Für die kranke Tochter: Kollegen von Gerresheimer spenden Familienvater ihre Überstunden

Den 9. März werden Vanessa und Ludwig Handl nicht vergessen: An diesem Tag erhielten Sie die niederschmetternde Diagnose, dass ihre einjährige Tochter Lena schwer krank ist. Für den 33-jährigen Familienvater bedeutet das, oft zu Hause bleiben zu müssen. Dass er dies kann, dafür haben auch seine Kollegen von der Firma Gerresheimer in Wackersdorf gesorgt.
Die vergangenen Monate waren nicht einfach für Familie Handl aus Holzheim am Forst im Kreis Regensburg. Am 9. März erhielten sie die niederschmetternde Diagnose, dass ihre einjährige Tochter schwer herzkrank ist. Vanessa und Ludwig Handl hätten sich ein schöneres Geschenk zu Lenas erstem Geburtstag gewünscht.
Anfangs hegten sie die Hoffnung, dass sich das Herz erholen könnte. Doch die Herzleistung wurde immer schlechter. Über die Osterfeiertage hing das Leben ihrer Tochter sogar am seidenen Faden. Danach stand fest, die Kleine braucht ein Kunstherz, also ein mechanisches System, um die Herzarbeit zu unterstützen. Gleichzeitig wurde Lena auf eine Spenderliste für ein neues Herz gesetzt. Nach der OP blieb sie mit ihrer Mutter wochenlang in der Uni-Kinderklinik in Erlangen. Erst am 1. Juni konnten beide nach Hause kommen.
Das ist keineswegs selbstverständlich: Kinder mit einem Kunstherz verbringen normalerweise die gesamte Zeit bis zur Transplantation im Krankenhaus. Die Handls gehören zu drei Familien, die in den eigenen vier Wänden auf das Spenderherz warten können. Seitdem wird die Kleine engmaschig kontrolliert. Mindestens einmal in der Woche wird sie in Erlangen untersucht, die Daten werden dann aktualisiert, die Herzleistung und auch das Gerät überprüft.
Vanessa und Ludwig Handl haben nicht lange überlegt
Als sich die Möglichkeit bot, die kleine Lena nach Hause zu holen, überlegten Vanessa und Ludwig Handl nicht lange. Sie wollen ihrer Tochter so gut es gehe ein normales Familienleben bieten, sagt der 34-jährige Vater und fügt hinzu, dass auch der fünfjährige Sohn Johannes seine Mama und Schwester brauche.
Der Wechsel nach Hause hat aber Folgen: Lena wurde in der Transplantationsliste heruntergestuft. Denn wer zuhause sei, gelte nicht mehr als Akutfall. Familie Handl nimmt dies in Kauf, da es für sie alternativlos sei. Es sei besser, als wenn die Tochter jahrelang im Krankenhaus liege. Vanessa und Ludwig Handl wurden intensiv geschult, damit sie im Notfall richtig reagieren und auch den Verband selbst wechseln können.
Damit Ludwig Handl jederzeit für Lena da sein und sich um Sohn Johannes kümmern kann, wenn Frau und Tochter in Erlangen sind, haben seine Arbeitskollegen von Gerresheimer in Wackersdorf eine besondere Aktion organisiert. Sie sammelten ihre Überstunden und schenkten sie dem zweifachen Familienvater. 380 Stunden – insgesamt zehn Wochen – sind zusammengekommen. Ludwig Handl saß morgens in einer Leitungsrunde, als die Tür aufging, überraschend die Abteilung hereinkam und ihm symbolisch die zusätzlichen Freistunden überreichte. Er sei perplex und den Tränen sehr nahe gewesen, erinnert sich der 34-Jährige an den Moment.
Einige Betriebsvereinbarungen wurden außer Kraft gesetzt
Für diese Extra-Freizeit seien viele Hebel in Bewegung und einige Betriebsvereinbarungen außer Kraft gesetzt worden, weiß Ludwig Handl. Die Stunden wurden von den Chefs 1:1 umgerechnet. Auch Kollegen, die weniger als Ludwig Handl verdienen, konnten Stunden spenden, ohne dass der Montageleiter im Sondermaschinenbau Abstriche beim Lohn hat. Der Familienvater ist dafür seinen Chefs und den Kollegen überaus dankbar. Ihm ist bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist: Viele Unternehmer hätten kein Verständnis für die privaten Probleme ihrer Mitarbeiter. Bei der Firma Gerresheimer in Wackersdorf, die Verpackungen für Arzneimittel und Kosmetikprodukte herstellt, sei das anders.
Das spürte der 34-Jährige gleich nachdem er im Betrieb anfing. Ludwig Handl ist erst seit Anfang September 2022 bei Gerresheimer beschäftigt. Damals bekam sein Sohn eine schwere Lungenentzündung, sein Arbeitgeber sei schon da sehr nachsichtig gewesen. Als seine Tochter krank wurde, informierte er schnell die Firmenleitung und seine Kollegen. Und löste damit die ungewöhnliche Aktion aus.
Gut 100 Stunden sind bereits aufgebraucht
Er habe kurz sogar daran gedacht, wegen seiner kranken Tochter zu kündigen, erzählt Ludwig Handl. Doch die Familie brauche auch sein Einkommen, er ist der Alleinverdiener, seine Frau momentan in Elternzeit. Durch die Spendenaktion wisse er, wo er ist und dass der Betrieb hinter ihm stehe.
Von den 380 gespendeten Überstunden hat er schon gut 100Stunden genutzt. Auch den Rest wird er in den kommenden Monaten noch brauchen. Denn die Probleme seien noch nicht ausgestanden, es gebe viele Unvorhersehbarkeiten. Und wann Lena ein neues Herz bekommt, ist auch vollkommen ungewiss. Bei Erwachsenen gab es laut Bundesgesundheitsministerium zuletzt weniger Spenderorgane, bei Kinder sei die Zahl der zur Transplantation zur Verfügung stehenden Organe noch geringer.
Eltern haben schon lange einen Spenderausweis
Vanessa und Ludwig Handl wollen in der Frage vorbildlich sein: Sie haben, seit sie 18 sind, einen Spenderausweis. „Wenn man die Schicksale der Kinder sieht, macht man sich dennoch mehr Gedanken über Organspenden“, sagt die Mutter. Die Eltern appellieren deshalb an die Verantwortlichen in der Politik, sich Gedanken zu machen, eine Widerspruchslösung einzuführen. Deutschland sei das einzige Land, das bei Eurotransplant dabei ist und keine Widerspruchslösung habe. Die Handls finden es gut, dass es in Bayern wieder eine Debatte darüber gibt. Denn am Ende könnte vielleicht auch ihre Tochter von einer solchen Neuregelung profitieren.
Bis dahin muss die Familie weiter hoffen, dass andere Eltern bereit sind, das Herz ihres verstorbenen Kindes zu spenden. Und dass ein solches Organ auch zu Lena passt. Bis es so weit ist, muss Ludwig Handl sicher noch eine ganze Menge freier Tage nehmen. Oft entscheide sich das sehr kurzfristig. Von seinem Chef habe er aber die Freigabe, auch recht spontan entscheiden zu können. Das sei ein sehr hohes Entgegenkommen und eine große Flexibilität, ist der 34-Jährige seinem Arbeitgeber dankbar.

