Kelheims Ex-Chefarzt und Ärztlicher Direktor Norbert Kutz setzt neue Segel

Von Martina Hutzler · 2. Mai 2023 um 19:00

Er hat unzählig viele Menschen in tiefen Schlaf versetzt und ebenso unzählig viele vor dem Tod bewahrt. Jetzt hat Norbert Kutz als Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin am Kelheimer Krankenhaus aufgehört. Künftig nimmt der promovierte Mediziner unter anderem Kurs auf bekannte und neue Gewässer.

Sie sind seit 40 Jahren als Anästhesist tätig, zuletzt 21 Jahre in Kelheim – kann einen da im Dienst noch etwas überraschen?

Norbert Kutz:Als Mediziner weiß man morgens nie genau, was der Tag bringt. 80 bis 90 Prozent sind Routine – der Rest sind immer neue Herausforderungen. Auch nach 40 Jahren.

Zum Beispiel?

Kutz:Mein letzter Rufdienst als Chefarzt mündete in die sechsstündige Herausforderung eines schwierigen Kaiserschnitts... Auch die gesamte Corona-Pandemie war eine Herausforderung. Die uns teils an Grenzen geführt hat.

Inwiefern?

Kutz:Anfangs der große Mangel an allem – Masken, Schutzausrüstungen, Desinfektionsmittel. Dann war die Patientenversorgung phasenweise hochproblematisch – in der ersten Welle hatten wir parallel eine „normale“ und eine Intensiv-Station nur für Covid-Patienten; später waren alle Intensivplätze in Kelheim mit Covid-Erkrankten belegt; für alle anderen Intensiv-Patienten haben wir mit dem Bad Abbacher Klinikum dort eine Intensivstation eingerichtet. Ja, und mit Blick auf Bergamo haben wir uns natürlich auch gefragt, ob wir selbst diese Pandemie alle überleben werden.

Haben Sie in der Zeit mal an Ihrer Berufswahl gezweifelt?

Kutz:Nie! Als Arzt darf ich vor dem, was ich tue, keine Angst haben – sonst muss ich aufhören. Ich muss mit meinem Wissen – auch mit dem Wissen um Infektionsgefahren –, meiner Erfahrung und mit Optimismus in jede Behandlung gehen.

Was trotzdem nicht immer vor Fehlern bewahrt...

Kutz:Natürlich macht man Fehler. Es gibt ja immer mehrere Wege, und man muss sich für einen entscheiden. Aber es ist über die 40 Berufsjahre hinweg gut gelaufen. Das ist nicht selbstverständlich; ich bin da auch sehr demütig.

Sie sind von der Uni-Klinik Regensburg ans Krankenhaus Kelheim gewechselt. Wieso?

Kutz:Es war toll, in einem Haus anzufangen, in dem jeder jeden grüßt – egal in welchem Beruf man tätig ist. Das ist für mich Wertschätzung. Auch die Beziehung zu Patienten ist hier viel individueller als an einer großen Klinik. Man begleitet Patienten über Jahre hinweg, kennt oft die ganze Familie. Und ein fantastisches Team habe ich hier vorgefunden.

Was zeichnet ein „fantastisches Team“ aus?

Kutz:Alles in einer Klinik ist Teamarbeit: ob Ärzte, Pflegekräfte, Funktionsdienste, Hygiene, Apotheke, Technik, EDV, Küche, Pforte und weitere Bereiche. Das sind Zahnräder, die ineinander greifen müssen. Und die regelmäßig gewartet und geölt werden müssen, damit sie funktionieren. Für diese Arbeit gehört eine innere Einstellung dazu; Altruismus und zum Teil auch, ja: Opferbereitschaft. Man muss mehr geben, als der Tarifvertrag verlangt – und Freude dran haben. All das habe ich in Kelheim so erlebt.

Auch jetzt noch?

Kutz:Ja, doch, das ist noch so. Aber es schwinden die Freiräume für so eine Kultur. Die Fallpauschalen, vor 20 Jahren eingeführt, sind ein riesiger Mehraufwand an Bürokratie und Dokumentation – wir haben in Kelheim eigens medizinische Dokumentations-Assistentinnen weitergebildet, als eine der ersten Kliniken überhaupt. Das DRG-System zwängt uns zu sehr ein. Es darf nicht sein, dass die Leute deshalb ihren Altruismus verlieren und Dienst nach Vorschrift machen!

Wird der Altruismus in Gesundheitsberufen nicht systematisch ausgenutzt?

Kutz:Das war ja schon immer so. Einen Lkw-Fahrer können Sie nach acht bis zehn Stunden auf den Parkplatz schicken – ein Notfallteam kann einfach nicht nach Stechuhr arbeiten, tut das auch nicht. Aber diese Bereitschaft zur Flexibilität würgt man mit zu viel Bürokratie ab. Wenn man etwa andauernd umständlich schriftlich begründen muss, warum man später ausgestempelt hat als im Dienstplan vorgesehen.

Abschrecken ließen Sie sich trotzdem nicht von der administrativen Seite der Klinik-Arbeit – Sie haben sich 2016 zum Ärztlichen Direktor wählen lassen und als solcher auch den Weg der kommunalen Goldberg-Klinik zum Caritas-Krankenhaus St. Lukas mit begleitet. Ein richtiger Weg?

Kutz:Uns war allen klar, dass das Kelheimer Krankenhaus „allein auf weiter Flur“ nicht überlebt. Deshalb haben wir alle Kooperationspartner ausgelotet. Die beste Perspektive war es, mit St. Josef zusammen eine regionale „Marktmacht“ mit rund 500 Betten zu bilden. Klar war aber auch, dass das nicht einfach wird, Kompromisse nötig sind. Und dass der Umbau zu personellen Wechseln führen wird – zumal man im Gesundheitssektor derzeit problemlos eine neue Stelle findet. Vor dem Hintergrund bin ich froh, dass für meinen Chefarzt-Posten ein Nachfolger und bis dahin ein Interims-Leiter gefunden sind. Ich sehe meine Abteilung in guten Händen – und für alle, die dabeibleiben, sehr gute Perspektiven.

Und Ihre eigenen neuen Perspektiven?

Kutz:Anästhesie mache ich für mein Leben gerne – da werde ich noch weiterhin tätig sein, eventuell auch in der Ausbildung. Im Juli übernehme ich die Präsidentschaft im Lions-Club Kelheim. Mein großes Hobby ist das Segeln – mit der Jolle am Guggenberger, oder als Skipper auf größeren Booten in Kroatien oder an der Ostsee. Und in Bamberg betreibe ich mit meinen Brüdern das Museum der Kommunikations- und Bürogeschichte, das ich vor 40 Jahren mit meinem Vater aufgebaut habe.

Wie sind sie denn dazu gekommen??

Kutz:Meine Eltern hatten ein Geschäft für Bürotechnik. Das Interesse habe ich wohl „geerbt“ – ich habe schon als Student eine Sammlung mit 40 Schreibmaschinen aufgekauft.

Kling alles in allem nicht nach beschaulichem Rentnerdasein.

Kutz:Ich denke auch nicht, dass es allzu langweilig wird. Das war das Leben von meiner Frau und mir noch nie.