel. Das Wandkunstwerk stammt von Jurena Munõz Lagunas alias Ju Mu oder auch Ju Mu Monster. Ab Montag wird sie nun die Simadergasse in Regensburg neu gestalten – mit einem großen Wandkunstwerk, das sich vom Boden bis knapp über die Oberkante der Ergeschossfenster entlang mehrerer Gebäudefassaden ziehen wird, inklusive der des ehemaligen Kult-Kinos Gloria. Damit das ganze nicht dem Denkmalschutz widerspricht, wird vor dem Gloria dafür eigens eine 2,70 Meter hohe Bretterwand aufgestellt, die dann bemalt wird. Doch Krokodile werden dort wohl nicht zu sehen sein.
Die Bilder sind „bunt und laut“: So wird Lagunas selbst auf der Website der Galerie zitiert, die sie in Österreich vertritt. Lagunas wurde 1990 in Hannover geboren. Ihre Wurzeln sind peruanisch-chilenisch. Sie studierte Modedesign an der Universitat de les Illes Balears in Palma und lebt als freiberufliche Künstlerin in Berlin.
Simadergasse: Bretterwand wird vor Gloria-Kino aufgebaut
Themen und Darstellungen entspringen Lagunas eigener Fantasie. Sie sind oft genährt aus Mythen, Legenden und Geschichten der Anden- und Amazonas-Regionen. Der Schamanenkult und die Verbindung zwischen Mensch, geistiger Welt und Natur sind wiederkehrende Elemente ihrer Arbeiten und dienen als Inspiration für ihre Werke. Laut Informationen ihrer Galerie malt Ju Mu Bilder auf Leinwand, mit Acryl, Sprühfarbe und Ölstiften. Sie kreiert Stoffe und Kostüme, gestaltet Wände und Bühnenbilder, schafft Skulpturen und Möbel.
In die Gestaltung der Simadergasse werde die Künstlerin allerdings auch viel direkten Regensburg-Bezug einfließen lassen, sagt Reiner Meyer, Leiter der Städtischen Galerie im Leeren Beutel, der die Umsetzung mit geplant hat. Zu sehen sein werden mehrere verschiedene Paare, die sich jeweils gegenübersitzen und unterschiedliche Teile der Bevölkerung repräsentieren sollen. Lagunas will damit die plurale Gesellschaft in Regensburg zeigen. Die Paare sitzen unter Bögen, die die Steinerne Brücke darstellen sollen. In den Bögen werde auf jeden Fall auch viel Vegetation als florale Elemente auftauchen. Lagunas habe sich bereits nach Regensburg-spezifischen Pflanzen erkundigt. „Die Farbigkeit ist eher ein bisschen gedeckt – nicht ganz so grellbunt.“ Das passe wunderbar zu den Farben der Altstadt und sei auch ein wichtiger Punkt bei der Auswahl gewesen. Insgesamt wirke das Kunstwerk frisch und positiv, beschreibt Meyer. Außerdem strahle es viel Lebendigkeit aus. „Es zeigt ein Sichtreffen aller Menschen, die man sich in einer Stadt vorstellen kann.“
Zeitnah werde in der Simadergasse nun die Bretterwand aufgebaut, heißt es vonseiten der Stadt. Wie schon angekündigt, wird mit dem Kunstwerk eine Maßnahmenidee realisiert, die im Rahmen des Smart-City-Projekts „Labor der kreativen Köpfe“ entwickelt wurde. Dabei sei die Idee eines Wandkunstwerks, als eine von vielen, in einem Workshop mit Teilnehmenden der Kreativszene, der Hauseigentümer und der Stadtverwaltung geboren worden, sagt Caroline Hoffmann, Projektleitung des Labors der kreativen Köpfe. „Der Entwurf überzeugte die Jury aufgrund der stimmigen Komposition und Farbwahl, sowie dem klaren Bezug zur inklusiven Stadt Regensburg, durch die Darstellung einer offenen, pluralen und vielfältigen Gesellschaft.“ Am 21. Juni wird noch ein Pressetermin mit Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und der Künstlerin organisiert. Bis Ende Juni soll das Kunstwerk dann fertiggestellt sein.
Im besten Fall soll das große Wandkunstwerk Touristen anlocken und Vandalen durch Respekt vor der Kunst abhalten. Auf der Sanierungsmaßnahme ruhen große Hoffnungen der Anwohner. Am Montag klafft in einem Schaufenster des Modegeschäfts Frauenzimmer schon wieder ein Loch. Die neue Filiale hatte erst im April – nur wenige Meter vom alten Standort entfernt – in der Simadergasse eröffnet. Die Fensterbretter sind bereits wieder mit Edding und Lack aus Spraydosen verunstaltet. Zerbrochene Scheiben, Graffiti an den Wänden, Müll, Urin und Erbrochenes auf der Straße: Simadergasse und Gloria leiden schon lange unter dem Vandalismus, den vor allem Nachtschwärmer auf ihrem Weg zu den Clubs im Obermünsterviertel verursachen.
Die Zuversicht, dass die Fensterscheiben bald vielleicht länger unversehrt bleiben, teilen die Mitarbeiterinnen von Frauenzimmer nicht. „Vielleicht sollten wir unsere Emotionen zu der erneut zerstörten Scheibe einmal unter dem Titel ,An alle Nachtschwärmer:‘ auf einen Zettel schreiben und neben das Loch hängen bzw. auf Facebook und Instagram posten“, schlägt Andrea Baumgärtner von Frauenzimmer vor. „Wir würden dabei natürlich höflich bleiben: Wir waren auch jung, wir sind auch weggegangen, aber wir haben nie randaliert.“
Wandgemälde von Jurena Munõz Lagunas: Mehr Kunst, mehr Licht?
Doch seit dem Verkauf des Gloria und der neuen Aufwertungs-Initiative in Verbindung mit Anwohnergesprächen und Workshops sind die Geschäftsbetreiber und Anwohner trotzdem optimistisch. Das neue Wandkunstwerk werde die Fassade sicher aufhübschen und die Graffiti-Situation verbessern, ist Katharina Brandl, Inhaberin von Frauenzimmer, überzeugt. Und die Beleuchtung der bislang sehr dunklen Gasse werde in diesem Zusammenhang wohl auch verstärkt.