Heißer August für Pendler: Großbaustellen bremsen den Verkehr aus

Von Marion Koller · 11. Juni 2023 um 21:00

35 Stunden haben Regensburger Autofahrer im Vorjahr genervt in Blechkolonnen abgesessen. Diesen Durchschnittswert hat der Verkehrsdienstleister Inrix herausgefunden. Das ist bundesweit Rang 19 von 74 untersuchten Städten. Heuer könnte die Zahl der Staustunden steigen, denn Ende Juli werden zwei wichtige Verbindungen gesperrt: die Nibelungenbrücke und die Kumpfmühler Brücke.

Die Nibelungenbrücke, eine von nur drei Donauquerungen, bekommt eine neue Asphaltdecke. Dafür wird zwischen 31. Juli und Ende August zunächst die nördliche Fahrtrichtung 14 Tage für den motorisierten Verkehr gesperrt und dann die Gegenrichtung. Radfahrer, Busse und Rettungsdienste dürfen das Nadelöhr auch während der Bauzeit passieren.

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Ab August baut die Stadt die Kumpfmühler Kreuzung um, zuerst den Norden. Dafür wird auch die Brücke dichtgemacht. Ab September geht es im Süden weiter. Dann werden Straßen nach und von Kumpfmühl gesperrt. Die Arbeiten dauern bis Oktober.

Lastenfahrrad scheidet aus

Gerhard Gröschl, Obermeister der Regensburger Elektro-Innung, kann es kaum glauben, dass die beiden Großbaustellen gleichzeitig starten und vor allem, dass jeweils eine Richtung auf der Nibelungenbrücke ganz gesperrt wird. „Ich bin in Lappersdorf und die meisten Aufträge liegen auf der anderen Donauseite“, sagt der 61-Jährige. „Ich bin jetzt schon schneller in Schwandorf als in Burgweinting.“

Ein Handwerker könne seine Arbeit weder im Homeoffice noch mit dem Lastenfahrrad erledigen. Sechs Werkstattwagen der Elektro Gröschl GmbH mit zwei bis drei Mitarbeitern kurven täglich zu den Kunden – von Zellner Recycling in der Budapester Straße bis zu Infineon im Westen. Im nachmittäglichen Berufsverkehr stehen seine Handwerker häufig im Stau. „Wartezeiten von 20 Minuten sind an der Tagesordnung.“ Gröschl überschlägt, das sei pro Arbeitstag bei einem Zweiertrupp ein Verlust von rund 50 Euro. Deshalb kalkuliert er zurzeit die Anfahrtszeiten neu. Das heißt, auf die Kunden kommen höhere Preise zu.

Vor dem August graut ihm. Etliche Kollegen steuerten die Innenstadt wegen der Verkehrssituation überhaupt nicht mehr an. Die Stadt empfiehlt eine Ausweichroute über Walhalla-Allee, Odessa-Ring, Straubinger Straße und Adolf-Schmetzer-Straße. „Der Odessa-Ring ist im Berufsverkehr auch zu“, schimpft Gröschl. Das bestätigt die Untersuchung von Inrix. Als Stauschwerpunkte nennt der Verkehrsdienstleister einige Bereiche der Ausweichroute, vom Odessa-Ring über die Walhalla-Allee bis zur Straubinger Straße.

Die Stadt packt die Großbaustellen gleichzeitig an, weil an den Ferien-Werktagen rund 15 Prozent weniger motorisierter Verkehr durch Regensburg rollt. Zählungen für August gibt es nicht, aber Kontaktschleifendaten. Der Verkehr auf der Nibelungenbrücke wurde zuletzt im Juli 2019 gezählt. Fast 39.400 Fahrzeuge waren dort pro Tag unterwegs. Inzwischen sind es laut Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg für Oberpfalz/Kelheim 42.000. Den Knotenpunkt Kirchmeierstraße und Kumpfmühler Brücke passieren laut einer Erhebung von 2018 am Tag 79.000 Fahrzeuge. Auch dort dürften es mittlerweile mehr sein.

Oliver Rucks aus Wenzenbach arbeitet in der AOK-Geschäftsstelle Regensburg in der Bruderwöhrdstraße. Er pendelt mit dem Auto. „Die Sperrung der Nibelungenbrücke im August ist eigentlich eine Katastrophe für mich“, sagt der 53-Jährige. Für den Umweg über Odessa-Ring und Straubinger Straße werde er deutlich länger brauchen. Rucks befürchtet Staus auf der Straubinger Straße. Das Fahrrad kommt für ihn nicht infrage. „Ich bin im Moment nicht fit. Außerdem wäre ich noch länger unterwegs. Das tue ich mir nicht an.“ Der AOK-Mitarbeiter steht um sechs Uhr auf. Noch früher – das kann er sich nicht vorstellen.

Die IHK rechnet mit massiven Auswirkungen vor allem der Großbaustelle Nibelungenbrücke, auch wenn sie in den Sommerferien über die Bühne geht. Mit dem langwierigen Umbau der Kumpfmühler Kreuzung werde eine weitere Hauptverkehrsader durch abschnittsweise Sperrung blockiert, sagt Martin Kammerer, von der IHK. Er erwartet erhebliche Einschränkungen und längere Fahrtzeiten. „Aus unserer Sicht wäre es besser gewesen, die beiden Großbaustellen nicht gleichzeitig anzugehen.“ Jede Baustelle, welche die Erreichbarkeit der Innenstadt einschränke, mache die Altstadt als Einkaufsort unattraktiv.

Ärger über Verkehrspolitik

Obermeister Gerhard Gröschl weiß natürlich, dass die Nibelungenbrücke saniert werden muss, scharf kritisiert er jedoch die Verkehrspolitik von Stadt und Landkreis. „Seit ich zurückdenken kann, gibt es nur zwei städtische Brücken für den motorisierten Verkehr und die Pfaffensteiner Autobahnbrücke.“ Früher seien das Steinerne Brücke und Nibelungenbrücke gewesen, heute seien es Osttangente und Nibelungenbrücke. Die Steinerne Brücke, ein bedeutendes Denkmal, ist seit 1997 für den Verkehr gesperrt.

Schon das Gutachten des Münchner Planungsbüros Kurzak von 2005 stellte fest, dass eine weitere Donauquerung dringend nötig sei. „Die Stadt hat sich verkehrstechnisch nicht weiterentwickelt“, bedauert Gröschl. Er sei das Geschwätz der Politik leid.

Gut lachen haben Radfahrerinnen wie Karin Germann-Bauer, die von Kumpfmühl zur Arbeit bei der AOK strampelt. Der Umbau der Kreuzung bremst sie nicht. „Ich blicke dem Ganzen mit großer Gelassenheit entgegen. Mit dem Rad ist man in Regensburg im Zweifelsfall immer schneller“, sagt die 57-Jährige.