Pornos und Gewaltvideos: Was Chamer Kinder in Klassenchats so alles finden

Von Tanja Fenzl · 12. Juni 2023 um 19:00

Nacktfotos und Tierpornos im Klassenchat – wer seinem Kind Zugang zum Internet ermöglicht und soziale Medien und Messengerdienste nutzen lässt, muss darauf vorbereitet sein.

Und vor allem auch sein Kind darauf vorbereiten, dass es anstößige und jugendgefährdende Inhalte zu sehen bekommt, sagt Birgit Zwicknagel. Die Expertin in Sachen digitale Medien betont: „Die Frage ist nicht, ob Ihr Kind online mit schlimmen Dingen konfrontiert wird, sondern wann.“

Das Video eines geköpften Soldaten, das vor wenigen Wochen viral um die Welt ging, landete innerhalb von nur zwei Tagen in mehreren Chamer Klassenchats, verrät die Initiatorin des Vereins „Computermäuse“ mit Sitz in Stamsried. Rechts- und linksextremistische Inhalte, Fotos, Videos, Sticker, Gewalt, Kinder- oder Animalporn, gefährliche Challenges – all das und mehr kursiert auf digitalen Wegen im Landkreis. „WhatsApp und Co. verbieten, ist ab der fünften Klasse fast unmöglich“, räumt Zwicknagel dabei ein. Aber: Eltern sollten schon sehr genau hinschauen, was ihre Kinder im Netz machen, wie sie kommunizieren und mit welchen Inhalten sie konfrontiert werden. „Die Eltern sind im Zweifelsfall auch haftbar“, betont Zwicknagel.

Polizei konfisziert Handys

Die Polizei, die bei allen 25 Schülern einer Klasse die Handys konfisziert: „Das kommt vor“, sagt Zwicknagel. Erst vor kurzem haben zwei Berufsschüler ihr „perverse rechtsradikale Sachen im Klassenchat“ gemeldet. Schüler dürfen, sagt die Computermäuse-Frau, sie als Kontaktperson nutzen. „So stehen sie nicht als Verräter bei ihren Klassenkameraden da“, erklärt sie. Und macht deutlich: Auch bei uns auf dem Land nimmt die digitale Kriminalität zu.

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Nacktfoto von Sechstklässler

„Sechst- und Siebtklässler verschicken Nacktbilder von anderen, aber auch von sich selber. Und wenn das Kind dann in den Brunnen gefallen ist, und das Foto durchgereicht wird, ist das Geschrei groß.“ Diese Erfahrung habe auch ein Mädchen machen müssen, dessen Nacktfoto die Runde machte. „Das bekommt man ganz schlecht wieder weg, es stimmt leider, das Internet vergisst nichts.“

Über Gefahren informieren

Wichtig sei daher, dass Eltern ihre Kinder sowohl über Gefahren und Fallstricke im Internet informieren, aber auch, dass sie ihre Kinder sexuell aufklären, ehe sie sich in die Cyberwelt einklinken dürfen: „Alles, was sie zuhause nicht erfahren, werden sie im Netz finden. Besser ist es, im Vorfeld kindgerecht bestimmte Inhalte anzusprechen.“ Denn: „Die meisten haben in der fünften Klasse online bereits Dinge gesehen, wo Eltern mit den Ohren schlackern. Mit dem Klassenchat endet die heile Welt.“

Dein Smartphone – Deine Entscheidung

Wie ernst auch die Polizei das Thema nimmt, zeigt die Kampagne „Dein Smartphone – Deine Entscheidung“, bei der Präventionsbeamte der Polizei in den letzten Jahren oberpfalzweit mehr als 170 Vorträge in Schulen gehalten haben. Schüler sollen auf strafrechtliche Aspekte beim Umgang mit dem Handy hingewiesen werden. Auch Eltern, Lehrer und Schulen sollen mit ins Boot geholt werden. Denn auch in der Oberpfalz hat die Polizei immer öfter mit Kinderpornografie zu tun, 2019 landeten 550 Fälle auf den Schreibtischen der Regensburger Kriminalpolizei.

Ermittlung gegen Kinderpornografie

Im vergangenen Jahr wurde dort deshalb ein eigener Arbeitsbereich geschaffen – immer häufiger werden dafür Ermittlungen im Klassenchat notwendig. „Einen hohen Anteil derartiger Straftaten macht das oft unbedarfte Versenden von Fotos, Videos oder Stickern mit kinderpornografischem Inhalt zwischen Kindern und Jugendlichen aus. Aber auch extremistische Inhalte oder Gewaltdarstellungen führen zu Anzeigen bei der Polizei“, heißt es.

Cybermobbing: Mit Bildern erpresst

Wie schnell eine Sache eskalieren kann, erzählt auch Zwicknagel von einem aktuellen Fall: Ein Mädchen hatte einem Klassenkameraden ein Oben-ohne-Foto von sich geschickt, der das Bild in Chatforen stellte. „Das war ein Riesenact. Das Mädchen war zwölf, alle betroffenen Schüler 14, das Mädchen wurde wegen Erstellens und Verbreitens von Kinderpornografie angezeigt, die Jungs wegen des Verbreitens. Und wir haben es nicht geschafft, alle Bilder aus dem Netz zu bekommen.“ Eine andere Schülerin, berichtet Zwicknagel, habe in einem Magersuchtforum einen Kontakt kennengelernt, der sich Fotos schicken ließ und sie anschließend damit erpresste. „Das Mädchen hatte Daten von sich herausgegeben, der Täter hat sie sexuell genötigt. Das ging Monate lang.“

Smartphones und Chats kontrollieren

Zwicknagel appelliert an Eltern, sich genau anzuschauen, was ihre Kinder im Netz machen, sie im Vorfeld über Risiken aufzuklären und die Smartphones inklusive Chats regelmäßig zu kontrollieren. „Das muss jetzt nicht die Konversation mit dem besten Freund bis ins Detail sein, aber Gruppenchats sollten beispielsweise sehr regelmäßig durchgeschaut werden. Schon das Unterlassen von Meldungen verbotener Inhalte kann für die Nutzer und deren Eltern strafbar sein.“ Die Medienpädagogin weiß: „Ein Hakenkreuz im Klassenchat kann zur Folge haben dass sämtliche Schüler und deren Eltern mit einer Anzeige rechnen müssen.“ Auch das ist in Cham passiert.

Computermäuse helfen

Verein: Der Computermäuseverein hat seinen Sitz in Stamsried. Knapp zehn freiwillige Helfer beraten und unterstützen Eltern und Kinder auf ihrem Weg in die digitale Welt, erklären die sichere Smartphone-Nutzung und klären über rechtliche Vorgaben auf. Info unter (09466)910374

Sie kennt die Fallstricke der digitalen Medien: Birgit Zwicknagel vom Computermäuseverein in Stamsried hilft Eltern und Kindern, sich online zurecht zu finden. Foto: Tanja Fenzl