Ehrenamtliche Helfer im Landkreis Neumarkt fühlen sich oft alleingelassen

15336 Ausländer leben im Landkreis Neumarkt. Damit hat sich ihre Zahl seit 2014 verdoppelt. Was für ein Kraftakt es für Ämter wie auch Ehrenamtliche bedeutet, sie zu betreuen, hat ein Netzwerk-Treffen gezeigt, das die Leiterin der Integrationsdienste, Mimosa Marku, organisiert hat.
In der politischen Diskussion wird immer von „Integration“ gesprochen. Doch es braucht unendlich viel, um die Geflüchteten zu versorgen. Für ein erstes Dach über dem Kopf und Nahrung sorgt der Staat. Doch dann geht es schon los: Kleidung, Spielsachen für Kinder und erste Sprachkurse organisieren meistens Bürger.
Sie fahren sie auch nicht selten mit dem eigenen Auto und auf eigene Kosten nach Neumarkt oder Beilngries, damit sie Behördengänge erledigen oder Integrationskurse besuchen können. Ganz zu schweigen von der Unterstützung, die Menschen aus Syrien, Polen oder der Ukraine brauchen, um die Anträge für Behörden ausfüllen zu können.
Kritik an Bürgermeistern wegen mangelnden Interesses
Gerlinde Delacroix, die sich seit vielen Jahren in ihrer Heimatstadt Berching auf vielfältige Weise engagiert, wagte bei dem Treffen öffentlich auszusprechen, was so viele Helfer verzweifeln lässt: „Es braucht noch sehr viel mehr Unterstützung der Kommunen und des Landkreises.“ Sie vermisste bei dem Treffen deshalb die anderen Bürgermeister der Gemeinden sowie Landrat Willibald Gailler. Nur Alexander Dorr aus Freystadt war gekommen. Vielleicht sei den Ämtern gar nicht klar, wie viel Zeit und Geld Bürger für die Geflüchteten aufbrächten, sagte sie.
Ein großes Kompliment machte Delacroix der Integrationslotsin Mimoza Marku. „Sie ist das Zentrum und der Anker aller unserer Tätigkeiten.“ Marku stammt aus Albanien, hatte sich zunächst ehrenamtlich um Flüchtlinge gekümmert und war 2021 von den Malteser Integrationsdiensten der Diözese Eichstätt als hauptamtliche Integrationslotsin eingestellt worden. „Ich weiß genau , wie schwer es ist, ein neues Leben in Deutschland zu beginnen.“
Seitdem versucht sie, Akteure zu vernetzen und Projekte auf die Beine zu stellen. Mit zwölf festen Ehrenamtlichen habe sie begonnen – jetzt seien es schon 130, freute sie sich.
Zu den Projekten gehören beispielsweise ein Frauentreff, Schulpaten, eine Fahrradwerkstatt, Initiativen der Sportvereine und Kulturdolmetscher. Die größte Herausforderung jedoch hätten die Mitstreiter des Projekts „Wohlfühlraum“. Sie suchen für Ausländer Wohnungen. „Sie versuchen, eine quasi unlösbare Aufgabe zu lösen“, sagte Marku. Denn der Wohnungsmarkt sei leer gefegt.
Trotzdem sei es gelungen, im vergangenen Jahr 15 Wohnungen zu vermitteln – und dieses Jahr seien es auch schon 15 gewesen. Angesichts der großen Zahl an Wohnungssuchenden generell – auch deutscher – könnten sich die Besitzer ihre Mieter aussuchen. Ihre Wahl falle dann eher nicht auf Migranten. Und wenn doch, gäben sie einer Mutter mit Kindern eher den Vorzug als einem allein stehenden Mann.
Projekt Wohlfühlraum unterstützt Neumarkter Vermieter
„Dann ist es doch an uns, die Vermieter so zu begleiten, dass sie keine Angst haben“, warf Rita Großhauser, Stadträtin und Integrationsbeauftragte der Stadt Neumarkt, ein. Das werde bereits mit dem Projekt „Wohlfühlraum“ gewährleistet, erklärte Marku.
