Die Regensburger Ahnengalerie im vergessenen Gässchen ist zur Hälfte fertig

Von Rainer Wendl · 26. Mai 2023 um 19:00

Geboren ist er in der Ukraine, studiert hat er im lettischen Riga, länger gelebt im russischen St. Petersburg. „Doch an keinem anderen Ort habe ich so viele Jahre verbracht wie in Regensburg“, stellt Oleg Kuzenko fast schon verblüfft fest.

Seit 1994 wohnt der Künstler hier, seinen Werken können Einheimische tagtäglich begegnen. Ob beim Bürgerzentrum im Neuen Rathaus, im Treppenhaus der Parkgarage am Dachauplatz oder in der Eingangshalle des Hauptbahnhofs: Überall hat Kuzenko bereits „Spuren hinterlassen“, wie es der ehemalige Stadtheimatpfleger Walter Chrobak ausdrückt. Bei seinem aktuellen Großprojekt, einer Ahnengalerie Regensburger Persönlichkeiten, ist Kuzenko nun bei der „Halbzeit“.

Seit 2018 verschönert er mit den Porträts, gemalt in kräftigen Acrylfarben, eine triste Betonmauer beim Petersweg-Parkhaus. Sowohl das Finden dieser ganz besonderen „Leinwand“ als auch die Auswahl der Personen unterstreichen, wie gut der 67-Jährige Regensburg und seine Geschichte mittlerweile kennt. Die Mauer befindet sich nämlich im Jesuitengässchen, das jahrzehntelang nicht mehr im Stadtplan existent war.

Sponsoren gesucht

Erst als der Parkhaus-Neubau 2014 fertig war, wurde auch der Durchgang vom Petersweg zur Obermünsterstraße wieder für die Öffentlichkeit frei gegeben. Kuzenko aber hatte dieses vergessene Gässchen schon länger im Blick für sein Kunstprojekt, für dessen Verwirklichung er nach mehreren vergeblichen Anläufen dann auch grünes Licht bekam. Mittlerweile ist die Porträtreihe auf 31 Personen angewachsen. Sie beginnt mit – wie könnte es anders sein – Stadtgründer Mark Aurel und endet aktuell mit Georg Friedrich Freiherr von Dittmer, dem Bauherrn des Thon-Dittmer-Palais’ am Haidplatz.

Rein flächenmäßig hat Kuzenko damit ungefähr die Hälfte der Mauer neu gestaltet. Seine Zwischenbilanz fällt nicht nur aus künstlerischer Sicht positiv aus: „Wenn ich auf dem Gerüst stehe und male, kommen immer wieder Leute vorbei und sagen mir, wie gut ihnen die Galerie gefällt. Es gab auch noch keinerlei Vandalismus an den Bildern.“

Weniger erfreulich ist das Thema Finanzierung. Als der Künstler mit der Umsetzung des Projekts begann, hieß der städtische Kulturreferent noch Klemens Unger. Dieser sagte zu, dass die Stadt jedes vierte Porträt zahlt, für den Rest müssten Sponsoren gefunden werden. Mittlerweile greift diese Vereinbarung nicht mehr. Als Chrobak bei Ungers Nachfolger Wolfgang Dersch nach dem Warum fragte, habe die Antwort „etatrechtliche Gründe“ gelautet.

Der frühere Stadtheimatpfleger rührt deshalb nun mehr denn je die Werbetrommel für die Bildermauer. „Das ist bebilderte Stadtgeschichte, ein wunderbarer Ort für Touristen oder auch Schulklasssen“, schwärmt er. Edgar Pielmeier sieht es genauso: „Hier wird Geschichte lebendig.“ Der ehemalige Leiter des Studienseminars St. Emmeram hat sich daher dem Kreis der Sponsoren angeschlossen, sehr zur Freude von Kuzenko.

Von Hans Jakob bis Michael Buschheuer

Der braucht etwa 3400 Euro pro Bild, von denen er noch bis zu 48 weitere malen will. Die Kandidatenliste existiert bereits. Sie reicht vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart und deckt ein breites Spektrum ab.

Die Nazi-Opfer Johann Maier, Josef Zirkl, Michael Lottner und Johann Igl stehen genauso drauf wie die Künstler Willi Ulfig, Otto Baumann und Klaus Caspers, Gastronomie-Legende Sophie Kneitinger, Jahn-Ikone Hans Jakob und natürlich Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. Um den Blick auch auf die Gegenwart der Stadt zu lenken, kann sich Kuzenko zudem lebende Zeitgenossen auf seiner „Wall of Fame“ vorstellen. Hier hat er unter anderem Michael Buschheuer, den Gründer der Seenotrettungsorganisation „Sea Eye“, im Auge.

Doch nicht nur wegen der porträtierten Personen hat das Groß-Kunstwerk im Jesuitengässchen einen Bezug zur Jetzt-Zeit. Chrobak sieht es überdies als ausdrucksstarken Farbklecks bei der lange geplanten und nach wie vor zur zäh vorankommenden Aufwertung des Obermünsterviertels. Er fasst deshalb zusammen: „Das ist ein Projekt, das man als ehemaliger Stadtheimatpfleger nur unterstützen kann.“