„A Radl Wurst“ soll reichen – Metzger kritisieren geplante Ernährungs-Empfehlung

Von Etienne Nückel · 12. Juni 2023 um 19:00

Ein Radl Gelbwurst bekommen Kinder traditionell, wenn die Eltern beim Metzger einkaufen. Bisher ist das vor allem eine Gelegenheit, den Gebrauch des Wortes „danke“ zu erlernen. Künftig soll diese Scheibe Wurst auch die maximale Tagesration Fleisch darstellen:

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DEG) will laut Medienberichten demnächst ihre Ernährungs-Empfehlung überarbeiten: Statt maximal 600 Gramm Fleisch pro Woche soll man maximal 70 Gramm pro Woche – zehn Gramm pro Tag – essen. Die Veröffentlichung ist für Ende 2023 angekündigt, teilt das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Abensberg-Landshut mit.

Zehn Gramm – „das ist eine Scheibe Wurst, durch die man durchschauen kann“, sagt der Ihrlersteiner Metzger Thomas Döhl. In seinen Augen „definitiv Quatsch“. Döhl empfindet die geplante Empfehlung als Gängelung: „Wir sind in Deutschland. Es sollte jeder selbst entscheiden, wie viel Fleisch er essen möchte“, sagt Döhl.

DGE-Empfehlung: Das sagen Metzger im Kreis Kelheim

Das bleibt es zunächst auch so, schließlich kann die DEG nur Empfehlungen aussprechen, sagt Markus Resch aus Langquaid, Metzger und stellvertretender Innungsobermeister Regensburg-Kelheim: „Dem privaten Verbraucher tut das nichts“. Dennoch − „Für mich ist das eine Bevormundung der Kunden. Das finde ich nicht gut“, sagt er.

Resch ist allerdings nicht nur Metzger, er kocht auch für mehrere Einrichtungen wie Kitas und Kindergärten in drei Landkreisen. Und die würden durchaus verlangen, dass er nach DEG-Empfehlungen kocht.

Laut AELF müssen Einrichtungen mit Gemeinschaftsverpflegung sich an DGE-Empfehlungen halten, wenn sie für irhen Einkauf Ausschreibungen nach Vergaberecht machen. 70 Gramm pro Woche entspräche einem kleinen Kinderschnitzel.

Spaghetti Bolognese mit etwas Hackfleisch dürfte es dann in der gleichen Woche nicht mehr geben. Organisatorisch wäre das kein Problem, sagt Resch. Er habe entsprechende Fortbildungen gemacht und könne problemlos vegetarisch kochen. Aber: Die Kinder würden es nicht essen. Das zeige die Erfahrung und gehe auch aus Feedback-Bögen hervor, die er regelmäßig von Kitas und Kindergärten erhalte.

Clara Korber, Leiterin des Langquaider Kindergartens St. Jakob, der zu Reschs Kunden zählt, gibt dem Metzger in Teilen recht. Ja, es gebe durchaus Kinder, die bei fleischlosen Mahlzeiten schlechter essen. Bei einem Test mit „grüner“ Küche hätten einige Kinder fast gar nicht mehr gegessen. Bei bis zu 35 Mitagessen betrifft das nach Korbers Schätzung zehn bis 15 Kinder. Die Kindergartenleiterin plädiert für einen Speiseplan mit „gesundem Menschenverstand“: Möglichst wenig Fleisch, aber nicht ohne. 70 Gramm pro Woche? „Ich glaube, damit kommt man hin“, sagt Korber. Die zehn-, beziehungsweise 70-Gramm-Regel ist für Korber „generell eine tolle Empfehlung – Es wäre sehr gesund wenn wir weniger Fleisch essen würden.“

Resch findet, eine „gesunde Portion Fleisch“ gehöre zu einer ausgewogenen Ernährung. Die Portionsgröße hänge von allerlei Faktoren – Alter, Gewicht, körperliche Tätigkeit – ab. Einen Tofu Burger etwa könne man auf einer entspannten Gartenparty servieren, nicht aber einem Bauarbeiter mit Heißhunger, findet Resch. Vegetarische Alternativen – Gemüsespieße, Grillkäse – gehören seine Ansicht nach mittlerweile zum Sortiment einer gut sortierten Metzgerei.

Kulturkampf ums Fleisch

Doch Schnitzel und Schweinebraten sind für manche Menschen durchaus eine Frage von Ideologie. Von einem „Krieg gegen Fleisch“ sprach die Regensburger Metzgerin Lisa Muggenthaler in unserer Zeitung. Dabei ging es auch um die DEG-Empfehlungen.

Muggnthalers Vater Werner ist Obermeister der Fleischerinnung. „Es geht uns nicht so sehr um den Verbraucher, denn die meisten Menschen wissen selbst ganz gut, wie viel Fleisch sie essen wollen“, sagte Muggenthaler. Das sehen Döhl und Resch ähnlich: Beide haben nach eigener Angabe keinerlei Einbußen zu verzeichnen, etwa weil immer mehr Menschen immer weniger Fleisch essen würden. Dennoch sieht Döhl sich über die Medien einem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, der Fleischverzehr als etwas Schlechtes darstellt. Er ist nicht der Einzige: Als bekannt wurde, dass die Verpflegung auf dem evangelischen Kirchentag in Nürnberg vegetarisch (ohne Fleisch) oder vegan (ohne Fleisch und ohne tierische Produkte) angeboten wird, zogen die Metzger ihre Beteiligung am gemeinsamen Kirchentags-Gottesdienst zurück. „Eine ideologisch getriebene Kirchengemeinschaft hat mit Christentum nichts mehr zu tun“, sagte Konrad Ammon, der Landesinnungsmeister.

Droht der Kulturkampf ums Fleisch auch im Landkreis Kelheim? Das glauben die ansässigen Metzger eher nicht. Resch: „Der Zulauf an der Ladentheke gibt uns recht.“

Ein Kind isst in einer Kita zu Mittag. Auch im Kreis Kelheim wollen Träger weniger Fleisch servieren. Symbolbild: Jens Büttner/dpa