Hunderte Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt: Arbeitgeber müssen umdenken

Neumarkt. Im Mai haben Neumarkter Arbeitgeber 1515 Ausbildungsplätze gemeldet. Erschreckend dabei: Lediglich 555 junge Menschen haben sich darauf beworben. Es wird also nur jede dritte Stelle besetzt.
Dieses Bild zeichnet die aktuelle Statistik der Bundesagentur für Arbeit. „Das Angebot übersteigt die Nachfrage derzeit stark – und das in allen Branchen“, bestätigt der Geschäftsleiter der Kreishandwerkerschaft Neumarkt, Patrick Brandl. Alle Handwerksbereiche säßen im selben Boot.
Aus eigener Erfahrung und als Obermeister der Innung für Maler und Lackierer, berichtet Ernst Reischböck über die angespannte Situation. „Früher haben wir drei Lehrlinge zeitgleich ausgebildet, aktuell ist es einer.“ Und auch für das kommende Lehrjahr sei noch keine Entscheidung getroffen „Vor einigen Jahren konnten wir zwischen 20 Bewerbern wählen. Heuer haben sich fünf beworben“, sagt Reischböck.
Viele Bewerber fahren zweigleisig
Damit habe Reischböck zwar eine kleine Auswahl, aber nur weil er sich für einen Kandidaten entscheide, heiße das noch nicht, dass der auch tatsächlich kommt. „Die fahren ja auch zweigleisig und bewerben sich noch bei anderen Unternehmen.“ Dem Personalmangel zum Trotz: Die Bewerber bräuchten „grundsätzliche Fähigkeiten“, sagt Reischböck. Diese bewerte er zwar weniger kritisch als noch vor einigen Jahren, trotzdem müsse er für den Bewerber eine realistische Chance sehen, die Abschlussprüfung zu bestehen.
Noch hätten die fehlenden Azubis für Reischböcks Betrieb keine bedrohlichen Auswirkungen. Aber das werde sich ändern, ist er sich sicher: „In einigen Jahren können wir uns dann nicht mehr auf selbst ausgebildete Angestellte verlassen, sondern müssen ausschließlich mit fremdem Fachpersonal arbeiten.“
Überrascht hat Reischböck diese Entwicklung allerdings nicht. „Dass jetzt geburtenschwächere Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt kommen, war abzusehen“, sagt er. Und Corona habe sein Übriges getan: In der Zeit habe es weder die sogenannte Schnupperlehre, noch Praktika gegeben. „Da konnten junge Leute keinerlei Einblick ins Handwerk gewinnen.“
Um dem problematischen Trend entgegenzuwirken, bietet Reischböck in seinem Betrieb jetzt auch spezifischere Ausbildungen an. Junge Menschen können sich dort ab diesem Jahr nicht nur zum klassischen Maler und Lackierer ausbilden lassen, sondern auch zum Oberflächengestalter oder Kirchenmaler. Zudem wolle Reischböck weiterhin Aufklärung betreiben. Entweder direkt in den Schulen oder durch Angebote, wie der „Tag des Handwerks“, den das Kultusministerium initiiert hat.
Aber nicht nur das Handwerk ist betroffen. Die Industrie klagt über ähnliche Probleme: Silke Auer von der Industrie- und Handelskammer Neumarkt bestätigt die Einschätzung von Patrick Brandl und Ernst Reischböck. „Auch Industrieunternehmen haben mehr Stellen als Bewerber. Im Ausbildungs- sowie im normalen Mitarbeiterbereich“, sagt sie.
Mangelendes Personal führt zu verkürzten Öffnungszeiten
Das treffe vor allem die Tourismusbranche und den Dienstleistungssektor hart. In der Gastronomie zum Beispiel löse mangelndes Personal direkt die Reduzierung der Öffnungszeiten aus. „Dort wird es besonders schnell deutlich“, sagt Auer. Aber auch alle anderen Branchen seien betroffen.
Was die Statistik der Arbeitsagentur noch zeigt: Das Dilemma spitzt sich zu. Ingesamt boten Neumarkter Arbeitgeber im Mai 232 Ausbildungsstellen mehr an als vor einem Jahr. Es haben sich aber gleichzeitig 24 weniger Personen beworben.
Nach Auers Einschätzung ist aber nicht allein der demografische Wandel die Ursache für den Personalmangel. Auch fehlende oder besser gesagt, anders gelagerte Motivation sei ein Grund. „Die Unternehmen müssen ihr Angebot anpassen. Mehr Geld und Dienstauto ist nicht das, was die neuen Arbeitnehmer wollen.“ Da stehe eher die Vier-Tage-Woche hoch im Kurs. Das Stichwort für die Unternehmen laute also: „Finden und Binden“.
Der Wandel sei mittlerweile überall angekommen, ist Auer sicher. Jetzt müssten entsprechende Umstrukturierungen aber nach und nach auch umgesetzt werden. „Ansonsten werden Unternehmen Mitarbeiter verlieren und auch keine neuen mehr finden“, ist sie überzeugt.
Arbeitslosenquote steigt im Vergleich zum Vorjahr
Im Gegensatz zum beträchtlichen Personalmangel steht die derzeitige Arbeitslosenquote im Landkreis Neumarkt: Im Mai sind insgesamt 1761 Männer und Frauen keinem Job nachgegangen. Das sind zwar 84 Personen weniger als im Vormonat, jedoch 541 Personen mehr als vor einem Jahr. Doch das Bild ist verzerrt: Der Auslöser für den vermeintlich rasanten Anstieg seien Menschen aus der Ukraine, erklärt Robert Brüderlein, Pressesprecher der Arbeitsagentur Regensburg. Die Ukrainer mussten sich nämlich im Laufe des vergangenen Jahres beim Jobcenter registrieren und würden deswegen in die Statistik mit einfließen.
Speziell in Neumarkt wäre diesbezüglich – im Vergleich zu anderen Städten – eine „ganz große Steigerung“ zu beobachten. Das bedeute aber nur, dass im Landkreis Neumarkt besonders viele Ukrainer untergekommen sind, erklärt Brüderlein.
Und weil in den ersten Monaten andere Dinge wichtiger seien als die Jobsuche, wären noch immer viele der geflüchteten Ukrainer ohne Job. Die Zahl der Arbeitslosen werde sich also in den kommenden Monaten einpendeln, prognostiziert Brüderlein.