Zehn Jahre nach Regensburgs Gedenk-Eklat: Resultate lassen auf sich warten

Keine Abteilung im Museum, kein zentraler Ort für Erinnerung an die die Zeit Regensburgs im Nationalsozialismus: Experten fordern mehr Elan in der Gedenkarbeit.
Es war ein verheerendes Zeugnis, das sich die Stadt im Frühjahr 2013 für die Art und Weise einfing, wie sie bis dahin die Zeit Regensburgs im Nationalsozialismus aufgearbeitet hatte. Sogar von einem Gedenk-Eklat war damals die Rede. In einem 34-seitigen Gutachten attestierten drei Experten der Domstadt massiven Nachholbedarf bei dem Thema. Der besteht der auch jetzt noch, sagt Jörg Skriebeleit, einer der Autoren. Damit ist er nicht der Einzige.
DasPapiersollte damals eigentlich die Geschichte des ehemaligen Außenlagers des KZ Flossenbürg in Stadtamhof beleuchten. Die Erinnerung daran sei nicht angemessen, urteilten die Autoren. Sie bezeichneten etwa die Inschrift einer Gedenkplatte vor dem Colosseum als einen unglücklich formulierten Text, der in fast grotesker Form am Kern der Sache vorbei geht.
Aber schon in der Vorbemerkung des Gutachtens brachten Skriebeleit und seine Coautoren überdies sehr deutlich zum Ausdruck, dass sie in Regensburg noch ein weiteres Manko sehen: Es fehle eine öffentliche Präsentationsform für die neuere Stadtgeschichte. Und so bestehe die unabdingbare Notwendigkeit, den Fokus bei dem Thema zu weiten.
Zehn Jahre später klagt Luise Gutmann, die sich seit ihrem Studium in den 1970er-Jahren für die Gedenkkultur stark macht und die Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) 2022 mit dem Stadtschlüssel auszeichnete, dass das Gutachten ein Gutachten geblieben sei: „Es sind keine weiteren Schlüsse daraus gezogen worden.“ Punktuell sei durchaus etwas passiert, manches aber dauere in Regensburg länger, sagt auch Skriebeleit. Und verdeutlicht: „das große Ganze“
„Im Historischen Museum gibt es immer noch keine Abteilung“
Hans Simon-Pelanda, auch er kämpft seit den 1970er-Jahren für ein sichtbares Gedenken, liefert Beispiele: „Im Historischen Museum gibt es immer noch keine Abteilung, die sich mit Regensburg in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt“, sagt er. Zudem fehle ein zentraler Ort für das NS-Gedenken. Er schlägt den Dachauplatz vor. Im Frühjahr 1945 hieß der noch Moltkeplatz. Hier demonstrierten in den letzten Kriegstagen Frauen und forderten so die kampflose Übergabe der Stadt. Um den Platz zu einem würdigen Gedenkort zu machen, brauche es aber eine grundlegende Umgestaltung. „Zwischen der Würstelbude und einem Brunnen, der die meiste Zeit aus ist, sieht der Platz jetzt aus wie eine städtebauliche Katastrophe“, schimpft Simon-Pelanda.
Die Auseinandersetzung Regensburgs mit dem Nationalsozialismus sei bis heute nicht auf den ersten Blick im öffentlichen Raum erkennbar, ergänzt Skriebeleit. „Und auch nicht auf den zweiten oder den dritten“, setzt er nach.
Auf die Frage, was die Bürger denn von der Umsetzung dieser Forderung hätten, antwortet Skriebeleit: „Es geht nicht darum, Regensburg zur Nazistadt zu machen. Aber die Zeit des Nationalsozialimus gehört elementar dazu.“ Und in Regensburg komme das mit Themen wie dem ehemaligen KZ-Außenlager in Stadtamhof, dem Messerschmitt-Werk, Deportationen sowie der Rolle des Historischen Museums oder der des einstigen Kulturdezernenten Walter Boll zu tragen.
Regensburg: Stadt überprüft Straßennamen auf NS-Bezüge
Immerhin sei die Erforschung dieser Person nun angestoßen worden, sagt Skriebeleit. Simon-Pelanda lässt gelten, dass die Stadt inzwischen Straßennamen auf NS-Bezüge überprüfe. „Aber da geht nichts voran“, bilanziert er. Auch gibt es den Runden Tisch in der Sache. Der ist in seinen Augen aber ebenfalls noch verbesserungswürdig.
Ilse Danziger, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, lobt, dass der gemeinsame Gedenkweg für dieOpfer des Nationalsozialismusins Leben gerufen wurde. „Früher waren das konkurrierende Veranstaltungen“, erinnert sie sich. Zudem bringt sie ins Spiel, dass es mit Raphael Birnstiel jetzt einen Beauftragten für Erinnerungs- und Gedenkkultur bei der Stadt gibt.
Wo aber sehen die Regensburger heute, dass sich die Gedenkkultur in den vergangenen zehn Jahren verändert hat? Birnstiel lässt über Juliane von Roenne-Styra, Pressesprecherin der Stadt, ausrichten, dass dies an den Informationsstelen in Stadtamhof zur ehemaligen KZ-Außenstelle, der inzwischen direkt am Colosseum angebrachten Gedenktafel sowie der im Gutachten kritisierten und nun entfernten Bodenplatte zu erkennen sei. Auch wenn dies gleichzeitig die ältesten Veränderungen aus dem Zuständigkeitsbereich der Stabsstelle Erinnerungs- und Gedenkkultur seien.
Mehr Einfluss gefordert
Das Engagement dieser Stelle oder Birnstiels seien aber auch nicht das Problem, sind sich Skriebeleit, Gutmann und Simon-Pelanda einig. „Es geht um den Zuschnitt. Der Leiter braucht mehr Einfluss und vernünftige finanzielle Mittel“, fordert Gutmann.
Skriebeleitsetzt derweil selbst Impulse in Regensburg. Er hat das Zentrum für Erinnerungskultur an der Universität mit aus der Taufe gehoben. „Damit können wir helfen, Dinge anzustoßen“, sagt er. Etwa sei geplant, im Oktober eine Ausstellung zum Ende der Zeitzeugenschaft für ein Jahr nach Regensburg holen.
Veranstaltungen zum Thema in den kommenden Wochen:
Sonntag:Um 18 Uhr beginnt der Gedenkweg für die Opfer des Nationalsozialismus in Regensburg am Colosseum in Stadtamhof. Er hat sechs Stationen und führt über das Westportal des Doms zum Neupfarrplatz, zur Synagoge sowie zum Georgenplatz und endet am Dachauplatz. An allen Stationen soll mit Reden an die mutigen Menschen erinnert werden, die noch in den letzten Kriegstagen ihr Leben für die Freiheit der Stadt geopfert haben.
Bis 30. Aprilzeigt die Ausstellung „Erinnerung: Bruno Furch“ im M26 Zeichnungen des Künstlers über seine Gefangenschaft in Konzentrationslagern sowie den überlebten Todesmarsch.
8. Mai:Um 19 Uhr ist an der Willi-Ulfig-Schule der Vortrag „Karriere durch alle Systeme: (Ober-)Bürgermeister Hans Herrmann 1925 - 1933 - 1952“.
20. Mai:Um 16 Uhr startet am Rathausplatz die Führung „Zachor - Erinnere dich“ durch das ehemalige und im Jahr 1519 fast vollständig zerstörte jüdische Viertel.