iaido in Tiefenbach – die entspannende Kunst des Schwertziehens

Schwarz gewandete Personen mit Schwertern, aufeinander klackende Hölzer – und dennoch ist die Atmosphäre entspannt. Ein Widerspruch? Vielleicht. Zumindest solange, bis man sich auf iaido einlässt – am besten, indem man selbst in den Samurai-Mantel schlüpft und versucht, ein Teil namens Bokuto einigermaßen elegant und-oder effektiv aus seiner Halterung zu ziehen.
Bokuto, so der Name des Holzschwertes, ist nicht der einzige fremd klingende Begriff an diesem Abend. Das liegt daran, dass iaido mehr ist als eine Kampfkunst oder ein Sport, es ist zudem Meditation, Übungen, die Körper und Geist fordern, im Grunde eine Philosophie.
Michael Baltes, der die Stunden in Tiefenbach leitet, ist selbst das beste Beispiel dafür, was iaido bewirken kann. In den stressigen Berufsanfangsjahren war der Architekt seinerzeit in Regensburg auf der Suche nach einem Ausgleich. „Und damals gab es noch kein WhatsApp und permanente Erreichbarkeit“, glaubt der Chamer, dass iaido und Co. heute noch viel wichtiger sind als vor knapp 20 Jahren.
Japanisches Bogenschießen hätte ihn gereizt, aber das gab es nur eineinhalb Fahrtstunden weit weg. Bei einer Internetrecherche stolperte er über iaido und einen gewissen Peter Güthing, der als Koryphäe gilt und in der Domstadt Training anbot. „Den ruf‘ ich an“, lautete sein „folgenschwerer“ Entschluss.
Alltag ausblenden
Das Besondere? Den Alltag ausblenden, zwei Stunden haben, die einem ganz alleine gehören. Dazu tragen nicht nur die ruhigen Bewegungen bei, sondern auch das Wissen um die Tradition, um die Rituale.
Ihren Ursprung hat iaido im Japan zur Zeit der Streitenden Reiche (1467 -1603) mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen und permanenter Todesgefahr. Die Samurai trainierten damals Schwerttechniken in festgelegten Abläufen. Die Idee beim iaido: Bereits beim Ziehen des Schwertes dem Gegner einen entscheidenden Schlag in Form eines Schnitts versetzen. Deswegen schaut die (bis zu den höchsten Dan-Graden stumpfe) Klinge in der Scheide nach oben. Das alleine macht das Ziehen zu einer Kunst.
Um die Übungsformen – in der Stilrichtung, die die Schorndorfer Gruppe pflegt, gibt es 70 Katas für den Kampf gegen den imaginären Gegner sowie 21 mit Partner – zu verstehen, muss man sich in die Situation hineinversetzen. Ein Angriff aus einer Seitengasse, in einer Menschenmenge. „Der Japaner hasst böse Überraschungen“, erläutert Michael Baltes, der sich intensiv mit der Geschichte auseinandergesetzt hat.
Und deshalb auch die Rituale kennt: Begrüßungsforme(l)n, ein Schrein, auf den der Übungsraum ausgerichtet ist, die Art, wie das Schwert zu liegen hat. Die Kleidung und der vier Meter lange Gürtel. Oder auch, dass die besten Kämpfer am weitesten vom Eingang entfernt stehen. Hintergrund: Sie können sich sammeln und einen vermeintlichen Angriff gezielt abwehren, während „das Fußvolk“ versucht, die Gegner aufzuhalten.
„Viel hat mit Etikette zu tun“, erläutert der Chamer. Das trägt zur Ruhe bei, wie auch eine kurze Meditation am Anfang und am Ende, oft in Form einer kurzen Atemübung, „das hilft beim Ankommen“. Dazu etwas, was auch die aktuell zwölf Mitglieder der Gruppe leben: „Es gibt keinen Neid, keine Missgunst, keine Konkurrenz.“
Viel mehr geteilte Freude, wenn eine Bewegung besonders fließend gelingt. Was Baltes beeindruckt: Die Japaner hätten es geschafft, die alten Techniken über so viele Jahrhunderte am Leben zu halten.
Imaginärer Gegner
Ob einem die vermeintliche tödliche Bedrohung bei den Übungen vor Auge ist oder man von ihr träumt, Stichwort Zeitreise in die Zeit der Samurai? „Nein“, lächelt er , „eher davon, dass ich nicht trainieren konnte.“ Der imaginäre Gegner bei den Übungen, der sei hingegen schon „irgendwie da“.
Die Grundübungen sind die gleichen, den weiteren Inhalt gibt Michael Baltes als Anleiter vor. Grundidee: Jeder übt für und an sich. Er hat noch keinen erlebt, der mit einer gewissen Konsequenz keine Fortschritte gemacht hätte. Allerdings braucht es ein wenig Geduld , Konzentrationsfähigkeit – und ein „Sich-einlassen“. Oft gehe die Vorstellung der Bewegung und das, was der Körper macht, (weit) auseinander.
Der Vater dreier Töchter hat sich in europaweiten Lehrgängen weitergebildet (von denen er hofft, bald einen in oder bei Cham einfädeln zu können), findet, dass es guten, intensiven Unterricht braucht, um weiter zu kommen. Zwar gibt es inzwischen eine Menge Bücher – inklusive Klassikern von Baltes‘ „Ziehvater“ Peter Güthing, der als Soldat in Cham stationiert ist – aber sich anhand derer auf den Weg zu machen sei „äußerst schwierig“.
Wettkämpfe gibt es dennoch, ebenso Gürtelprüfungen. Die erste, der sich die Gruppe unterzogen hat, haben alle bestanden. Die Termine in Tiefenbach sind für die iaidokas – so der Name der Kämpfer – zusätzliche Übungsmöglichkeiten. In Schorndorf, wo sie sich vor gut einem Jahr als Unterabteilung des SSV gefunden haben, sind keine Kapazitäten mehr zu haben, außerdem kommt ein nicht unerheblicher Teil aus dem Altlandkreis Waldmünchen. Und zwar von Schülern bis Ü 40, wobei Michael Baltes betont, dass es weder für Neueinsteiger noch für hochdekorierte Dan-Träger eine Altersbeschränkung gibt. Und auch, wenn die Bewegungen langsam erscheinen: Anstrengend ist das Ganze, schon alleine durch das Gewicht des Schwertes (rund ein Kilo).
Und dennoch „total entspannend“, wie eine Teilnehmerin bestätigt. Das halte an, wenn man nach dem Training das Gefühl hat, sich und seine Fähigkeiten verbessert zu haben. Das mache was mit einem, mit seiner Persönlichkeit. „Es ist wie eine Reise zu mir selbst.“


