Schokolade ganz ohne Kakao: Größte Branchen-Innovation seit 100 Jahren

Von Gerd Otto · 21. April 2023 um 06:44

Der Oberpfälzer Unternehmer Hans Seidl aus Laaber unterstützt das Start-up „Planet A Foods“ auf dem Weg zur größten Branchen-Innovation seit 100 Jahren: „Nocoa“, einer kakaofreien Schokolade.

Gründermentalität, Pioniergeist oder unternehmerisches Rebellentum – all das hat nur wenig mit Alter, Ausbildung und familiärem Umfeld zu tun. Als Hans Seidl aus dem oberpfälzischen Laaber etwa nach einigen Jahren in der Bankenbranche 1988 die Leidenschaft für Reisen und Schokolade in seine Seidl Confiserie einbrachte, war von „Start up“ noch lange nicht die Rede.

Über 30 Jahre später starten die promovierten Akademiker Sara und Maximilian Marquart wie von selbst in die Gründerszene und gelten inzwischen als die „Chocolate Siblings“. Die von dem Münchner Geschwisterpaar kreierte Idee der kakaofreien Schokolade „Nocoa“ wird an diesem Wochenende auf der Süßwarenmesse in Köln präsentiert. Die Branche schwärmt von der größten Innovation der letzten 100 Jahre.

Schokolade ohne Kakao: „Nocoa“ als zweite Säule

Und in der Tat: Marquart und Seidl sind nach etlichen Verbrauchertests überzeugt, dass die Schokoladen-Liebhaber jetzt für ihr „Nocoa“ bereit seien – für eine Schokolade ohne Kakao, weshalb man die etwa in der Seidl Confiserie angebotenen Leckereien auch nicht Schokoladen nennen darf. Dahinter verbirgt sich die 2021 gegründete Company „Planet A Foods“, deren Ziel es ist, mit Hilfe innovativer Technologien nachhaltige, zukunftsfähige Lebensmittel herzustellen.

Denn, so der geschäftführende Gesellschafter Max Marquart und seine Schwester, die Lebensmittelchemikerin Sara Marquart, die als Technik-Vorstand der jungen Firma fungiert, übereinstimmend: „Wir haben keine zweite Erde, eben keinen Planeten B.“ Wie sehr dies zutrifft, lässt sich am Beispiel Kakao eindrucksvoll verdeutlichen. Weil das Ursprungsgebiet der auf tropisch-feuchtes Klima angewiesenen Kakaopflanze speziell in Brasilien angesichts der permanent bedrohten Regenwälder immer weiter in den Hintergrund gerät, kommt Kakao heute zu 70 Prozent aus Ghana und der Elfenbeinküste – mit einem beängstigenden ökologischen Fußabdruck, ganz zu schweigen von der Kinderarbeit.

Prozess dem des Bierbrauens sehr ähnlich

All dies hat das Marquart-Team veranlasst, ein dem Bierbrauen sehr ähnlichen Prozess zu entwickeln, wobei statt Kakaobohnen Hafer und Sonnenblumenkerne verwendet werden, dies freilich neben Kakao als „zweite Säule“. Konkret wird das Getreide durch den Einsatz von Hefe zerkleinert und geröstet. Auf diese Weise entfaltet„Nocoa“ jene Aromen, die Schokolade so reizvoll macht. Während die Hefe aus dem Produkt gefiltert wird, benötigt die Hafer-Variante, also das patentierte „Nocoa“, rund 30 Prozent weniger Zucker, da Hafer ja von Natur aus süß sei. Auf eben solch natürliche und regionale Zutaten setzen Maximilian Marquart und sein inzwischen auf 20 Mitarbeiter angewachsenes Start up-Unternehmen generell. In bezug auf die Wertschöpfungskette bei Schokolade erhoffen sich die Partner rund um „Planet A Foods“ eine spürbare Entlastung, und gleichzeitig könnte Kakao als Rohstoff zu einer neuen Wertigkeit gelangen.

Das Ziel der „Chocolate Siblings“ und des schon sehr früh gerade von Afrika faszinierten Oberpfälzers Hans Seidl: Eine sozial gerechte und umweltfreundliche Lebensmittelindustrie. Für den aktuellen Durchbruch in Sachen Nocoa war die Partnerschaft der beiden insbesondere deshalb außerordentlich günstig, weil Hans Seidl seine Produktionsstätte im tschechischen Pilsen einbringen konnte, wo derzeit mit einer Belegschaft von 20 Mitarbeitern die Nocoa-Masse hergestellt wird, um am Standort Laaber in leckere Süßigkeiten verarbeitet zu werden. Von den dragierten Amarettini oder auch den Mini-Salzbrezeln auf Nocoa zeigt sich Maximilian Marquart jedenfalls begeistert.

Individuelle Großaufträge: „Langweilig wird es bei uns nie“

Mit Begeisterung war Hans Seidl schon in den späten 80er Jahren in das Geschäft mit Süßigkeiten eingestiegen, wobei er als Manufaktur stets die Balance zwischen den individuell nachgefragten Produkten und den oft daraus sich ergebenden Großaufträgen schafft. „Langweilig wird es bei uns jedenfalls nie,“ ergänzt Marketingleiter Jakob Hilber. Das war schon zu Beginn des Unternehmens so, als Hans Seidl mit einem essbaren Milchkännchen auf sich aufmerksam machte oder mit der Macadamia-Nuss für einen weiteren Eckpfeiler sorgte. Heute verarbeitet das Unternehmen mit 85 Mitarbeitern jährlich über 250 Tonnen an Rohstoffen. Nicht von ungefähr machen jährlich 1000 Busse in Laaber Station, schneller ist nur der Online-Shop.

Hans Seidl ist vom Schokoladengenuss „Nocoa“ überzeugt.
Von Kenia in die Oberpfalz – in der Confiserie erinnert ein Elefant an die frühe Leidenschaft von Hans Seidl für Afrika.
Sehr zufrieden: Maximilian Marquart (li.) und Christian Seidl.