Kirche in der Krise: Heuer keine Priesterweihe im Regensburger Dom

Von Christian Eckl · 8. Juni 2023 um 20:18

Wie dramatisch ist der Priestermangel im Bistum? Bischof Rudolf Voderholzer wird heuer keinen einzigen Priester weihen, der in der Diözese seinen Dienst antritt. Die beiden Kandidaten, die der Bischof heuer weiht, werden nicht als Diözesanpriester eingesetzt. Einer kehrt in seine Heimat Indien zurück, der zweite bleibt im Kloster.

Die Kirchenleitung will aber nicht von einer Krise sprechen. „Auch wenn man es im ganzen Bistum als schmerzlich empfindet, dass in diesem Jahr kein Kandidat für die Pfarreien zur Verfügung steht, ist die Lage keineswegs so dramatisch“, teilt Bistumssprecher Stefan Groß mit. „Vom vielzitierten Untergang des Priesterberufes kann keine Rede sein.“ Im Priesterseminar würden bereits drei Kandidaten ausgebildet, die im kommenden Jahr geweiht werden könnten.

„Kirchliche Erziehung fehlt“

„So traurig die Situation heuer auch ist, es gibt dafür auch Gründe“, legt der Leiter des Priesterseminars, Martin Priller, dar. Während in der Nachkriegszeit und viele Jahre danach nahezu ein Ansturm auf die Priesterseminare zu verzeichnen war, kam es seit der Aufdeckung der Missbrauchsfälle im Jahr 2010 zu einem Einbruch bei den Eintrittszahlen – das würde sich zeitversetzt an der Zahl der Neugeweihten zeigen, so Priller. „Zudem steht der Rückgang der Kandidaten im Verhältnis zum Rückgang der Kirchgänger“, sagt er.

Einen Kommentar von Christian Eckl zum Priestermangel im Bistum Regensburg lesen Sie hier: Das Dach der Kirche brennt

„Wer also keine kirchliche Erziehung genießt, für den ist der Schritt schwierig.“ Tatsächlich steht das Bistum Regensburg in der Krise nicht alleine da. In allen 27 Diözesen wurden im Jahr 1962 nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz 557 Kandidaten zu Priestern geweiht. 2022 waren es deutschlandweit noch 33 – so viele, wie allein im Bistum Regensburg im Jahr 1964.

Der Priestermangel wird tiefe Einschnitte in das kirchliche Leben nach sich ziehen. Der im Herbst zurückgetretene Domkapitular Thomas Pinzer hatte es in seinem Rücktrittsgesuch an den Bischof so beschrieben: „Die Pastorale Planung geht davon aus, dass es in zehn Jahren noch 140 Pfarrer gibt, denen wir zutrauen, große Pfarreiengemeinschaften leiten zu können.“ 210 Priester aus dem Ausland kämen hinzu. „Wir haben ein Problem, nämlich Priestermangel und wir beheben es, indem wir einkaufen gehen“, schrieb Pinzer.

Bisher sind schon die Hälfte aller Priester im Bistum aus dem Ausland. Die Hälfte davon stammt aus Indien. „Die Priester werden von uns nicht angeworben, wie das im Augenblick staatlicherseits im Blick auf den Fachkräftemangel angezielt wird, sondern von ihren Bischöfen und Ordensoberen für den Dienst in unserer Diözese angeboten“, heißt es vom Bistumssprecher. Die Bischöfe hätten „mehr als genug Priester zuhause, so dass diese leicht abkömmlich sind“.

Gesellschaftliche Ursachen benennt ein berühmter Laie, der in der Diözese aktiv mitarbeitet. In seinem Hauptberuf betreute Physiotherapeut Klaus Eder Boris Becker, die Deutsche Nationalmannschaft und sogar den U2-Sänger Bono. Er wird deutlich: „Der Priestermangel ist auch unserem Wohlstand geschuldet. Uns geht es gut, da meint man, Gott nicht zu brauchen.“

Die Krise der Kirche in Sachen Nachwuchs sei letztlich Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise, „in der kaum mehr jemand etwas für die Gemeinschaft tun will, alle aber die Work-Life-Balance im Blick haben“. Ironisch fügt er an, es sei „schon tragisch: Kaum einer will heutzutage noch heiraten – außer angeblich katholische Priester.“

Für Eder ist klar, dass der Missbrauch in der Kirche lückenlos aufgeklärt werden muss. Eder sagt aber auch: „Es gab auch im Sport Missbrauch. Doch da kommt niemand auf die Idee, deshalb aus dem Verein auszutreten.“

Übermoralische Kirche?

Eder könne verstehen, dass die Kirche besonders im Fokus sei. „Sie hat ja auch ihre Moral über alles gestellt, das ist nachvollziehbarer Zündstoff für die Kritik.“ Er empfiehlt seiner Kirche aber auch, „es wie die Evangelischen mit Frauen in Ämtern zu versuchen“.