Neue Erkenntnisse zur Neumarkter Stadtgeschichte

Von Eva Gaupp · 2. Juni 2023 um 19:00

2010 wurde in Neumarkt das 850-jährige Stadtjubiläum groß gefeiert. Doch Stadtheimatpfleger Rudi Bayerl ist sich sicher: Das war falsch. Neumarkt dürfte etwa 30 Jahre älter sein. Auch zur Stadtgründung hat er eine Theorie, die mit Kaiser Barbarossa zu tun hat. Ob sie stimmt, könnte sich bald herausstellen.

Mit der Gründung einer Stadt ist es so eine Sache: Nur selten gibt es eine historische Urkunde, die sie mit einem konkreten Datum belegt. Für Neumarkt existiert so ein Dokument leider nicht. Offiziell stützt man sich deshalb auf eine Urkunde aus dem Kloster Reichenbach im Landkreis Cham, in der einer von mehreren Zeugen aus einem Ort namens Neumarkt erwähnt wird. Das war 1160.

Inzwischen ist sich Rudi Bayerl sicher: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ausgerechnet ein Zeuge nicht aus dem Raum Cham gekommen sein soll.“ Zumal es noch heute einen Ortsteil „Altenmarkt“ und damals wohl auch einen namens „Neuenmarkt“ in Cham gegeben habe.

Neumarkt ist wohl älter als zunächst gedacht

Das Jubiläum habe er 2010 deshalb mit „starken Bauchschmerzen“ verfolgt. Bayerl hält Unterlagen aus dem Kloster Prüfening für sehr viel glaubhafter, in denen zwischen 1130 und 1140 ein „Fridericus de Niuwenmarchte“ erwähnt wird. Darauf beruft sich auch die Leiterin des Stadtmuseums, Petra Henseler, schon 2004 in einer historischen Abhandlung.

Aber der langjährige Vorstand des Historischen Vereins Neumarkt geht noch weiter: Er vermutet, dass die Keimzelle der Stadt Neumarkt in der Glasergasse liegt. Just in dem Bereich um das Hitzhaus, das bald zur Musikschule umgebaut werden soll. Dann könnten die archäologischen Grabungen vielleicht die Lücken in der Stadtschreibung füllen. „Das große Geschichtsbuch ist der Boden“, sagt Bayerl.

Seine Theorie macht der Stadt- und Kreisheimatpfleger an dem Grundriss der Altstadt fest. Denn Neumarkt wurde von Stadtplanern bis in die kleinste Gasse im Maßstab durchkonstruiert: Die Marktstraße galt als direkte Verbindung zwischen der großen Handelsmetropole Nürnberg und Regensburg, wo 1146 mit der Steinernen Brücke der einzige Übergang zwischen Ulm und Wien über die Donau geschaffen wurde.

Die übrigen Straßen und Gassen ordnen sich geometrisch und maßstabsgetreu unter – und zwar in geraden Linien. Eine Ausnahme bilden nur die Gassen entlang der Stadtmauer – und die Glasergasse, oder „Im Königreich“, wie der Abschnitt noch im 19.Jahrhundert hieß.

Bayerl zeigt in alten Karten und auf dem Bronzerelief neben dem Neumarkter Rathaus, was er meint: Fächerartig scheinen die Grundstücke um einen fiktiven Punkt herum angeordnet. Dort könnte ein Wohnturm, eventuell eine kleine Burganlage bestanden haben, mutmaßt Bayerl. Darum herum könnten sich Stallungen, Handwerkshäuser, Lagerbauten entwickelt haben.

Ein strategisch wichtiger Siedlungsknoten direkt an der Handelsstraße und in unmittelbarer Nähe eines Flüsschens. Warum sollte sonst ausgerechnet dieses Viertel in der so durchdeklinierten Stadtplanung ausgespart worden sein?, fragt Bayerl.

Grundriss von Freiburg war wohl Vorbild für Neumarkt

Dabei ähnelt der Grundriss Neumarkts frappierend dem von Freiburg. Zu diesem Ergebnis ist schon in den 90er Jahren der Architekt und Stadtplaner Klaus Humpert gekommen. Doch was haben Freiburg und Neumarkt gemeinsam? Aus dem Geschlecht der Zähringer stammen die Fachleute, die im 12.Jahrhundert Freiburg planten – und vielleicht auch Neumarkt.

„Jetzt haben wir vielleicht die einmalige Chance, mehr darüber zu erfahren.“Rudolf Bayerl

Zum einen habe Freiburg damals als modernes Vorbild für Stadtgründungen gegolten, erklärt Bayerl. Und zum anderen glaubt er, dass der berühmte Kaiser Barbarossa seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Denn der Staufer mit dem markanten roten Bart bezwang damals die Zähringer und vermählte sich mit Adila von Vohburg, die Ländereien in die Ehe mit einbrachte, auf denen sich wohl auch Neumarkt befand.

Was läge da näher, als dass der Kaiser sich die bereits bestehende Siedlung an der bedeutenden Handelsstraße sicherte und zur Stadt ausbauen ließ? „Strategisch und handelspolitisch war das ein Juwel.“ Vielleicht wurde das Pfalzgrafenschloss deshalb genau an dieser Stelle errichtet – nur einen Steinwurf entfernt von einer früheren Anlage? Auch das Hitzhaus war einst ein Lagerhaus – vielleicht ein Nachfolgebau der ersten Siedlung?

„Es ist bisher nur eine Theorie“, sagt Rudi Bayerl. Aber schon seit Jahrzehnten begleitet ihn die Suche nach den Ursprüngen der Stadt Neumarkt. „Jetzt haben wir vielleicht die einmalige Chance, mehr darüber zu erfahren.“ Denn bevor das Hitzhaus saniert wird und der moderne Anbau sowie das „Jokergebäude“ an der Abtsdorfer Gasse entstehen, werden Archäologen den Grund untersuchen.

Durch den Bau der Hochschule, des Pfarrheims an der Hofkirche und die Sanierung des Amtsgerichts haben die Historiker in den vergangenen Jahren schon einige neue Erkenntnisse gewonnen.

Anders als die übrigen Straßen in Neumarkts Altstadt verläuft die Glasergasse nicht gerade, sondern in einem Bogen.
Die alte Karte zeigt, dass die Grundstücke zwischen Kaserngasse und „Im Königreich“ fächerartig angeordnet waren. Karte: Bayer. Landesvermessungsamt
Der Aufbau der Freiburger Altstadt ähnelt der von Neumarkt. -Foto: Google Maps