Mit einem Profi wie dem Immobilienfachmann Hans Werner Gloßner im Team seien die Malteser ein zuverlässiger Partner für alle Vermieter – und zwar während der gesamten Mietzeit. Maximilian Winkler, der Leiter der Abteilung Sozialwesen im Landratsamt, bestätigte Markus Erfahrungen. Mehr als hundert Wohnungen habe der Landkreis bereits an Ukrainerinnen vermittelt. Für Männer sei hingegen kaum eine Bleibe zu finden.
Um solche Vorbehalte abzubauen, hat die Integrationsbeauftragte von Lauterhofen, Ingeborg Meyer-Miranda, eine Integrationssprechstunde im Rathaussaal ins Leben gerufen. Immer montags von 13.30 bis 15 Uhr hilft sie Migranten bei Fragen weiter und gibt Einheimischen die Gelegenheit, mit den Neubürgern ins Gespräch zu kommen.
Im Jobcenter Neumarkt fehlt Personal
Angesichts eines solch schwierigen Wohnungsmarkts sei es extrem frustrierend, wenn dann auch noch zwei Mietverträge platzten, weil das Jobcenter sechs Wochen brauche, sie zu genehmigen, klagte Mimoza Marku in Richtung des Geschäftsführers Christian Mader.
Gerlinde Delacroix ergänzte diese Kritik noch: Fragen würden nicht bearbeitet, Einbürgerungsverfahren dauerten extrem lang, die Zusammenarbeit mit den Behörden werde erschwert, weil immer erst Termine vereinbart werden müssten und es keine persönlichen Ansprechpartner gebe.
Christian Mader hatte dafür eine einfache Erklärung: Zu Beginn des Jahres habe er wegen Kündigungen und Krankheit nur noch drei von elf Sachbearbeitern gehabt. Inzwischen arbeiteten sich zwar fünf neue Mitarbeiter ein – mehr Stellen seien im Bundeshaushalt aber nicht vorgesehen. Angesichts der enormen Antragsflut durch Bürgergeld und Flüchtlingsstrom komme das Jobcenter nicht mehr hinterher. „Wir haben versucht, den Betrieb halbwegs am Laufen zu halten“, sagte Mader.
Ein weiteres Problem sind laut Marku die Mietpreise. Zu den vom Landkreis vorgeschriebenen Preisen sei kaum eine Wohnung zu finden. Die Obergrenze werde alle zwei Jahre von einem Gutachter errechnet, erklärte Maximilian Winkler. Das schreibe der Gesetzgeber vor. Für den Landkreis Neumarkt sei der Mietenspiegel erst 2022 errechnet worden. Und diese Obergrenze gelte im Übrigen für alle Personen, die Grundsicherung oder Bürgergeld bezögen.
Malteser: Viel Lob für ehrenamtliche Helfer
Doch an diesem Nachmittag wurden nicht nur Probleme thematisiert. Sowohl Gerlinde Delacroix als auch Mimoza Marku und ihre Mitstreiter zeigten auf, welch großartige Arbeit all die ehrenamtlichen Helfer im Landkreis Neumarkt leisten.
„Ohne die Ehrenamtlichen ist die Integration nicht zu bewältigen“, sagte Janka Böhm, die Referentin des Bereichs Flüchtlingshilfe bei den Maltesern im Bistum Eichstätt. „Die Ehrenamtlichen brauchen aber Anerkennung und Unterstützung.“ Das böten die Malteser durch ihre hauptamtlichen Mitarbeiter und die Vernetzung.
„Es geht darum, den Menschen mit Migrationshintergrund einen möglichst guten Einstieg zu ermöglichen“, sagte Diözesan- und Bezirksgeschäftsführer Christian Alberter. „Sie werden immer mehr und es werden auch immer mehr Menschen benötigt, um unsere Wirtschaft aufrechtzuerhalten.“ Darum sei die Integration der Ausländer eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.