Das Regensburger Bürgerfest war schon immer schon ein politisches Fest

Regensburg. Seit der Erstauflage im Jahr 1973 ging es beim Regensburger Bürgerfest schon immer um weit mehr als nur feiern. Dies kommt jetzt in einer neuen Broschüre zum Ausdruck.
Bernd Edtmaier wäre alt genug, um auf dem allerersten Bürgerfest im Jahr 1973 gewesen zu sein. Zwar nur als im Kinderwagen durch die Menschenmenge geschobener Knirps, aber immerhin. Doch er sagt: „Ich war da ganz bestimmt nicht. Meine Eltern hatten mit sowas nichts am Hut.“
Der Filius ist da ganz anders. Er hat mit der Entwicklung Regensburgs seit den 1960er-Jahren extrem viel am Hut, bringt dazu jedes Jahr einen Fotokalender heraus und arbeitet an einem großen Buch zum Thema. Von daher weiß er auch sehr gut, dass das Bürgerfest seit Beginn an eine wichtige Rolle bei eben dieser Entwicklung gespielt hat. Weil die Stadt keine eigene Publikation zum 50-Jährigen dieser Institution auf die Beine gestellt hat, ist Edtmaier kurzentschlossen in die Bresche gesprungen.
Am 20. April hat er damit angefangen, nur drei Wochen später war er mit dem 48-Seiten-Werk bereits fertig. An die städtische Broschüre, die zum letzten Bürgerfest-Jubiläum 2013 erschienen war, konnte er sich dabei nicht anlehnen.
„Da war gerade mal eine Drittelseite über 1973 drin“, sagt er. Das reicht natürlich nicht. Denn um die Bedeutung des Bürgerfests verstehen zu können, muss man vor allem auf die Zeit der Erstauflage blicken. Diese stand genau wie Edtmaiers Broschüre unter dem Motto „Altstadt macht Spaß“ und wird auf 20 Seiten in allen Facetten beleuchtet.
Wahnsinnige und unsinnige Verkehrspläne
In aller Ausführlichkeit schildert der Autor die in den frühen 70ern immer noch bestehenden, aus heutiger Sicht unglaublichen Planungen einer autogerechten Altstadt, die unter anderem einen mindestens vierspurigen Ring rund um das historische Zentrum vorsahen, natürlich inklusive eines flächendeckenden Abbruchs historischer Bausubstanz.
Der im Krieg weitestgehend unzerstört gebliebenen Altstadt hätte das im Nachhinein den Garaus gemacht. Diese Pläne schlummerten 1973 nach wie vor in der Schublade. Das erste Bürgerfest half maßgeblich dabei mit, sie als Wahn- und Unsinn zu entlarven.
Denn vielen Regensburgern war bis dahin die Einzigartigkeit ihrer Altstadt gar nicht bewusst. Dass man beispielsweise auf dem Haidplatz nicht nur parken, sondern auch ganz hervorragend feiern und sogar einen 33 Meter hohen Maibaum aufstellen kann, muss damals ein riesiges Aha-Erlebnis gewesen sein.
Die in Edtmaiers Broschüre abgedruckte Festbilanz der MZ spricht Bände: „Beim Bürgerfest feierten Regensburgs Bürger die Wiederentdeckung der Altstadt. Die Straßen und Plätze des Festbereichs gehörten den Fußgängern, die Kraftfahrzeuge waren aus ihm verbannt. (...) Ohne große Worte legten alle ein Bekenntnis zur Altstadt ab“, lautete der Rückblick damals.
50 Jahre später steht Edtmaier mit seinem Werk auf dem Spielplatz an der Weingasse sagt: „Das Bürgerfest war eben noch nie ein bloßes Fress- und Sauffest, es war schon immer ein politisches Fest.“
Der Ort für den Fototermin ist bewusst gewählt, denn er zeigt gleichermaßen die nachhaltige Wirkung und Kontinuität des Bürgerfests: Hier, auf der Brachfläche des abgerissenen Arme-Leute-Viertels „Im Drießl“, sorgte der Verein Regensburger Eltern 1973 für das Kinderprogramm – auf dem heutigen Spielplatz wird derselbe Verein auch beim Bürgerfest 2023 aktiv sein.
Die politische Komponente trat in all den Jahren dazwischen immer wieder einmal zutage. 1990 zum Beispiel stand wegen des damaligen Müll-Notstands eine Absage im Raum – das Fest fand letztlich doch statt und die Regensburger lernten auf ihm, dass man auch bei Großveranstaltungen Mehrweg-Geschirr verwenden kann. Später in diesem Jahrzehnt tobte dann ein erbitterter Streit darüber, ob das Fest überhaupt noch eine Botschaft hat oder zum reinen Kommerz verkommen ist.
Es bleibt noch viel zu tun im Sinn der Bürgerfest-Idee
Es hat sich bis heute gehalten, und für Edtmaier ist die Botschaft klar. Es geht weiterhin um die Aufwertung der Altstadt, wo nach wie vor viel zu tun ist: „Alter Kornmarkt, Arnulfsplatz und Emmeramsplatz sind nach wie vor Drehschreiben des fahrenden und ruhenden Verkehrs und auch die komplette Verkehrsbefreiung des Domplatzes ist (noch) nicht vollzogen“, schreibt er.
Das Bürgerfest hat in seinen Augen auch heute noch die Aufgabe, darauf hinzuweisen – im Einklang mit übergeordneten Themen wie Nachhaltigkeit, Ressourcen schonen und soziales Miteinander. Das Kulturreferat jedenfalls findet diesen Ansatz wie die gesamte Broschüre hervorragend. Nicht zuletzt deshalb, weil Edtmaiers Engagement der Grundidee des Bürgerfests vollauf entspricht.
Das ist die Broschüre
Konzept: Bernd Edtmaiers Fest-Broschüre mit dem Titel „Altstadt macht Spaß“ blickt auf 48 Seiten mit zahlreichen Fotos und Grafiken auf alle 24 Bürgerfeste zurück. Den Schwerpunkt bildet die Premiere im Jahr 1973 mit einer ausführlichen Beleuchtung aller Hintergründe.
Präsentation: Das im Format DIN A 4 gestaltete Werk wird erstmals am 27. Mai bei der Eröffnung der Bürgerfest-Ausstellung im Leeren Beutel vorgestellt und verkauft.
Vertrieb: Ab 30. Mai wird das Heft im Regensburger Buchhandel zu haben sein, zudem kann es per Mail an bernd.edtmaier@gmx.de bestellt werden. Beim Bürgerfest selbst wird es an verschiedenen Ständen aufliegen, dabei gehen von jedem verkauften Exemplar zwei Euro an die Sozialen Initiativen.
